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Zukunft des Triathlons in Deutschland
Zwischen Oxford-Hörsaal und Tokio-Traum

Triathletin Sophia Saller steht im Institut für angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig. Ein Leistungstest steht an.
Triathletin Sophia Saller steht im Institut für angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig. Ein Leistungstest steht an. FOTO: Sebastian Willnow / dpa
Leipzig . Sophia Saller ist die große Hoffnungsträgerin der Deutschen Triathlon Union. Ihr Karriereweg ist dabei sehr außergewöhnlich.

Sie reist mit leichtem Handgepäck. Den sperrigen Radkoffer, mit dem Sophia Saller sonst von Oxford aus in der Welt herumfliegt, hat die Triathletin zuhause gelassen. Das Trainingsbike der Münchnerin befindet sich diesmal im Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig. Vier Mal 3000 Meter auf dem grünen Laufband stehen am Vormittag auf dem Programm, am Nachmittag eine Dreiviertelstunde auf dem Rad. Zeit für den Leistungstest. Begleitet und beaufsichtigt wird dieser von Trainern und Medizinern. Auf den Monitoren flimmern Bilder vergangener Rennen, Messkurven und Zahlen.



Kein unbekanntes Terrain für die Athletensprecherin der Deutschen Triathlon Union: Saller hat ein Mathematikstudium absolviert. Nicht einfach so und nicht einfach irgendwo. Die 1,0-Abiturientin hat es in Oxford gemacht. Mit 17, ein Jahr nachdem sie vom Schwimmen auf Triathlon umgestiegen ist, hat sie damit begonnen.

Derzeit arbeitet sie an einer der renommiertesten Universitäten der Welt an ihrem Doktortitel. 2018 soll es so weit sein, wenn alles klappt. Und in rund zweieinhalb Jahren will die U23-Weltmeisterin von 2014 sportlich ihr großes Ziel erreichen: die Sommerspiele in Tokio 2020. Ein Leben zwischen Oxford-Hörsaal und Olympia-Traum. „Ich bin einfach nicht die Art Mensch, die sich nur auf den Sport konzentrieren kann“, sagt Saller. Aber muss es so extrem herausfordernd sein?

„Das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen“, lautet Sallers Motto. Es gebe ihr einen Kick zu sehen, wie weit sie es schaffe, erzählt sie mit einem Lächeln. Eins, das so gar nichts von der inneren Härte verrät, die sie für diese Doppelbelastung braucht.

Entschlossenheit, aber keine Verbissenheit. Der Sport gibt ihr die nötige Ablenkung und umgekehrt. Stress und Druck scheinen auf die 23-Jährige irgendwie beruhigend zu wirken. Pausen? „Selten“, sagt sie bei dem Gespräch in einem Leipziger Lokal. Niemand würde wohl vermuten oder erahnen, dass dort eine Oxford-Doktorandin mit olympischen Ambitionen im Triathlon sitzt. Jeder würde aber ganz schnell merken, dass dieser jungen Frau ihr Leben genau so gefällt, wie sie es lebt. Weil sie es so gestaltet.



Wie ihr Training. Die Pläne dafür bekommt Saller zwar von Ex-Bundestrainer Roland Knoll aus Deutschland. Braucht sie Rat, kontaktiert sie ihren Coach auch per Telefon. Vor Ort in Oxford ist Saller aber letztlich auf sich gestellt. Keiner, der Tag für Tag auf sie aufpasst, sie antreibt. Sie ist ihr eigener Antrieb, seit sechs Jahren macht sie das so, trainiert praktisch komplett eigenverantwortlich. „Du bist einfach ein selbstständiger Athlet“, sagt sie.

Allerdings weiß sie auch: „Solange es gut geht, ist es kein Problem. Du brauchst aber auch mal jemanden, der dir sagt: Pass auf und tritt kürzer.“ Fehlt das, passiert so etwas wie vor zwei Jahren. Sie fühlte sich in starker Verfassung, trainierte auch noch weiter, als der Fuß zu schmerzen begann. Es kam zu einem Ermüdungsbruch. Olympia in Rio verpasste Saller daraufhin. Ein Rückschlag – zumindest bedingt.

Es war ein Sommer, in dem auch für sie Sport und Studium in den Hintergrund traten. „Mein Vater ist wenige Wochen nach Olympia gestorben. Wäre ich nicht verletzt gewesen und hätte mich für Rio qualifiziert gehabt, wäre mir die Zeit im Sommer mit meinem Vater und der gesamten Familie nicht geblieben.“ Ihre Stimme wird leiser. Wie viel ihr diese Wochen mit ihrem Vater und der gesamten Familie bedeutet haben, wird mit jedem Moment der kurzen Stille deutlich.

Die Verantwortlichen der Deutschen Triathlon Union (DTU) vertrauen dem Weg, den Saller geht. Zumal sie versichert hat, sich im kommenden Jahr für ihre Hoffnungen auf Olympia auch einem Stützpunkt anzuschließen. Als Athletensprecherin neben Justus Nieschlag ist sie eingebunden in den Neuanfang der DTU. „Der Ansatz, mit dem die DTU den Neuaufbau unternimmt, ist sehr rational und realistisch“, lobt sie. Attribute, die ihrem Handeln und Denken entsprechen.

