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Leichtathletik-Star Schenk packt aus
Dopingbeichte und erschreckende Einblicke

Seinen größten Erfolg feierte Christian Schenk in Seoul 1988.
Seinen größten Erfolg feierte Christian Schenk in Seoul 1988. FOTO: dpa / Jens Kalaene
Berlin. „Hielt mich für Anis Amri“: Zehnkampf-Olympiasieger Schenk sorgt mit Aussagen über seine Psycho-Erkrankungen für Aufsehen. sid

Doping-Beichte, psychische Probleme, sogar Selbstmordgedanken: Zehnkampf-Olympiasieger Christian Schenk hat erschreckende Einblicke in sein Seelenleben gegeben. Der 53-Jährige hielt sich sogar für den Berlin-Attentäter Anis Amri.


30 Jahre nach seinem Olympia-Gold von Seoul hat Schenk seine Geschichte in der Autobiographie „Riss – mein Leben zwischen Hymne und Hölle“ verarbeitet. Der einstige Vorzeige-Athlet litt unter Depressionen und Verfolgungswahn. „Die Depressionen waren so tief gewesen, dass ich sogar daran gedacht habe, meinem Leben ein Ende zu setzen“, sagte der gebürtige Rostocker im Interview mit der FAZ.

Silvester 2016 war es besonders schlimm. „Ich hielt mich für Anis Amri, den Attentäter vom Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. Das war für mich der Horror. Ich habe mich vollständig mit ihm identifiziert“, berichtete Schenk. Er glaubte, er selbst habe den Lastwagen in den Weihnachtsmarkt gesteuert und die Menschen getötet. „Meine Ärzte und ich haben das bis heute nicht aufklären können“, so Schenk.



Auch Doping gab Schenk erstmals in aller Offenheit zu. „Ich habe gedopt, und ich wusste, dass ich dope“, schreibt der Ex-Sportler in seinem Buch, aus dem die „Sport Bild“ zitiert. „Anfangs bestritt ich, jemals verbotene Mittel eingenommen zu haben. Dann legte ich mir die juristisch etwas weichere Antwort zurecht, ich hätte nie wissentlich gedopt. Beides war gelogen“, erklärte Schenk.

Erstmals hatte Schenk 1985 im Alter von 20 Jahren gedopt. „Für mich war das wie das Erreichen der nächsten Stufe, fast eine Würdigung. Die Pillen zu bekommen, das bedeutete, dass ich in den Kader aufgenommen war“, schrieb er. Der gebürtige Rostocker, der 1990 EM-Dritter wurde, hatte nach eigenen Angaben auch Oral-Turinabol zu sich genommen.

Ob es zwischen der Einnahme von Oral-Turinabol und den Depressionen einen direkten Zusammenhang gibt, kann Schenk nicht sagen. „Die Doping-Opfer-Hilfe und deren Vorsitzende Ines Geipel stellen einen Zusammengang dar von Oral-Turinabol und Depression. Ich kann das von meiner Seite her nicht beweisen“, sagte er.

Geipel lobte das Vorgehen. „Dass Christian Schenk sich in seinem Buch zu seiner Doping-Geschichte äußert, ist nur zu begrüßen“, sagte die frühere DDR-Sprinterin. Schenk sei noch immer einer der ersten Ost-Stars, dem das gelinge. „Eine Überraschung ist das bei 15 000 staatsgedopten DDR-Athleten allerdings nicht“, betonte Geipel.

Auch Clemens Prokop, Ehrenvorsitzender des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), begrüßte Schenks Geständnis in Sachen Doping. „Das verdient höchsten Respekt“, meinte der langjährige DLV-Präsident: „Jede klare Darstellung der Vergangenheit beim Gebrauch von verbotenen Substanzen ist auch ein warnender Hinweis für junge Athleten.“ Auch bei aktuellen Athleten fand das Geständnis Anklang. „Ich finde es gut, dass jetzt Sportler der DDR gestehen, dass sie gedopt haben“, sagte der aktuelle Zehnkämpfer Rico Freimuth: „Alle die, die immer noch sagen, sie hätten von nichts gewusst, sind naiv oder haben Angst vor der Wahrheit.“

So viele Geständnisse von Doping im DDR-Sport hat es bislang noch nicht gegeben. 2009, im Vorfeld der Heim-WM in Berlin, hatten fünf Trainer in einem offenen Brief zugegeben, in der DDR Sportler gedopt zu haben. Kugelstoß-Olympiasieger Udo Beyer hatte 2013 in dem Film „Einzelkämpfer“ über die Einnahme unerlaubter Mittel gesprochen, dabei aber auch betont, dass er stets bestimmt habe, was er zu sich genommen hat.