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Willi - ein witziger Chaot

Saarbrücken. Er war noch "ein kleiner Bub", als die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1983 in Helsinki geboren wurden. "Ich war 19 Jahre alt", erinnert sich Christoph Sahner (Foto: SZ). Hammerwerfer war er, der einzige qualifizierte Saarländer, der im Olympiastadion starten durfte. "Die Kulisse war fantastisch", erinnert sich der 45-jährige Wemmetsweiler Von SZ-Redakteur Michael Kipp

Saarbrücken. Er war noch "ein kleiner Bub", als die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1983 in Helsinki geboren wurden. "Ich war 19 Jahre alt", erinnert sich Christoph Sahner (Foto: SZ). Hammerwerfer war er, der einzige qualifizierte Saarländer, der im Olympiastadion starten durfte. "Die Kulisse war fantastisch", erinnert sich der 45-jährige Wemmetsweiler. Dass er der erste saarländische WM-Teilnehmer war, "ist mir gar nicht so bewusst gewesen", sagt Sahner. Dass er auf dem elften Platz landete, dass er mit 72,86 "gar nicht so schlecht war", fällt dem heutigen Landestrainer der saarländischen Hammerwerfer noch ein.


Dass er seine Idole getroffen hat, weiß er wiederum sofort. Sergei Nikolajewitsch Litwinow und Jurij Sedych hießen sie. Sie starteten für Russland. Litwinow stellte im Laufe seiner Karriere drei Hammerwurf-Weltrekorde auf, die jeweils Jurij Sedych übertraf. Litwinow war Olympiasieger (1988) und zwei Mal Weltmeister (1983/1987). "Sie waren beide sehr umgänglich", sagt Sahner. Sedych siegte bei den Olympischen Spielen 1976 und 1980. Sein letzter Weltrekord, 86,74 Meter, aufgestellt 1986 bei der Europameisterschaft in Stuttgart, ist seitdem unerreicht. In Helsinki gewann Sedych Silber, Litwinow Gold.

Doch sie waren nicht die Idole der Massen in Helsinki. Die hießen Carl Lewis oder Sergej Bubka. Lewis holte Gold über 100 Meter, im Weitsprung und mit der 4x100-Meter-Staffel - seine ersten großen Erfolge. "Lewis war damals schon etwas Besonderes, hatte schon Starallüren", erinnert sich Sahner. Den damals 19-jährigen Bubka hat Sahner in Helsinki nicht wirklich wahrgenommen. Der Stabhochspringer sicherte sich die erste von sechs WM-Goldmedaillen in Folge. An Heike Daute erinnert sich Sahner: "Das war die Heike Drechsler." Sie hatte unter ihrem Mädchennamen der rumänischen Weltrekordlerin Anisoara Cusmir den eingeplanten Weitsprung-Titel weggeschnappt. Im Trikot der DDR, die im Medaillenspiegel oben stand. "Athleten aus dem Osten waren damals schon etwas abgeschottet. Es war nicht so einfach, mit ihnen zu reden", sagt Sahner.



Einfacher war das bei Willi Wülbeck. Sein Goldlauf über 800 Meter in Helsinki ist unvergessen: In 1:43,65 Minuten stürmte er beim Titelgewinn zum deutschen Rekord. 26 Jahre danach ist er immer noch aktuell. "Willi war ein witziger Chaot", sagt Sahner und lacht: "Er war relativ unzuverlässig, aber sehr zugänglich. Ein super Typ." Der im Anschluss an seinen Rekord sagte: "Ich kam wie ein Düsenjäger auf die Zielgerade und zündete dann den Nachbrenner. Denn ich wusste, dass es die letzte Chance in meinem Leben war, eine herausragende internationale Leistung zu erzielen. Deshalb mobilisierte ich alle Reserven." Und das hat geklappt. Auch Sahner war zufrieden mit seiner WM. Zwei Jahre zuvor wurde er Jugend-Europameister. Zweimal war er bei Olympischen Spielen - in Los Angeles 1984 und Seoul 1988. Elfter wurde er in den USA, 13. in Asien. Seinen größten Erfolg feierte er aber bei der WM 1987 in Rom. > wird fortgesetzt

Auf einen Blick

WM 1983 in Helsinki:

Saarländische Teilnehmer: Christoph Sahner (LG Saar 70) Hammerwurf. 11. Platz mit 72,86 Meter.

Deutsche Medaillen:

Gold: Willi Wülbeck (800 Meter), Patriz Ilg (beide DLV/3000 Meter Hindernis), Ronald Weigel (50 Kilometer Gehen), Detlef Michel (Speerwerfen), Marlies Göhr (100 Meter), Marita Koch (200 Meter), Bettine Jahn (100 Meter Hürden), Silke Gladisch, Marita Koch, Ingrid Auerswald, Marlies Göhr (4x100 Meter), Kerstin Walther, Sabine Busch, Marita Koch, Dagmar Rübsam (4x400 Meter), Heike Daute-Drechsler (Weitsprung), Martina Opitz (Diskuswerfen), Ramona Neubert (alle DDR/ Siebenkampf).

Silber: Harald Schmid (400 Meter Hürden), Erwin Skamrahl, Jörg Vaihinger, Harald Schmid, Hartmut Weber (4x400 Meter), Jürgen Hingsen (Zehnkampf), Brigitte Kraus (alle DLV/3000 Meter), Ulrike Meyfarth (DLV/Hochsprung), Werner Schildhauer (5000 Meter), Werner Schildhauer (10 000 Meter), Ulf Timmermann (Kugelstoßen), Marita Koch (100 Meter), Kerstin Knabe (100 Meter Hürden), Helma Knorscheidt (Kugelstoßen), Sabine Paetz (alle DDR/Siebenkampf).

Bronze: Siegfried Wentz (DLV/Zehnkampf), Hans-Jörg Kunze (10 000 Meter), Waldemar Cierpinski (Marathon), Ellen Fiedler (400 Meter Hürden), Ilona Slupianek (Kugelstoßen), Anke Vater (alle DDR/Siebenkampf).

Medaillenspiegel: 1. DDR (10 Gold/7 Silber/5 Bronze), 2. USA (8/9/7), 3. URS (6/6/11), ..., 5. DLV (2/5/1).

Weltrekorde: 4x100 Meter Männer (USA), Emmit King, Willie Gault, Calvin Smith, Carl Lewis) in 37,86 Sekunden, 400 Meter Frauen, Jarmila Kratochvilova (CZE) in 47,99 Sekunden. kip