Dieser Ansatz fordert aber auch Geduld. Während im Ironman-Bereich deutsche Athleten die Welt­spitze geprägt haben und weiter prägen, wurde auf der Kurzstrecke der Anschluss nach dem WM-Titel von Daniel Unger 2007 in Hamburg und dem Olympiasieg von Jan Frodeno 2008 in Peking verpasst. „Ich würde gern ab 2008 einsteigen und die Frage stellen: Wo hat man nachhaltig Strukturen aufgebaut, speziell für den Nachwuchs, um diese Erfolge zu bestätigen? Es wurde sich zusehends nur auf die Spitze konzentriert“, sagt DTU-Sportdirektor Jörg Bügner. Er hat den Posten seit Anfang 2017 inne und versucht, auch mithilfe der Athleten den Weg für die Rückkehr in die Weltspitze zu ebnen – was auch dem Stützpunkt in Saarbrücken zugute kommen soll.

„Ich habe am Anfang, nachdem ich das Amt übernommen habe, nach einer Analyse geschätzt, dass wir sieben bis zehn Jahre brauchen – davon bin ich nach zwölf Monaten nicht abgerückt“, sagt Bügner. Er sitzt in einem nüchtern-sachlichen Konferenzraum. Genauso nüchtern-sachlich sind seine Einschätzungen. „Ich glaube, dass wir bis 2024 benötigen, Tendenz noch eher 2028, um in die Spitze zu kommen und dann bei Olympischen Spielen um die Medaillen mitkämpfen zu können.“ 2016, als Saller Rio verpasste, kamen Laura Lindemann und Anne Haug bei Olympia nicht über die Plätze 28 und 36 hinaus. Deutsche Herren waren erst gar nicht am Start. Auch für Saarbrücken war das ein Debakel.

Bügner analysiert rational, denkt in Etappen. Er hat Visionen, macht sich aber keine Illusionen. „Wir sind nicht mal im Bereich der Basisförderung vernünftig ausgestattet. Über acht Jahre hat sich bei uns keine wesentliche Aufstockung der Bundesmittel ergeben. Die Anforderungen sind aber gestiegen, es ist auch eine olympische Disziplin, die Mixedstaffel, dazugekommen“, erklärt der DTU-Sportdirektor. Kurzum: „Da reichen die Mittel einfach nicht.“ Nicht mal für einen Chef-Bundestrainer Elite.

Und wenn man sich vorstellt, dass eine Athletin mit Olympia-Ambitionen in der abgelaufenen Saison auf ein sieben Jahre altes Rad zurückgreifen musste, weil sie mit ihrem eigentlich aktuellen nicht mehr so zurechtkam, zeigt das auch das Dilemma der Kurzstrecken-Athleten in Deutschland. Die Reisekosten für die Bundeskader-Athleten übernimmt der Verband, in Sachen Ausrüstung müssen die Sportler auf Sponsoren hoffen oder selbst in die Tasche greifen. Die Kosten können schnell mal im unteren fünfstelligen Bereich pro Jahr liegen.

Athleten wie Frodeno, der Ironman-Weltmeister 2015 und 2016, oder Patrick Lange spätestens seit seinem WM-Triumph im vergangenen Oktober auf Hawaii oder auch Sebastian Kienle, Weltmeister von 2014, sind für Sponsoren schlichtweg attraktiver. Geredet wird mehr über die erfolgreichen Ironman-Starter als über die weniger erfolgreichen Kurzstrecken-Athleten.

„Die Langdistanz hat so einen Herausforderungs-Charakter – das ist ein Effekt, der viele mitzieht. Es ist ein bisschen eine deutsche Mentalität, so eine Ausdauersportart akribisch zu machen“, sagt Bügner: „Die Frage ist, wie bekomme ich langfristig mehr junge Menschen auf die Olympische Distanz und vermittle ihnen, dass ein Ironman der nächste Schritt sein kann.“

Erfolge sind die einfachste Antwort. Die müssen erarbeitet werden. Deswegen sitzt Saller am Nachmittag auf dem Rad. Aus dem fordernden Lauftest wurde nichts, sie absolvierte nur ein paar lockere Schritte auf dem Band. „Ein leichter Infekt“, erklärt sie. Es ist gegen 9.30 Uhr, sie steht im Foyer des Leipziger Instituts, und ein kleines Pflaster in der Ellbogenbeuge zeugt noch von der Blutuntersuchung. Planbarkeit hat zwar seine Grenzen. Hadern ist aber nicht ihr Ding.

Um diese Uhrzeit hat Saller nicht selten schon die ersten Trainingseinheiten absolviert. So wie an einem gewöhnlichen Tag im Leben der 23-Jährigen: Nach dem Aufstehen 4,5 bis 5 Kilometer Schwimmen, dann zuhause Arbeiten für die Uni, anschließend die Arbeiten ihrer Studenten korrigieren, zur Vorlesung, ein „kleines 30-Minuten-Läufchen“ absolvieren und den Tag im Kraftraum zu Ende gehen lassen. „Es ist gut für den Kopf, wenn der Körper einfach gesund ist und man ihn auch auslastet“, sagt Sophia Saller, ehe sie mit Handgepäck und nur halb verrichteter Dinge Leipzig wieder verlässt. Der Radkoffer wartet in Oxford – und Olympia auf die deutsche Hoffnungsträgerin.

Sophia Saller ist Athletensprecherin und Olympia-Hoffnung der deutschen Triathleten.
Sophia Saller ist Athletensprecherin und Olympia-Hoffnung der deutschen Triathleten. FOTO: Lukas Schulze / dpa
Abitur mit 1,0, Studium in Oxford und Arbeiten am Doktortitel. Das ist die andere Sophia Saller.
Abitur mit 1,0, Studium in Oxford und Arbeiten am Doktortitel. Das ist die andere Sophia Saller. FOTO: Sebastian Willnow / dpa