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Tennis-Manager Detlev Irmler
„Zverev kann eine neue Ära begründen“

Alexander Zverev nach seinem Triumph von London.
Alexander Zverev nach seinem Triumph von London. FOTO: dpa / John Walton
Düsseldorfs Tennis-Größe Detlev Irmler kennt den neuen Weltmeister von kleinauf. Der Rochusclub-Manager prophezeit dem 21-Jährigen eine große Zukunft. Von Gianni Costa

Detlev Irmler wollte schon ganz oft aufhören. Doch es hat sich bisher niemand gefunden, der ihn ersetzen kann – sagt zumindest Irmler über Irmler. Und so ist er weiter der große Strippenzieher im Düsseldorfer Tennis. Offizieller Titel: Teammanager der Rochusclub-Bundesligamannschaft. Irmler, 77, war einst Kapitän der deutschen Davis-Cup-Mannschaft. Er hat Talente kommen sehen und wieder verschwinden. Eines Tages stand da Familie Zverev vor ihm. Vater Alexander, Mutter Irina, Sohn Mischa und Sohn Alexander. „Es war schnell klar, dass da etwas Großes heranwachsen kann“, erzählt Irmler, der hinter den Kulissen mit seinen Kontakten half, wo es nur ging. Zum Beispiel mit einem Sponsorendeal in den besseren Tagen von „Air Berlin“, der die Anreise im Tross zu vielen internationalen Turnieren überhaupt erst möglich machte.


Irmler hat über die Jahre eine intensive Beziehung aufgebaut. Als sich Alexander, der Vater, intensiv um die Karriere seines jüngeren Sohnes Alexander kümmerte, da konnte Irmler mal wieder nicht „Nein“ sagen, als er um einen Gefallen gebeten wurde. Er wollte eigentlich nicht mehr um die Welt touren, aber für Mischa, den zehn Jahre älteren Bruder machte er dann doch nochmal eine Ausnahme. „In dieser Phase hat man gespürt, dass Alexander den entscheidenden Schliff bekommen hat“, sagt Irmler. „Er hat in sehr kurzer Zeit in fast allen Bereichen dazugelegt. Körperlich und mental. Einen großen Anteil an dieser Entwicklung hat Vater Zverev. Er hat als Trainer immer wieder andere Coaches an seiner Seite akzeptiert, um die Kinder noch besser zu machen. Diese Größe haben nur ganz wenige. Die Meisten anderen dulden keine anderen Götter neben sich.“ Aktuell unterstützt Ivan Lendl den Familienbetrieb. Die Eltern sind nicht nur große Fans ihrer Söhne, sie verstehen auch das Geschäft. Der Vater spielte für die Sowjetunion im Davis-Cup-Team, seine Frau schaffte es auf Platz 380 der Weltrangliste. „Es ist schön, die Familie im Training zu erleben. Das ist eine tolle Einheit“, betonte der deutsche Tennis-Held Boris Becker. Er muss das wissen, denn er war in einem seiner vielen anderen Leben kurzzeitig der Manager von Mischa Zverev. Becker hatte sich auch immer mal wieder für eine Zusammenarbeit mit Alexander ins Spiel gebracht, doch man fand nicht zusammen.

Viele haben Alexander Zverev diesen Aufstieg so nicht zugetraut. Er war anfangs sehr schmächtig, 1,98 Meter groß. Er ist behutsam aufgebaut worden. Hat kleinere und größere Turniere gespielt, ist immer intensiver an den ATP-Zirkus herangeführt worden. Immer gut behütet von seiner Familie. Und man nahm auch in Kauf, andere vor den Kopf zu stoßen. Als Alexander, genannt Sascha, Zverev, in Hamburg geboren, in seinem Spiel etwas einbrach, wurden daraus sofort Konsequenzen gezogen und die Teilnahme an einer Davis-Cup-Begegnung kurzfristig abgesagt. Beim DTB war man hernach mächtig angefressen, schließlich ließ man ihm über Jahre eine Sonderbehandlung zu Teil kommen. Der Verband hat Zverev mit 60.000 Euro im Jahr gefördert. „Wir haben ihm den größten Teil des Gehalts für seinen Fitnesstrainer gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund gezahlt“, hat DTB-Vize Dirk Hordorff einmal verraten. „So eine Unterstützung gab es in dieser Größenordnung noch nicht beim DTB. Vergleichbare Spieler wurden früher mit maximal 5000 Euro im Jahr gefördert. Das reicht heute einfach nicht mehr aus. Wir müssen unsere außergewöhnlichen Talente so behandeln, dass sie auch mit den außergewöhnlichen Talenten anderer Nationen Schritt halten können.“



Zverev hat sich allerdings nie als „nationale Angelegenheit“ gesehen. Er ist eine internationale Marke. „Er bringt von seiner Art und seinem Können alles mit, um ein Weltstar zu werden. Er ist ja jetzt schon auf dem besten Weg dahin“, sagt Irmler. „Sein Spiel ist unfassbar intelligent, er hat alle Schläge drauf, ist vielseitig und schnell. Wenn ihn keine Verletzung ausbremst, dann wird er schon bald dauerhaft eine gewichtige Rolle in der Szene spielen. So ein Typ wie er ist so unfassbar wichtig für die ganze Tennisbranche. Zverev ist endlich das frische Gesicht, nach dem sich viele gesehnt haben. Und er hat ja nicht nur flotte Sprüche drauf, sondern er liefert auch ab. Darum geht es am Ende.“ Beim ATP-Saisonfinale in London hat er mit seinem Sieg im Finale gegen Novak Djokovic (6:4, 6:3) nachhaltig Werbung in eigener Sache betrieben, ist nach seinem Triumph auf Platz vier der Weltrangliste vorgerückt. Boris Becker geriet danach ins Schwärmen. „Auf diesen Moment hat die ganze Tenniswelt gewartet“, orakelte Becker bei der BBC. „Jahrelang haben wir gesagt, das Tennis braucht neue Gesichter und starke neue Spieler. Er hat bewiesen, dass er der Beste der neuen Generation ist. Ein Star ist angekommen.“

Irmler ist sicher, dass die Reise von Alexander Zverev noch nicht vorbei ist. „Im nächsten Jahr wird er richtig angreifen. Er ist ja immer noch in der Ausbildungsphase, aber ihm wird immer deutlicher, dass er schon mit den ganz Großen nicht nur mitspielen kann, sondern dass er sie auch besiegen kann. Und das nicht nur an außergewöhnlichen Tagen. Er kann eine neue Ära begründen. Es macht einfach Spaß ihm zuzusehen.“ Hat er noch einmal den Traum, ihn in seinem Bundesligateam in Düsseldorf zu sehen? Irmler überlegt einen Augenblick, dann fängt er an zu lachen. „Der Junge ist im Begriff, die Nummer eins der Welt zu werden“, sagt er. „Da muss er sich auf andere Dinge konzentrieren. Bei seinem Bruder Mischa konnte es schon eher mal im Terminkalender passen. Mal sehen, was noch so kommt.“ Detlev Irmler zieht weiter die Strippen. Es findet sich ja kein anderer.