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Leichtathletik im Saarland
Wieland zieht es zur Lokomotive nach Halle

Zehnkämpfer Luca Wieland ist 2017 in die erweiterte Weltspitze vorgestoßen. Eine seiner Top-Disziplinen: der Hochsprung mit 2,20 Metern.
Zehnkämpfer Luca Wieland ist 2017 in die erweiterte Weltspitze vorgestoßen. Eine seiner Top-Disziplinen: der Hochsprung mit 2,20 Metern. FOTO: Gladys Chai von der Laage / imago/Chai v.d. Laage
Saarbrücken. Der saarländische Zehnkampf-Rekordler wechselt in die Trainingsgruppe zu Vize-Weltmeister Rico Freimuth. Dafür kommt Top-Talent Lisa Maihöfer. Von Mark Weishaupt
Mark Weishaupt

Die deutschen Zehnkämpfer sind Spitze. Weltspitze. Allen voran Rico Freimuth. Der 29-Jährige begeisterte bei der WM im August in London, wurde Vize-Weltmeister vor Kai Kazmirek. Auch ein Deutscher. Die „Könige der Athleten“, wie die Zehnkämpfer gerne genannt werden, faszinieren durch ihre Vielseitigkeit, ihre Leidensfähigkeit und ihren unbändigen Willen, in zwei Tagen alles aus ihrem Körper herauszuholen. Und die Deutschen mischen oft vorne mit.



Einer, der ohne Zweifel auch das Zeug dazu hat, in Regionen von Kazmirek oder Freimuth vorzustoßen, ist Luca Wieland. Quasi unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich der 23-Jährige an der Universität von Minnesota zu einem Mehrkämpfer der Extraklasse entwickelt, in diesem Jahr mit 8201 Punkten einen neuen Saarlandrekord aufgestellt und in der ein oder anderen Disziplin Leistungen gezeigt, die selbst bei Spezialisten aufhorchen lassen – wie etwa 2,20 Meter im Hochsprung oder 7,91 Meter im Weitsprung. Das macht Hoffnung für die Zukunft, gerade mit Blick auf die EM im kommenden Jahr in Berlin oder die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Aber das weckt auch Begehrlichkeiten – denn deutsche Topsportler werden von vielen Vereinen oder Stützpunkten umgarnt. Nicht anders ist es bei Luca Wieland, der bislang für den saarländischen Verein LAZ Saar 05 Saarbrücken startet. Noch. Denn so, wie es aktuell aussieht, wird Wieland den Verein verlassen und dem Ruf von Rico Freimuth folgen, der ihn als adäquaten Trainingspartner nach Sachsen-Anhalt zum SV Halle an die Saale locken will. Der Club, der mit dem Slogan „Wir machen Olympiasieger“ wirbt, definiert sich als Leistungssportverein und hat schon zig Medaillengewinner bei leichtathletischen Großereignissen geformt.

Lothar Altmeyer, der Präsident des Saarländischen Leichtathletik-Bundes (SLB), macht keinen Hehl daraus, dass er Luca Wieland gerne im Saarland gehalten hätte. „Das Ziel des SLB und auch des Landessportverbandes für das Saarland ist es, saarländische Topathleten zu halten, bevor man fremde ins Saarland holt“, sagt Altmeyer. Bei Sprinterin Laura Müller, die vor zwei Jahren ein Angebot von Bayer Leverkusen hatte, klappte es. Die gebürtige Dudweilerin blieb im Saarland, startet mittlerweile für den LC Rehlingen und ist seit ihren herausragenden Auftritten in diesem Jahr über die 200 Meter so etwas wie das neue weibliche Gesicht der saarländischen Leichtathletik. Luca Wieland, der gerade bei der Bundeswehr seine Grundausbildung absolviert, hätte das Pendant im Männerbereich werden können.

Daraus wird nun nichts. „Luca hat sich viele Optionen angeschaut. Wir haben ein sehr ordentliches Konzept für ihn aufgestellt, an den Konditionen und der Betreuung hat es nicht gelegen“, erzählt Altmeyer, „aber wir befinden uns auf dem freien Markt, und in Halle scheint alles zu stimmen.“ Das tut es wohl: Sich jeden Tag mit dem Vize-Weltmeister im Training zu messen, ständig unter der Betreuung von Bundestrainer Wolfgang Kühne zu sein – „das ist natürlich eine besondere Motivation, wenn du den Vize-Weltmeister als Lokomotive hast“, zeigt Altmeyer für den Wechsel Verständnis, „besser kann es kaum sein“. Und außerdem: „Saarländer bleibt Luca ja trotzdem“, sagt Altmeyer und schmunzelt.



Dass der Saarländische Leichtathletik-Bund sich nun außerhalb der Landesgrenzen nach neuen Sportlern umschaut – gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio – hält Altmeyer nicht für ausgeschlossen. Es sei aber nicht zwingend notwendig. „Wir halten zwar Ausschau, aber sind sehr entspannt“, sagt Altmeyer, „wir werden vorrangig versuchen, unsere eigenen Sportler zu entwickeln und bestmöglich nach vorne zu bringen.“ Ein neues Gesicht wird in der kommenden Saison schon mal dazustoßen, wie gestern bekannt wurde. Top-Mehrkampf-Talent Lisa Maihöfer, 18 Jahre jung, zieht es von Schwäbisch Gmünd nach Saarbrücken. Die deutsche U20-Meisterin im Weitsprung in der Halle und WM-Neunte im Siebenkampf der U20 wird in Saarbrücken ein Lehramtsstudium beginnen und bei Bundestrainer Uli Knapp trainieren.

Auch im eigenen Bereich ist genug Potenzial vorhanden. Altmeyer erinnert in dem Zusammenhang gerne noch mal an Laura Müller, die bei den deutschen U18-Meisterschaften „nur“ die Plätze sieben und acht belegte, ehe ein Jahr später eine wahre Leistungsexplosion erfolgte. Talente wie Kugelstoßer Valentin Moll (LC Rehlingen), die Hammerwerfer Sophie Gimmler (LC Rehlingen) und Fabio Hessling (LAC Saarlouis), Langstreckenläufer Tobias Blum (LC Rehlingen), 1500-Meter-Läuferin Joana Staub (LC Rehlingen) oder der 800-Meter-Läufer Christian von Eitzen (LC Rehlingen) ist eine solche Explosion am ehesten zuzutrauen. Der 20-jährige von Eitzen beispielsweise verbesserte in dieser Saison seine Bestzeit um sagenhafte 2,27 Sekunden auf 1:46,88 Minuten – gerade einmal eine knappe Sekunde über der Qualifikationsnorm für die Weltmeisterschaft in London. „So schnell kann es gehen“, sagt Altmeyer. Der Verlust von Luca Wieland ist da also offensichtlich zu verschmerzen.