"Wir müssen einfach besser sein als die anderen"

Ihre Amtszeit als Bürgermeister endet im Dezember 2015. Wie wird die Sportstadt St. Wendel dann aussehen?Bouillon: Wir haben noch viele Ziele, aber 2010 ist sicherlich ein Highlight. Ich glaube nicht, dass man diese Ballung an Großveranstaltungen - allein drei Weltmeisterschaften in sechs Monaten - in einer Kleinstadt nochmal wiederholen kann

Ihre Amtszeit als Bürgermeister endet im Dezember 2015. Wie wird die Sportstadt St. Wendel dann aussehen?Bouillon: Wir haben noch viele Ziele, aber 2010 ist sicherlich ein Highlight. Ich glaube nicht, dass man diese Ballung an Großveranstaltungen - allein drei Weltmeisterschaften in sechs Monaten - in einer Kleinstadt nochmal wiederholen kann. Eine Europa- oder Weltmeisterschaft Cross Country würde ich mir in den nächsten fünf Jahren aber auf jeden Fall noch wünschen. Und auch die Tour de France ist immer noch ein Thema. Ich bin überzeugt, dass das eine tolle Sache wäre. Das Problem ist aber, dass es immer schwieriger wird, Sponsoren zu finden. Die Querfeldein-WM im Januar 2011 kostet eine Million Euro. Da bin ich schon seit Jahren am Sparen - und am Baggern bei den Sponsoren. Das wird immer schwieriger. Ist das eine Folge der aktuellen Wirtschaftskrise oder eine Entwicklung, die schon länger anhält?Bouillon: Eindeutig eine Folge der Wirtschaftskrise.Welche Veranstaltungen wird es denn 2016 nicht mehr geben?Bouillon: Eine solche Bündelung von Weltmeisterschaften wie dieses Jahr ist sicher nicht mehr zu machen - auch organisatorisch nicht. Hinter dem Mountainbike-Marathon steht ein Fragezeichen. Wir waren die ersten in Deutschland, die das gemacht haben, jetzt gibt es mehr als 300 Veranstaltungen dieser Art pro Jahr. Die Folge sind rückläufige Starterzahlen. Mein Herz hängt an der Veranstaltung, aber es ist auch eine arbeits- und kostenintensive Veranstaltung. Wir brauchen 500 Helfer - da muss man irgendwann abwägen, ob sich der Aufwand noch lohnt. Könnte der WM-Lauf in diesem Jahr ein letztes Highlight sein - und danach ist Schluss?Bouillon: Ja, wenn sich die Starterzahlen weiter nach unten entwicklen, kann das passieren.Was ist mit den Lauf-Veranstaltungen? Das Geländelauf-Wochenende "Keep on running" war bei der Premiere vergangenes Jahr kein durchschlagender Erfolg.Bouillon: Nein, aber auch bei anderen Veranstaltungen haben wir einige Jahre gebraucht, bis sie ein voller Erfolg waren. Keep on running war eine komplett neue Veranstaltung. Sicher ist da nicht alles optimal gelaufen - etwa im Zusammenspiel mit der Laufszene. Ich bin aber überzeugt, dass das dieses Jahr alles viel besser wird, dass wir mehr Läufer und auch mehr Zuschauer haben. Und der Marathon?Bouillon: Der wird sicherlich in den nächsten Jahren im Kalender bleiben. Wir haben trotz der immens großen Konkurrenz einen exzellenten Ruf. Das bekommen wir von vielen Seiten bestätigt. In diesem Jahr erwarten wir neue Rekordzahlen - bei den Läufern und bei den Zuschauern. Der Marathon kostet aber auch viel Geld.Bouillon: Um auf diesem Niveau zu sein, brauchen wir ein Budget von 250 000 Euro - 50 000 Euro davon allein für die Bands. Wir sind eine Kleinstadt, daher müssen wir besser sein als