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Wie Torhüter Joe Frising und F91 Düdelingen zu Europa-League-Helden wurden

Düdelingens Torhüter Frising in aller Munde : Morgens Saar-Uni, abends AC Mailand

Joe Frising, eigentlich Ersatztorhüter von F91 Düdelingen, lebt seinen Traum. In der Europa League geht es morgen zuhause gegen Piräus.

Wenn Joe Frising über das Gelände der Saar-Uni schlendert, ist er ein Student der Betriebswirtschaftslehre. Nicht mehr, nicht weniger. „Ich glaube nicht, dass hier irgendjemand weiß oder mitbekommt, was ich fußballerisch mache“, sagt der 24-Jährige. Dabei verläuft das Leben des Luxemburgers gerade wie in einem Film, „und ich genieße das in vollen Zügen“, sagt Frising.

Morgens Student in Saarbrücken. Im vierten Jahr bereits. Abends Europa League. Gegen den AC Mailand, Betis Sevilla oder wie morgen gegen Olympiakos Piräus. Frising ist Torhüter des luxemburgischen Meisters F91 Düdelingen – und ein besonderer Teil dieser außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte. „Von einem Extrem ins andere“, so beschreibt er die vergangenen Wochen aus seiner Sicht: „Jetzt versuche ich, so lange wie möglich oben zu bleiben.“

Frising ist eigentlich nur die Nummer zwei in Düdelingen. Ersatz von Jonathan Joubert. Doch der zieht sich im Playoff-Hinspiel zur Europa-League-Gruppenphase gegen CFR Cluj einen Schienbeinbruch zu. Plötzlich schlägt die große Stunde von Frising. Er bleibt nach seiner Einwechslung ohne Gegentor (2:0) und schafft mit seiner Mannschaft im Rückspiel (3:2) den historischen Erfolg. Nie zuvor hat ein Team aus Luxemburg an der Gruppenphase der Europa League teilgenommen.

Bei der Ankunft aus Rumänien am Luxemburger Flughafen empfängt eine Fangruppe nach Mitternacht die Helden von Cluj – alle halten ein Pappgesicht von Joe vor ihr Gesicht, und alle singen ein Lied, das zum Ohrwurm und Klassiker wird. „Ween huet Europa-League-Niveau? Eise Frising Joe.“ Unser Frising Joe – getextet von Freundin Sophie Maurer, selbst Fußballerin.

„Das Video hat im Internet die Runde gemacht“, sagt Frising schmunzelnd. Seine Teamkollegen stehen am Flughafen fasziniert um ihren Torhüter herum. Und stimmen in den Wochen danach bei nahezu jeder Gelegenheit die Zeilen an. „Ich glaube, der ein oder andere wartet schon auf die nächste Aktion von Sophie“, sagt Frising und lacht. Er weiß: „Die Leute lieben Außenseiter-Storys. In Europa sind wir der Außenseiter, und intern bin ich der Außenseiter.“ Und der Liebling der Fans.

Dabei gab es nicht wenige Skeptiker, die nach der Verletzung des 39-jährigen Joubert ein Torwart-Problem heraufbeschworen. Der Verein reagiert, verpflichtet Landry Bonnefoi, der nur in der Europa League eingesetzt werden darf. Der 35-Jährige war zuletzt vereinslos, davor unter anderem Ersatztorhüter bei Juventus Turin (2001 bis 2007). Frising hat Verständnis, sagt aber auch: „Von Trainer-Seite habe ich immer Vertrauen gespürt, und das zahle ich mit Leistung zurück.“

Und wie. Im ersten Gruppenspiel gegen den großen AC Mailand (0:1) hält Frising wie der Teufel. Nur einmal kann der argentinische Nationalspieler Gonzalo Higuaín den BWL-Studenten aus Saarbrücken bezwingen – mit einem abgefälschten Schuss. „Im Spielertunnel stehst du plötzlich neben Jungs, die du nur aus dem Fernsehen kennst. Pepe Reina. Oder Higuaín. Das war schon Gänsehaut pur“, sagt Frising: „Ich will gar nicht wissen, was Higuaín gedacht hat, als er in unser Stadion kam. Es war wahrscheinlich das kleinste, in dem er in seiner Profikarriere je gespielt hat.“

Das könnte hinkommen. Wobei F91 Düdelingen für die Gruppenspiele in der Europa League extra ins Nationalstadion Josy Barthel umgezogen ist. Dort passen 8000 Zuschauer rein, in Düdelingen sind es weniger als die Hälfte. Auch deswegen wird kurzzeitig ein Ausweichen nach Metz oder Kaiserslautern diskutiert. „Für das Spiel gegen Mailand hätten wir 30 000 Karten verkaufen können“, sagt Frising. Der Ansturm ist auch eine Anerkennung für F91, das seine Heimspiele im Schnitt vor 600 bis 1000 Zuschauern, bei Topspielen auch mal vor 2500 austrägt.

