Zwangsauflösung der Schiedsrichtergruppe Nahe durch SFV sorgt für Ärger

Kostenpflichtiger Inhalt: Gibt es die Schiedsrichtergruppe Nahe noch oder nicht? : Zwangsauflösung sorgt für riesigen Ärger

Laut dem Saarländischen Fußball-Verband existiert die Schiedsrichtergruppe Nahe nicht mehr. Diese wehrt sich dagegen vor Gericht.

Im Herbst 2019 sorgten die saarländischen Fußball-Schiedsrichter mit einem Streik für Aufsehen. Sie protestierten gegen zunehmende Gewalt auf und neben dem Platz, nachdem ein Unparteiischer niedergeschlagen wurde und ins Krankenhaus musste. Jetzt gibt es innerhalb des Schiedsrichterwesens des Saarländischen Fußball-Verbandes (SFV) einen noch nie dagewesenen Streit.

Der Verband, genauer gesagt der Kreisschiedsrichterausschuss (KSA) Nordsaar und der Verbandsschiedsrichterausschuss (VSA) um Kreisobmann Georg Wettmann haben zum 7. Januar die Schiedsrichter-Gruppe Nahe aufgelöst. Die will das nicht akzeptieren, sieht sich als weiter existent sowie das Vorgehen des SFV als rechtswidrig an und gezwungen, den Rechtsweg zu bestreiten.

Zum Hintergrund: Der SFV möchte vor dem Hintergrund des demografischen Wandels schon seit 2017 die Struktur seiner Schiedsrichtergruppen reformieren. Als Argument für neu geschaffene Großgruppen kam auch, dass die Referenten dann statt zu mehreren nur noch zu einem Lehrabend-Termin fahren müssen. So wurden im Kreis Westsaar 2017 aus der Gruppe Wadgassen und der Gruppe Saarlouis die Großgruppe Saarlouis, aus der Gruppe Perl und Merzig die neue Großgruppe Merzig. Letzteres geschah dem Vernehmen nach auch nicht geräuschlos, es gab Proteste, Schiedsrichter sollen aufgehört haben.

Im Nordsaarkreis hätten nun die Gruppen Weiselberg, Nahe und St. Wendel zu einer Großgruppe verschmolzen werden sollen. Das Problem: Es gibt Gruppen, die nicht fusionieren müssen. „Wir haben uns nie geweigert zu fusionieren. Aber: Entweder das machen alle oder keiner. Das sollte für alle gelten“, sagt der Obmann der Gruppe Nahe, Peter Fischer. Er ist überhaupt nicht gegen eine Fusion und gibt zu: „Unsere Gruppe ist schon etwas überaltert, viele sind über 60. Uns war klar, dass wir irgendwann eine Fusion machen müssen.“ Aber auch kleinere Gruppen hätten ihre Vorteile wie kürzere Anfahrtswege und dass der Obmann jeden Schiedsrichter gut kennt und genau weiß, was er pfeifen kann und will.

Peter Fischer ist (für den Verband: war) Obmann der Schiedsrichtergruppe Nahe. Foto: Mark Weishaupt

Aber mit dem Wie der geplanten Zwangsfusion ist Fischer nicht einverstanden. Von oben herab und nach Gutsherrenart hätten die Gremien entschieden. „Unsere Schiedsrichter wurden nie gefragt“, sagt der Obmann und spricht von „Druck“, „Mobbing“, „mafiösen Methoden“: „Man sollte mit den Leuten fair und anständig umgehen.“ Im November habe er seine Schiris gefragt, von 22 seien 16 dagegen und sechs (darunter Fischer selbst) dafür gewesen. Trotzdem hieß es von Seiten des Verbandes im Dezember, man solle bis 23. Dezember seine Bereitschaft zu einer Fusion zeigen – ansonsten werde die Gruppe zugemacht.