die anderen. Das ist meine Philosophie. Und dann muss ich klotzen. An Werbung und an Service für Läufer und Zuschauer. (Er lacht) Vorjahressieger Gikuni aus Kenia hat sich von seiner Siegprämie eine Kuh gekauft. Es ist eher selten, dass eine Stadt so stark als Veranstalter von Sportevents auftritt . . .Bouillon: Ja. Als ich 1982 das Amt übernommen habe, gab es bei uns für Sport und Kultur Null D-Mark, und die ersten Jahre waren geprägt von großen Widerständen. Viele Leute haben nicht erkannt, dass man über Sport als Alleinstellungsmerkmal auch Stadtmarketing machen kann - und dass das irgendwann auch ein Wirtschaftsfaktor wird. Heute sind die Sportveranstaltungen aus St. Wendel nicht mehr wegzudenken.Bouillon: Ja, aber wir haben ja wirklich bei Null angefangen. Mit Saarlandmeisterschaften im Radfahren: 80 Fahrer, 100 Helfer, 20 Zuschauer. Alle haben geschimpft, weil die halbe Stadt abgesperrt war. Viele haben gefragt, ob es wirklich Verwaltungsaufgabe ist, Sportveranstaltungen zu organisieren? Damals war es sehr umstritten. Heute ist es selbstverständlich und andere versuchen, es nachzumachen. Es hat natürlich gedauert - rund zehn Jahre. Mitte der 90er Jahre kamen mit den Weltcups dann die Gäste und man hat gemerkt, dass Geld in der Stadt bleibt. Zur letzten WM 2005 kamen mehr als 30 000 Zuschauer. Da waren Hotels in großen Teilen des Landes ausgebucht. Die Europameisterschaft im Mountainbike 2008 brachte Einnahmen von gut einer Million Euro für die regionale Wirtschaft. Was ist das Erfolgsrezept?Bouillon: Das funktioniert nur, weil wir vieles selbst machen - ohne Agenturen, die ja auch Geld verdienen wollen. Mit dem Keep-on-running-Wochenende wird nur eine Veranstaltung über eine Agentur abgewickelt.Sie gelten als kreativer Amtschef. Welche neue Veranstaltungen wird es denn bis 2016 geben?Bouillon: Wir haben da einige Ideen. Skaten ist ein Trendsport. Vielleicht wird es da etwas geben. Oder im Bereich des Ski-Langlaufs. Der Sommer-Biathlon in Püttlingen ist ein Riesenerfolg. Aber auch Ski-Langlauf ist in. Und ich könnte mir eine Veranstaltung mit den Langlauf-Stars auf Rollen in St. Wendel im Sommer gut vorstellen. Mal schauen.Sie sprachen Trendsportarten an: Das sind auch Wandern, Radwandern und Nordic-Walking.Bouillon: Wir haben mit dem Tiefenbachpfad und der Fünf-Weihertour zwei Premium-Wanderwege, die zu den Top-Wegen in ganz Deutschland gehören - deswegen kommen viele Gäste zu uns. Denn es gibt Wanderer, die diese Wege systematisch besuchen. Und wir haben einen beleuchteten 5,2-Kilometer-Rundweg um den Golfplatz. Anfangs wurden wir dafür heftig kritisiert, heute nutzen 140 000 Läufer pro Jahr diesen Weg. Nachts bis 12 Uhr ist er beleuchtet - das ist vor allem für Frauen wichtig.Bleiben wir bei der Sport-Infrastruktur in St. Wendel. Wo gibt es noch Investitions-Bedarf?Bouillon: Da sind wir bestens versorgt. Die Fußballplätze sind überall in gutem Zustand, wir haben das schöne Sportzentrum Bosenbach und viele Hallen. Gerade haben wir 300 000 Euro in Leichtathletik-Anlagen investiert. Wir haben in den letzten Jahren - auch dank des Konjunkturprogramms - viel getan. Das Hallenbad bleibt das ganze Jahr über auf und hat heute die