Ohnehin spürt der luxemburgische Fußball gerade einen Aufwind. Auch dank der Nationalmannschaft, die in der neuen Nations League um den Sieg in der Gruppe D2 spielt und, sollte dies gelingen, sogar die EM-Qualifikation anpeilen könnte. Dass Frising nach dem Mailand-Spiel plötzlich sogar als Mann für die Nationalmannschaft gehandelt wird, nimmt er gelassen zur Kenntnis. „Es wäre nur ein weiterer Bonus. Ich weiß, wie schnell es nach oben und nach unten gehen kann“, sagt er. Vor drei Jahren hatte ihn ein Kreuzbandriss noch unsanft gestoppt.

Jetzt ist Frising in Luxemburg in aller Munde – und meistert den Spagat zwischen Studenten-Leben und Fußball. „Ich habe jetzt die Chance, mich zu beweisen“, sagt der 24-Jährige: „Es ist klar, dass das Studium darunter leidet.“ Vor allem, wenn vormittags trainiert wird. Frising ist in der Regel von Montag bis Donnerstag in Saarbrücken, wohnt hier mit Sophie Maurer zusammen. An den Wochenenden fahren beide zu ihren Eltern nach Luxemburg. Unter der Woche pendelt Frising ins Training.

Dabei ist der Anspruch von F91 durchaus professionell. Frising sieht Topvereine in der Regionalliga Südwest, etwa den 1. FC Saarbrücken oder die SV Elversberg, auf Augenhöhe: „Das dürfte sich fußballerisch und in Sachen Budget nicht viel nehmen.“ Was Hartmut Ostermann für den FCS oder die Familie Holzer für die SV Elversberg ist, ist Flavio Becca für F91. Der milliardenschwere Bauunternehmer, einer der reichsten Männer Luxemburgs, ist Mäzen des Vereins – und treibt die Professionalisierung voran. Im Großen mit Transfers wie dem des ehemaligen Dortmunder Bundesliga-Profis Marc-André Kruska im Sommer. Oder im Kleinen mit dem Ausbau der Infrastruktur, zum Beispiel dem Bau von Sauna und Entmüdungsbecken in der Kabine des Trainingsgeländes.

Dank der feststehenden Einnahmen aus der Europa League – die Uefa garantiert vier Millionen Euro – konnte F91 einige Spieler von ihren Arbeitgebern bis Jahresende freistellen lassen. „Im Normalfall sind wir dann ja ausgeschieden. Aber es gibt ohnehin nicht mehr viele, die noch arbeiten“, sagt Frising. Er selbst macht sich über ein Leben als Fußballprofi keine Gedanken, „auch wenn ich gerade die Bühne habe, mich zu zeigen“.

Frising blickt viel lieber auf die Entwicklung seines Vereins, für den er im dritten Jahr spielt. Einen entscheidenden Anteil am Erfolg habe Trainer Dino Toppmöller (37), gebürtiger Saarländer, Ex-Profi des 1. FC Saarbrücken (1999 bis 2001) und Sohn von Klaus Toppmöller, den ohnehin jeder im Saarland kennen dürfte. „Dino arbeitet gerade im taktischen Bereich sehr viel mit uns. Wir haben seine Spielidee verinnerlicht, und das sieht man. Wir versuchen, sauber von hinten herauszuspielen“, sagt Frising. Vor allem die Kontinuität im Trainerstab und in der Mannschaft sei ein großes Plus. Und deswegen seien die Perspektiven durchaus rosig. „Wir sind bodenständig genug zu sagen, dass man auch ein bisschen Glück braucht, um die Gruppenphase zu erreichen. Aber wenn man unsere Qualifikationsspiele sieht, sind wir zu Recht dabei“, sagt Torhüter Frising: „Und wenn man einmal da war, will man natürlich immer wieder dahin.“

 Geschlagen: Gegen Sevilla muss Joe Frising drei Mal den Ball aus dem Netz holen. Trotzdem ist er begeistert von der Atmosphäre. „Mit meinen Innenverteidigern zu reden, war nicht möglich, so laut war es“, sagt er.
Geschlagen: Gegen Sevilla muss Joe Frising drei Mal den Ball aus dem Netz holen. Trotzdem ist er begeistert von der Atmosphäre. „Mit meinen Innenverteidigern zu reden, war nicht möglich, so laut war es“, sagt er. Foto: AP/Manuel Gomez

Auch er selbst. Der Außenseiter unter den Außenseitern. Mittendrin im europäischen Geschäft. Heute noch Saar-Uni, morgen gegen Piräus. Oder am 29. November im San Siro in Mailand. Die kritischen Stimmen sind längst verstummt. Joe Frising lebt seinen Traum. „Das ist schon Wahnsinn“, sagt er.