Stefan Meisberger ist Pressesprecher der Gruppe Nahe. Foto: Mark Weishaupt

Der Verband beruft sich auf Paragraph 7 der Schiedsrichter-Ordnung. Der besagt, dass eine Gruppe aus 40 Schiedsrichtern bestehen soll. Die Gruppe Nahe hat 34 Schiris. „Soll heißt nicht muss“, sagt Stefan Meisberger, Pressesprecher und aktiver Schiedsrichter der Gruppe Nahe. Dazu könne man alle Aufgaben ordnungsgemäß wahrnehmen und alle Spiele besetzen. Und: Andere Gruppen hätten noch weniger Mitglieder und müssten nicht fusionieren. Daher würde Kreisschiedsrichter-Obmann Wettmann gegen die Satzung des SFV, das Gleichbehandlungsgebot und das Benachteiligungsverbot verstoßen. Dem hält Volkmar Fischer, der Chef der saarländischen Schiedsrichter, entgegen: „Die Gruppe Nahe hatte der Strukturreform schon zugestimmt und das eine Woche später zurückgenommen.“ Der Verbandsschiedsrichter-Obmann des SFV sagt: „Ich bin ja ein Freund demokratischer Prozesse. Der KSA hat die Reform abgesegnet, der VSA zugestimmt, es gab keine Verfahrensfehler.“

Joachim Schmieden ist Justiziar und Vorstandsmitglied des SFV. Foto: Andreas Schlichter

Den Beschluss zu einer etwaigen Auflösung könne laut Satzung aber nur die Kreisschiedsrichterversammlung (KSV) treffen, sagt Meisberger, der die Satzung studiert hat. Im Normalfall würde die Angelegenheit, deren Schriftwechsel der SZ vorliegt, jetzt zum Schiedsgericht des SFV gehen. Dieses bleibt aber untätig. „Wir haben einen Anwalt beauftragt und zum Teil gar keine Antwort bekommen“, ärgert sich Nahe-Obmann Fischer. Und Meisberger sagt: „Es gilt, ein Zeichen zu setzen. Dass sich nicht einzelne Funktionäre benehmen können, als seien sie Legislative, Exekutive und Judikative gleichzeitig.“

Weil das Verbandsgericht ihrer Meinung nach untätig ist, hat der Anwalt der Gruppe Nahe eine einstweilige Verfügung beim Amtsgericht eingereicht mit dem Inhalt, den Status quo bis zu einer Klärung beizubehalten. Dazu führte die Gruppe am 19. Januar eine Versammlung durch und wählte Fischer erneut zum Obmann. Die Wahl sei ohne rechtliche Relevanz, schrieb SFV-Justiziar und Vorstands-Mitglied Joachim Schmieden. Die Gruppe sei aufgelöst, Fischer habe kein Amt mehr, dazu könne sich die Gruppe nicht dagegen wehren, weil sie eh schon rechtsgültig aufgelöst sei und kein Verbandsorgan sei und daher kein Einspruchsrecht habe.

Der Verband schuf zudem Fakten, indem Fischers Zugang zum verbandseigenen System DFBnet deaktiviert wurde. Ein Einspruch sei nicht gerechtfertigt, weil man kein Verbandsgremium wäre, argumentiert der SFV, Nahe-Obmann Fischer nicht antragsbefugt. Fischer solle „die Entscheidungen der zuständigen Verbandsorgane akzeptieren und sich auf seine eigentliche Aufgabe als Schiedsrichter konzentrieren“, heißt es in einem Schreiben des SFV-Justiziars.

Volkmar Fischer ist der Schiedsrichter-Chef im Saarland. Foto: Andreas Schlichter

Schiedsrichter-Chef Volkmar Fischer hält das Vorgehen der Gruppe Nahe für „unangebracht“. „Da spielen auch persönliche Dinge eine Rolle“, sagt er und meint das Verhältnis zwischen Peter Fischer und Wettmann: „Das sind Dinge, die nicht gut sind.“ Im Vorfeld sei alles beschlossene Sache gewesen, man brauche jetzt eine „konstruktive Zusammenarbeit. Gesprächsangebote gab es genug. Wir machen ein Fass auf, das muss nicht sein.“