vierfache Anzahl an Besuchern. Gleichzeitig baut ein Investor das alte Bad zu einer Kletterhalle um. Der Golfplatz bringt jährlich 4000 Übernachtungsgäste. Auch da gab es anfangs große Widerstände. Jetzt bauen wir wegen der großen Nachfrage einen Hubschrauber-Landeplatz. Ich glaube, was die Infrastruktur angeht, bleibt kein Wunsch offen.Einer vielleicht schon: Es gibt immer mehr Soccer-Hallen im Land. Aber keine in St. Wendel und Umgebung.Bouillon: (überlegt) Eine Soccer-Halle? Wir hätten im Wendelinuspark noch Platz für eine Halle. Das werden wir uns mal anschauen . . . In St. Wendel ist - anders als in den meisten anderen Kommunen im Land - die Benutzung der Hallen für Sportvereine gebührenfrei. Wie lange können Sie sich diesen Luxus noch leisten?Bouillon: Das werden wir auf jeden Fall beibehalten. Das kostet die Stadt pro Jahr zwei Millionen Euro - aber dieses Geld ist bestangelegt. Das ist sinnvolle Sozial- und Familienpolitik. Genau wie der kostenlose Bustransport der Kinder in die Schulen und Kindergärten. Da sparen wir lieber sonstwo.Wie viel Geld geben Sie im Jahr für die Förderung des Sports aus?Bouillon: Rund drei Millionen. Zwei Millionen für die Hallenbenutzung, 400 000 bis 500 000 Euro für die Unterhaltung der Anlagen. 250 000 Euro für den Lauf-Marathon, 150 000 Euro für den Mountainbike-Marathon und 100 000 Euro für Keep on running. Wir können uns das auch leisten. Wir haben einen ausgeglichenen Haushalt und die geringste Verschuldung im Land. Dennoch: Der Slogan von der Sportstadt St. Wendel bezieht sich eher auf Großveranstaltungen. Die Vereine spielen in ihren Ligen nur eine untergeordnete Rolle. Mit den Billardspielern gibt es nur einen Zweitligisten. Selbst eine Gemeinde wie Oberthal liegt da um Welten vor Ihnen . . .Bouillon: (grinst) Das stinkt mir auch ganz gewaltig. Aber schlimmer ist es noch im Fußball.Da kicken die beiden St. Wendeler Vereine seit Jahren nur in der untersten Liga. Sogar die Mannschaften aus den Vororten sind viel erfolgreicher . . .Bouillon: Ja, das ist eine Schande, da muss was passieren. Gerade jetzt: Der FC wird 100 Jahre, der SV 60. Seit Jahren werben sie sich gegenseitig die Spieler ab, jetzt werde ich sie mal zusammen holen. Es muss ein Verein und eine Jugendarbeit her. Das wird eine harte Nuss, aber ich lasse da nicht locker.

Auf einen BlickDer Veranstaltungs-Kalender der Stadt St. Wendel ist 2010 so prall wie selten: Den Auftakt macht am kommenden Sonntag, 2. Mai, der Globus-Marathon, zu dem 3000 Läufer und mehr als 20 000 Zuschauer in St. Wendel erwartet werden. Vom 23. bis 27. Juni treffen sich die besten europäischen Billardspieler im Saalbau zur Dreiband-EM, und im Juli stehen gleich zwei Großveranstaltungen an: Am 3. und 4. Juli geht es um die Landesmeisterschaften im Bogenschießen. Am 10. und 11. Juni trifft sich die Supermoto-Elite zur Weltmeisterschaft.Weiter geht es am 8. August mit der nächsten WM: Sabine Spitz und Co. kämpfen um den Titel beim Mountainbike-Marathon. Vom 1. bis 3. Oktober steht schließlich die zweite Auflage des Traillauf-Wochenendes Keep on running auf dem Programm.Und 2011 geht es dann weiter: Am 29. und 30. Januar geht es um die WM-Titel im Rad-Querfeldein. wip