| 21:18 Uhr

Fußball-WM in Russland
Wie eine üble Chemiearbeit

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Es muss so in der neunten oder zehnten Klasse gewesen sein, da musste ich einmal eine Chemie-Arbeit nachschreiben. Ich war vorher krank, die Klassenarbeit kam unangekündigt, erwischte mich eiskalt. Von Stefan Regel
Stefan Regel

Der Kopf komplett leer, Hitze stieg in mir auf, auf dem falschen Fuß erwischt. Mir fiel nicht mal die Formel von Wasser ein (H2O). Es war die einzige Sechs meines Lebens.


So oder so ähnlich muss es gestern den deutschen Spielern gegangen sind. Da versammelt sich das halbe Land gestern Nachmittag zur Arbeitszeit in den Büros, Unis oder Fabriken, volkswirtschaftlich gesehen gehen die Arbeitsausfälle wohl in die Millionen – und die Nationalelf spielt solch eine Grütze. „Ein Anblick der nackten Angst“, schrieb die BBC schon vor der Pause.

In der 40. Minute spricht es Bela Rethy aus. „Es ist kein schönes Spiel.“ In der 45. Minute sagt der TV-Kommentator süffisant: „Das ist hier alles keine Zeitlupe, das sind reale Bilder.“ Und kurz vor dem Schlusspfiff meint er: „99 Minuten der Folter sind vorbei.“ Es hilft nichts, wir müssen uns schütteln und das Ganze verarbeiten. Lebbe geht wieder. Denn irgendwann – Chemie hin oder her – hatte auch ich mein Abi doch in der Hand.