Wolffs neues Revier

Am kommenden Wochenende beginnt die neue Saison des Deutschen Tourenwagen-Masters DTM. Bei Mercedes, 2012 im letzten Rennen abgefangen, herrscht neuer Teamgeist. Auch dank Sportchef Toto Wolff.

Auf den ersten Blick ist alles beim Alten: Die Gesichter sind die gleichen, das Auto wurde nur leicht weiterentwickelt. Und doch hat sich viel verändert bei Mercedes - man spürt es überall. Sogar bei der Temperatur im Teambus. Dort, wo früher Eiszeit herrschte, ist es jetzt wohlig warm. "Echt, war es hier früher so kalt?", fragt der neue Mercedes-Sportchef Toto Wolff. "Ja", sagen die Mitarbeiter und rollen mit den Augen. Es geht lockerer zu, auch die Menschen scheinen aufzutauen. So viel gelacht wurde lange nicht.

Im vergangenen Jahr führte Mercedes die DTM-Gesamtwertung bis zum letzten Tag an - und wurde dann sowohl in der Fahrer- als auch in der Markenwertung noch überholt. Zusammen mit der desaströsen zweiten Saisonhälfte in der Formel 1 kostete das den schwergewichtigen Sportchef Norbert Haug (60) nach 22 Jahren den Job.

Der Neue will vieles anders machen. "Das müssen wir doch auch", sagt er. "Letztes Jahr war ja eine Katastrophe." Wolff (41) ist ein Mann klarer Worte. Bei Haug war das anders. Als Nico Rosberg nach einem Formel-1-Rennen seinen Dienstwagen als Katastrophe bezeichnete, gab es einen Rüffel vom Chef. Wolff dagegen redet offen, legt den Finger in die Wunde. "Nicht mehr peinlich zu sein, das ist der erste Schritt, den wir machen müssen", sagt er. Ein Satz, der für Haug undenkbar war. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger sitzt Wolff auch direkt in der Formel-1-Fabrik in Brackley. "Du kannst keine Firma in England von Deutschland aus leiten", sagt er.

Früher war Wolff selbst Rennfahrer, gab in österreichischen Rennserien Gas. Und sorgte 2009 für einen Knalleffekt am Nürburgring. "Ich hatte mir eingebildet, ich könnte den Rundenrekord auf der Nordschleife unterbieten", sagt er. Er schaffte es. Doch dann platzte bei einem weiteren Versuch bei Tempo 282 ein Reifen. Wolff flog in die Leitplanken - in der Fuchsröhre.

Mittlerweile hat der Wiener, der mit Investment-Firmen Millionen gemacht hat, die Seiten gewechselt. Erst stieg er mit seiner Firma als Investor bei Mercedes-Sportableger AMG ein, dann beim Formel-1-Team Williams. Seit Januar nun ist er der neue Leit-Wolff bei Daimler. Seine Aufgabe beschreibt er so: "Ich kann das Auto nicht schneller machen. Meine Aufgabe ist es, notwendige Ressourcen sicherzustellen und dafür zu sorgen, dass die richtigen Leute am richtigen Ort sitzen." Geschäftsführer Nick Fry musste schon seinen Hut nehmen.

Die Formel 1 ist die größte Baustelle - aber auch in der DTM haben Wolff und sein Statthalter in Stuttgart, Wolfgang Schattling, Probleme zu lösen. Mercedes startet nur noch mit sechs statt acht Autos - das sorgt bei BMW und Audi für Ärger. Eigentlich hatten sich alle drei Hersteller verpflichtet, je acht Autos an den Start zu schicken. Auch Wolff ist mit der Lösung nicht glücklich. Er gibt zu, dass Mercedes sparen muss. In erster Linie sei es eine Frage der Logistik gewesen. "2012 waren unsere Autos nicht auf einem Leistungsstand. Wir wollten dieses Jahr acht konkurrenzfähige Autos haben, das war aber einfach nicht möglich." Ausstiegsgerüchte dementiert der Sportchef. "Im Gegenteil. Unser Ziel 2014 sind wieder acht Autos."

Doch Mercedes fehlen nicht nur zwei Autos, sondern auch bekannte Namen: Die Ex-Formel-1-Stars Ralf Schumacher und David Coulthard quittierten ihren Dienst, Jamie Green lief zu Konkurrent Audi über. Eine Verpflichtung des früheren Formel-1-Piloten Robert Kubica scheiterte. Somit hat Mercedes nur noch einen namhaften Piloten: Ex-Meister Gary Paffett. Ansonsten setzen die Stuttgarter auf junge Fahrer - wie den 18-jährigen Pascal Wehrlein, den jüngsten Piloten der DTM-Geschichte. "Ein Mega-Talent", sagt Wolff. "Und mit Christian Vietoris haben wir einen der talentiertesten Deutschen überhaupt." Wolff gibt zu: "Klar haben wir uns gefragt: Interessieren unsere aktuellen Namen die Zuschauer? Aber am Ende geht es darum, eine Meisterschaft zu gewinnen." Und mit dem Beutezug will Wolff am Sonntag beginnen.Vor dem Saisonstart der DTM am Sonntag (14 Uhr/ARD) in Hockenheim ist Titelverteidiger BMW selbstbewusst. "Wir machen Sport, weil wir gewinnen wollen", sagt Sportchef Jens Marquardt. Mit Ex-Formel-1-Pilot Timo Glock sorgte BMW für die spektakulärste Neuverpflichtung. Der aber bremst zu hohe Erwartungen. "Der Umstieg ist groß. Das mussten bisher alle feststellen, die es versucht haben."

Auch Audi hat sich verstärkt - mit Ex-Mercedes-Pilot Jamie Green. "Wir wollen endlich unser Heim-Rennen am Norisring gewinnen", begründet Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich den Wechsel lachend. Green hat vier der letzten fünf Rennen dort gewonnen. Ansonsten ist man zurückhaltend. 2012 hinkten die Ingolstädter lange hinterher - und viel Raum für die Weiterentwicklung des Autos lässt das Reglement nicht. "Wir haben dennoch intensiv an ein paar Sachen gearbeitet. Ich gehe davon aus, dass wir siegfähig sind", sagt Ullrich.

Zwei Neuheiten sollen für Spannung sorgen: Ähnlich wie in der Formel 1 hat die DTM sogenannte Optionsreifen und einen wegklappbaren Heck-Flügel (DRS). Ist ein Fahrer bei Start und Ziel weniger als zwei Sekunden hinter einem Gegner, darf er in der folgenden Runde einmal den Heckflügel wegklappen, wann er will. Dadurch wird das Auto etwas schneller. Die Optionsreifen sind besonders weich und pro Runde eine bis anderthalb Sekunden schneller, bauen aber rasanter ab. Wie und wann der Reifen eingesetzt wird, steht jedem frei.