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Zittern bis zur letzten Sekunde

Zittern bis zur letzten Sekunde

Alfred Hitchcock hätte das Drehbuch nicht spannender schreiben können. Das Saisonfinale der Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC wurde am Samstagabend zum echten Nervenkrimi. Am Ende konnte Timo Bernhard aber dennoch jubeln.

Auch am Tag nach dem großen Triumph kann Timo Bernhard das Geschehen noch nicht ganz fassen. "Das hier ist mega groß! Ich freue mich ohne Ende, aber um es komplett zu realisieren, brauche ich sicher noch ein paar Tage", gibt der Homburger zu. Zu nervenaufreibend war das, was sich knapp 24 Stunden zuvor abgespielt hatte: eine emotionale Achterbahnfahrt - die dann aber doch noch mit dem Titel-Gewinn in der Langstrecken-WM endete.

Am seidenen Faden

Rückblick: Eine halbe Stunde nach dem Start des Sechs-Stunden-Rennens von Bahrain scheint der Traum vom WM-Titel tatsächlich bereits geplatzt zu sein. Bernhard liegt im Porsche 919 zwar klar in Führung, dann aber wird er plötzlich langsam. Die Konkurrenz fliegt nur so an ihm vorbei. "Das war natürlich ein Schock", erzählt Bernhard später. Auf dem Weg zur Box versucht er über Funk, das Problem zu beschreiben, damit die Mechaniker so schnell wie möglich reparieren können. Die Ursache ist schnell klar: Ein defekter Sensor hat dafür gesorgt, dass der Motor das Gas nicht mehr richtig annimmt. Die Reparatur dauert quälend lange acht Minuten, weil das Teil schlecht zugänglich ist. Bernhard fällt bis ans Ende des Feldes zurück. Noch schlimmer: Die Konkurrenz von Audi führt - damit ist der Weltmeister-Titel futsch.

Doch zur Renn-Halbzeit wendet sich das Blatt wieder. Der zweite Werks-Porsche kann den führenden Audi von der Spitze verdrängen. Damit würde Bernhard und Co. ein siebter Platz zum Titel reichen. Hoffnung keimt auf. Doch prompt folgt der nächste Rückschlag: 50 Minuten vor Schluss wird das Auto erneut zum Reparaturstopp in die Garage geschoben. "Dasselbe Problem wie am Anfang", sagt Bernhard. Versteinerte Mienen in der Box zeigen den Ernst der Lage. Der Titel - er hängt am seidenen Faden. Diesmal brauchen die Mechaniker nur vier Minuten. Doch es ist klar: Das Auto ist angeschlagen, fraglich, ob es hält.

Wie ein rohes Ei trägt Bernhards Teamkollege Mark Webber den Boliden um den Kurs. Zweimal bleibt er sogar kurz auf der Strecke stehen, doch mit einem Reset bekommt der Australier den Porsche wieder in Fahrt. Als Webber mit dem waidwunden Auto und stotterndem Motor über die Ziellinie ruckelt, tanzen Bernhard, Teamkollege Brendon Hartley und Chef Fritz Enzinger in der Box ausgelassen im Kreis, liegen sich in den Armen. Selten ist ein fünfter Platz so gefeiert worden. "Mir fehlen die Worte", sagt Bernhard und schnappt nach Luft: "Das Rennen war unglaublich. Ich hätte nie gedacht, dass es so intensiv würde. Ich bin in den sechs Stunden um Jahre gealtert." Webber grinst: "Ich habe mit dem Auto geredet: Komm schon, du schaffst das!" Tatsächlich bleibt der Porsche in der Auslaufrunde stehen.

Doch das ist egal. Die Party beginnt. Das Geheimnis des Erfolgs? "Wir sind ein super Team", sagt Bernhard: "Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft geworden - so etwas habe ich bislang noch nie erlebt." Und das trotz des relativ großen Altersunterschieds: Hartley ist 26, Bernhard 34 und Webber 39. Als dienstältester Porsche-Werksfahrer ist Bernhard dabei so etwas wie das Bindeglied und die Integrationsfigur. Vor dem Rennen am Nürburgring im August übernachtete Webber sogar bei Bernhard zu Hause in Miesau. Der lobt: "Wir haben uns von Anfang an bestens verstanden. Mir gefällt an Mark, dass er zwar ein Superstar ist, es aber nie heraushängen lässt und sich vordrängt."

Großes Lob von Webber

Ganz im Gegenteil. Webber wird nicht müde zu beteuern: "Ich habe im Sportwagen viel von Timo gelernt. Er ist ein toller Typ." Endlich hat der Australier damit auch einen deutschen Teamkollegen, mit dem er gut auskommt - anders als in der Formel 1 mit Sebastian Vettel . Die Königsklasse war übrigens auch für Bernhard kurz mal das Ziel. "Es gab Gespräche mit Sauber, aber daraus wurde nichts", sagt er. "Als ich etwa 20 war, fuhren ja schon vier Deutsche in der Formel 1: die Schumacher-Brüder, Frentzen und Heidfeld. Es war einfach kein Bedarf mehr da. Zudem kam dann das Angebot von Porsche ." Bernhard ging einen anderen Weg. "Die Sportwagen haben mich ohnehin immer schon fasziniert", sagt der Homburger. Nun ist er sogar Weltmeister.