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Radsport: „Klein-Paris“ setzt auf Millionenpublikum

Radsport : „Klein-Paris“ setzt auf Millionenpublikum

Nach 30 Jahren startet die Tour de France wieder in Deutschland. Düsseldorf fühlt sich gewappnet, trotz verhaltener Partystimmung.

() Der Karneval sollte ein Witz dagegen sein, doch ob diese Hoffnung wahr wird? Düsseldorf erwartet zum Start der 104. Tour de France an diesem Wochenende bis zu 700 000 Besucher. Die NRW-Metropole ist beflaggt in den Farben der Tour-Trikots, Beete mit zehntausenden Blumen sind in den französischen Nationalfarben arrangiert. Düsseldorf hofft auf Einnahmen, Imagegewinn und Touristenströme. Die Werbung durch die weltweite Berichterstattung soll 30 Millionen Euro wert sein – das hatte jedenfalls Utrecht in den Niederlanden errechnet, wo die Tour 2015 startete. Das teure Vergnügen, den ersten Grand Départ in Deutschland nach West-Berlin (1987) auszurichten, kostet alles in allem über 13 Millionen Euro.

„Le Tour de France“ steht auf dem Bierglas, der Fahrradklingel oder dem Schlüsselanhänger: Die Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen rührt seit Wochen mit aller Kraft die Werbetrommel. Auf Müllautos, Straßenbahnen und Bussen, in der U-Bahn, im Stadtzentrum und sogar in Kindergärten hängen Plakate wie „Bonjour Le Tour“ oder „Le Tour kommt in die Stadt“. Heute beginnt das Spektakel mit der Präsentation der Mannschaften.

Düsseldorf nennt sich gerne „Klein-Paris“ und hofft, vor einem Millionenpublikum an den Fernsehern auch mit schöner Kulisse zu punkten. Die erste Etappe des 14 Kilometer langen Zeitfahrens führt am Samstag vorbei am Rhein, schmucken Häusern und der Nobelmeile Königsallee. Die zusätzlichen Umsätze in Hotels, Kneipen und Restaurants werden auf rund 57 Millionen Euro geschätzt.

Ausgebucht sind die Hotels der Messestadt aber nicht. Die Nachfrage erinnere bislang an ein besonders gut gebuchtes Sommerwochenende, meinen Experten. „Das Tour-Wochenende ist für die Hotellerie eine tolle Sache“, meint aber Ulrike Sassin, Direktorin des Hotels Düsseldorf Mitte zwischen Hauptbahnhof und Königsallee.

Es steht noch nicht genau fest, wie teuer das Spektakel am Ende wird für die 600 000-Einwohner-Stadt, die zu den wohlhabenden Kommunen von Nordrhein-Westfalen zählt. Geschätzt gut vier Millionen Euro musste Düsseldorf an den französischen Tour-Veranstalter Amaury Sport Organisation (ASO) zahlen, damit das Radrennen überhaupt in die Stadt kommt. Berlin war vor 30 Jahren mit dem halben Betrag (in D-Mark) dabei. Den angepeilten Einnahmen von insgesamt knapp acht Millionen Euro stehen erwartete Ausgaben von über 13 Millionen Euro gegenüber. Sechs Haupt­sponsoren stehen in der ersten Reihe, meist städtische Unternehmen. Ein anderer Unterstützer ist der bekannte Fotokünstler Andreas Gursky. Der sportbegeisterte Düsseldorfer hat der Stadt 45 Original-Abzüge einer bislang unveröffentlichten Arbeit mit einem Tour-Motiv gestiftet. Die Werke sind Teil eines Sponsoring-Pakets. 25 Interessenten haben zugegriffen – ein Paket kostet 50 000 Euro.

Die Begeisterung in Düsseldorf hat aber Luft nach oben. Das könnte eine Folge des handstreichartigen Vorgehens sein, mit dem Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) die Bewerbung im Herbst 2015 durchboxte. Schon drei Wochen nach der Präsentation der Idee wurde sie im Stadtrat behandelt. In der geheimen Abstimmung gaben Stimmen vom rechten Rand den Ausschlag. Inzwischen ist ein breiterer Konsens erreicht. „Eine große Chance für die Landeshauptstadt“ nennt Geisel den Tourstart.

Die zunächst prognostizierte eine Million Besucher kommt wohl nicht. Manch einer sorgt sich in diesen Tagen um die Sicherheit. „Wir sind gut aufgestellt und auf alles vorbereitet“, versicherte Düsseldorfs Polizeichef Norbert Wesseler, der sich ansonsten in Bezug auf Informationen zur Gefahren-Prävention bedeckt hält. Große Teile der zentralen Innenstadt werden gesperrt. Die Stadt hat Briefe an Autobesitzer geschickt, die an der Strecke wohnen: „Lassen Sie Ihr Fahrzeug stehen“. Neuralgische Punkte werden durch Straßensperren geschützt.

 Tour de France
Tour de France Foto: SZ/Astrid Mueller

Bedauerlicherweise lässt auch das Wetter keine grenzenlose Party­stimmung aufkommen. Die Vorhersagen sind bescheiden. „Regnet es in Sturzbächen, dann bleiben Tagesbesucher zu Hause“, sagt ein Tourismus-Fachmann. Düsseldorf setzt auch deswegen vor allem auf Fans aus den Radsport-Nationen Belgien und Niederlande. Sie wären in ein bis zwei Autostunden mitten im Tour-Taumel.