Die Richterin, bei der die einstweilige Verfügung am Amtsgericht Saarbrücken landete, fällte vergangene Woche eine Entscheidung. Die Eilbedürftigkeit bestätigte sie nicht, bescheinigte der Gruppe Nahe aber das Recht, den Rechtsweg zu beschreiten, weil die Rechtsabteilung des Verbandes untätig bleibt. Unter Juristen wird das als Niederlage des Verbandes um seinen Justiziar Joachim Schmieden gewertet. Damit habe die Amtsrichterin die Gruppe de facto als nicht offiziell aufgelöst angesehen. Das könne juristische Folgen haben.

Volkmar Fischer sieht den Antrag auf einstweilige Verfügung dagegen als zurückgewiesen an. Dem hält Meisberger entgegen: „Nach dem Beschluss ist unsere Sichtweise richtig. Wir sind ein Verbandsorgan“, sagt er: „Sollte sich nichts tun, könnten wir vor ein ordentliches Gericht ziehen. Das Tätigwerden des Gerichts ist notwendig wegen der Nicht-Tätigkeit der Verbandsjustiz.“

Sollte die Gruppe Nahe weiter existieren, wären alle anderen Wahlen wie die zum Obmann der neuen Großgruppe St. Wendel und zu den Delegierten der KSV, zur Hauptversammlung sowie weiter nach oben ungültig, irregulär und nicht gesetzlich abgedeckt. „Weil die Gruppe Nahe dann nicht mit Delegierten beteiligt war, wären diese Versammlungen ungültig“, sagt Meisberger. Droht hier gar Wahlfälschung?

Beim Wahlabend der neuen Fusionsgruppe wollten Fischer und Meisberger daher fragen, ob sie überhaupt stimmberechtigt sind. „Wenn wir es sind, enthalten wir uns, um nichts zu verfälschen. Sind wir es nicht, ist das für mich ein Indiz, dass wir als Gruppe weiter existent sind“, sagt Meisberger, der seit 1974 zur Pfeife greift. Der für Montag geplante Wahlabend wurde kurzfristig mit einer E-Mail am Nachmittag „wegen der Unwetterwarnung“ auf kommenden Montagabend verlegt. SFV-Justiziar Schmieden habe grünes Licht gegeben, dass die Wahlen stattfinden können, sagt Schiedsrichter-Chef Volkmar Fischer.

Peter Fischer und Stefan Meisberger würden beide gerne weiterarbeiten. Aber: „Wenn eine Zwangsfusion kommt, wollen viele unserer Schiedsrichter aufhören“, sagen sie. In Zeiten des Schiedsrichter-Mangels wäre das ein schlechtes Zeichen. „Emotion ist immer ein schlechter Ratgeber“, sagt der Schmelzer Meisberger, dessen Sohn Patrick Spiele bis zur Regionalliga pfiff. Er erklärt: „Wir sind keine Hardliner, möchten auch am liebsten einen Kompromiss. Aber es geht nicht in einem Rechtsstaat, dass wir kein rechtliches Gehör bekommen.“

Meisberger war über 41 Jahre Polizeibeamter, davon fast 20 Jahre Schwerbehindertenvertreter der saarländischen Vollzugspolizei und hat bei mehreren Polizei-Reformen mit am Tisch gesessen. „Ich kenne das nur so, auf dem Boden von Recht und Gesetz zu entscheiden“, sagt er. Er spricht von Machtgehabe und meint: „Hier wird die Satzung mit Füßen getreten.“ Gerade bei den Schiedsrichtern ist viel von Kameradschaft die Rede. „Und mit jeder Instanz wird mehr Porzellan zerdeppert“, klagt Meisberger.

Für den Verband scheint die Sache erledigt. Die Gruppe Nahe aber bemängelt, der Beschluss eines ordentlichen Gerichtes werde vom Verband missachtet. Das sei einmalig im DFB-Bereich. Das letzte Kapitel im Streit um die Gruppe Nahe, es ist wohl noch nicht geschrieben.