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„Wir müssen ein Statement setzen“

Ein Aushängeschild der deutschen Paralympics-Mannschaft: Weitspringer Markus Rehm. Er ist für den Ausschluss der russischen Équipe. Foto: kappeler/dpa
Ein Aushängeschild der deutschen Paralympics-Mannschaft: Weitspringer Markus Rehm. Er ist für den Ausschluss der russischen Équipe. Foto: kappeler/dpa FOTO: kappeler/dpa
Köln. Die deutschen Sportler haben nach dem durch den Sportgerichtshof CAS bestätigten Ausschluss der russischen Paralympics-Athleten Mitleid mit den Kollegen, finden die Entscheidung aber richtig. sid-Mitarbeiter Holger Schmidt

Die Paralympics in Rio de Janeiro (7. bis 18. September) werden nach einem CAS-Beschluss endgültig ohne russische Athleten stattfinden. Den Komplett-Ausschluss durch das Internationale Paralympische Komitee (IPC) bestätigte der Internationale Sportgerichtshof CAS gestern nach einem Einspruch der Russen.


Der CAS erklärte nach Anhörung Russlands, der Ausschluss sei angemessen gewesen. Das russische NPC habe "keine Beweise erbracht, die die Fakten widerlegen, die der Entscheidung des IPC zugrunde liegen". Das IPC-Urteil hatte weltweit für Aufsehen gesorgt, nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) um Präsident Thomas Bach sich nicht zu einem russischen Komplett-Ausschluss trotz erwiesenen Staatsdopings in Russland hatte durchringen können.

DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher zeigte sich hocherfreut. "Das ist eine gute Nachricht für die Fairness im Sport", sagte der Chef des Deutschen Behindertensportverbandes: "Dieses Urteil ist ein Zeichen für konsequente Null-Toleranz-Politik in Sachen Doping , die dem Sport ein Stück Glaubwürdigkeit zurückgibt." Klar sei aber auch, so Beucher, dass "dies nur der erste Schritt sein kann. Denn gedopt wird schließlich nicht nur in Russland." Er hoffe, dass die Entscheidung ein Katalysator für den Wandel in Russland sein werde. Nach den Spielen in Rio will das IPC mit der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) zusammenarbeiten und Wiederaufnahmekriterien für Russland aufstellen.

Der russische Ministerpräsident Dimitri Medwedew wittert hingegen eine Verschwörung. Auf seiner offiziellen Facebook-Seite schrieb er: "Die Entscheidung ist zynisch und der eindeutige Versuch von Führenden des IPC, starke Kontrahenten auszuschließen, weil wir immer die besten Plätze erreichen." Die Anschuldigungen seien "unbewiesen". Der frühere russische Präsident schrieb weiter: "Die Ermittlungen im russischen Doping sind ein dummer und hässlicher Cocktail, in dem es zu 80 Prozent um Politik und nur zu 20 Prozent um Doping geht."

100-Meter-Paralympics-Sieger Heinrich Popow stellte klar, dass dies nur der Anfang sein darf. "Wenn das der erste Schritt ist für eine Null-Toleranz-Politik im Dopingkampf, ist das absolut richtig. Aber wenn das der erste und der letzte Schritt ist, finde ich das lächerlich", sagte Popow: "Dann fände ich es den russischen Athleten gegenüber unfair. Weil ich weiß, dass es in anderen Ländern genauso stinkt wie in Russland."



Insgesamt findet der einseitig amputierte Stelzen-Sprinter Popow: "Wenn man sagt: Da ist es am Extremsten, da haben wir es Schwarz auf Weiß, dann sollte man ein Exempel statuieren. Aber wenn Du Deinen Konkurrenten aus USA, Japan, Australien erzählst, was Du mit Deinem ADAMS (Anti-Doping Administration and Management System, Anmerkung der Redaktion) auf dem Handy alles machen musst, dann lachen die Dich aus und sagen: ,Das würden wir niemals machen.'" Der weltweite Anti-Doping-Kampf sei "für mich lächerlich", sagte Popow: "Der nationale ist Weltklasse. In China muss ein Kontrolleur ein Visum beantragen. Da kann man mal von ausgehen, wie viele Sportler Bescheid wissen, dass er bald kommt."

Ähnlich begründet auch der kleinwüchsige Speerwurf-Weltmeister Mathias Mester seine Zustimmung. "Es ist schwer, gleich die komplette Auswahl zu sperren. Man weiß nie, ob es nicht einen gibt, der nicht gedopt hat", sagte er: "Aber da hat ein staatliches System dahintergesteckt, von daher finde ich es okay. Deutsche Athleten werden ständig kontrolliert. Wir müssen aufpassen, dass wir nichts Falsches zu uns nehmen, auf so viel achten und ständig in Bereitschaft sein, dass wir kontrolliert werden können. Wenn das bei den Russen nicht gegeben ist, ist es gerechtfertigt."

Prothesen-Weitspringer Markus Rehm sagte: "Zum einen blutet mir ein bisschen das Herz für die Sportler , die sauber sind. Für die tut es mir unfassbar leid. Auf der anderen Seite finde ich die Entscheidung sehr, sehr gut. Wir müssen ein Statement setzen." Auch der doppelamputierte Sprinter David Behre erklärte: "Es ist der richtige Schritt, zu sagen: Wir tolerieren nichts, so ein System hat bei uns nichts zu suchen. Der Verband will saubere Spiele haben."

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Hintergrund Alle Wettbewerbe der Paralympischen Spiele in Rio de Janeiro finden trotz Finanzierungsproblemen statt. Das versicherten das Organisationskomitee und das Internationale Paralympische Komitee (IPC) in Rio. Die Regierung und die Stadt werden zusammen etwa 250 Millionen Real (68 Millionen Euro) aufbringen, um die Finanzlücke zum großen Teil zu schließen. Die Spiele für Menschen mit Behinderung finden vom 7. bis 18. September statt. Auch vier Sportlerinnen vom Olympiastützpunkt in Saarbrücken nehmen teil: Schwestern Claudia und Nicole Nicoleitzik, Vanessa Braun (alle TV Püttlingen) und Maike Hausberger (Trier). sid/red