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"Wie Brot und Spiele im alten Rom"

"Wie Brot und Spiele im alten Rom"

Madrid. Keine zwei Wochen nach Lance Armstrongs seichter Doping-Beichte droht dem Sport ein Erdbeben. Ab Montag steht in Madrid der berüchtigte spanische Dopingarzt Eufemiano Fuentes vor Gericht. Der Prozess hat das Potenzial, nicht nur erneut die Radsport-Welt, sondern auch erstmals die der Fußballer in ihren Grundfesten zu erschüttern

Madrid. Keine zwei Wochen nach Lance Armstrongs seichter Doping-Beichte droht dem Sport ein Erdbeben. Ab Montag steht in Madrid der berüchtigte spanische Dopingarzt Eufemiano Fuentes vor Gericht. Der Prozess hat das Potenzial, nicht nur erneut die Radsport-Welt, sondern auch erstmals die der Fußballer in ihren Grundfesten zu erschüttern. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass wie bei Armstrong Enthüllungen ausbleiben."Es wird nicht viel herauskommen, das lässt die bisherige Aufarbeitung erahnen, die mehr Fragen aufgeworfen statt Antworten gegeben hat", sagte der ehemalige Radprofi und geständige Dopingsünder Jörg Jaksche, der am 11. Februar als Zeuge in Madrid aussagen soll.

Beinahe sieben Jahre ist es her, dass die spanische Guardia Civil im Rahmen der "Operación Puerto" (Operation Gebirgspass) bei mehreren Razzien Blut- und Plasmabeutel sowie eine Vielzahl Dopingmittel sicherstellte - unter anderem in Fuentes' Wohnung. Die Aktion war quasi die Geburtsstunde eines ernsthaften Anti-Doping-Kampfes in Spanien, Kritiker bezeichnen das Land trotzdem noch heute als Eldorado für Betrüger. Die Blutbeutel führten die Ermittler damals zu Jan Ullrich und 57 weiteren Radprofis. Doch Fuentes, ein Frauenarzt aus Las Palmas, zählte etwa 200 Sportler zu seinen Kunden.

"Namen, die auftauchen müssten, wurden nicht genannt. Ich weiß nicht warum", sagte Fuentes 2006 in einem seiner seltenen Interviews und hob hervor, dass er auch Profis aus anderen Sportarten betreute, "vor allem Fußballer". Doch bis heute nannte der 57-Jährige keine Namen - und wird es auch nicht tun. "Man hat mich mit dem Tode bedroht, dreimal, ein viertes Mal wird es nicht geben", sagte Fuentes damals.

Seitdem wurde Fuentes mehr und mehr zum Phantom. Angeblich wohnt er auf Gran Canaria, wo oder für wen er arbeitet, ist unbekannt. Aktuelle Bilder oder gar Aussagen von ihm gibt es nicht. Einst gab er sich als Menschenfreund, der Sportler nur vor der Überlastung schütze, die ein unmenschliches System ihnen aufbürde: "Wenn der Sportler seine Gesundheit gefährdet mit der Ausübung seines Sports, reagiere ich wie ein Arzt. Wenn das Medikament, das ihm hilft, auf der Liste der verbotenen Substanzen steht, ist das sekundär."

Nun wird ihm und fünf Komplizen, darunter seine Schwester Yolanda, in Madrid der Prozess gemacht. Mehr als 40 Zeugen und Experten werden gehört. In den Akten der Staatsanwaltschaft stehen ebenso wie auf der Zeugenliste ausschließlich Vertreter des Radsports. Knapp 8000 Seiten umfasst die Akte der Guardia Civil, etwa 7000 mehr als die der US-Antidoping-Behörde im Fall Armstrong. Doch angeblich gelang es den Ermittlern nicht, die durch Fuentes verschlüsselten Namen zweifelsfrei weiteren Personen zuzuordnen. Nur bei 58 soll es gelungen sein - alle Radsportler. "Das ist rein statistisch unwahrscheinlich, oder alle Radsportler sind einfach nur dumm", sagte Ex-Profi Jaksche. Eine Vertuschungsaktion ergibt für den Kronzeugen eher Sinn: "Das ist wie Brot und Spiele im alten Rom: Halte dein Volk bei Laune - auch wenn 50 Prozent der Jugendlichen arbeitslos sind." Wenn die Wirtschaft keine Hoffnung geben könne, dann halt der Sport, sagte Jaksche: Wahrscheinlich sei es so, dass das spanische Volk "die Wahrheit nicht ertragen könnte".

Auch der französische Journalist Stéphane Mandard, der "Puerto" kennt wie kaum ein Zweiter, ist Jaksches Meinung. "Klar ist, dass die spanischen Behörden nicht wollen, dass Fuentes auspackt und enthüllt, welche Sportler noch zu seinen Kunden zählten", sagt der Le-Monde-Sportchef. Mandard hat vor sechs Jahren lange mit Fuentes gesprochen: "Er hat mir beispielsweise erklärt, dass die Polizei seine Büros in Las Palmas nicht durchsucht hat, wo er alle seine Akten aufbewahrte. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen: Zu seinen Kunden zählten nicht nur Radfahrer."

Nicht nur Mandard befürchtet, dass der Prozess in Madrid vieles im Dunkeln lassen wird. Weil es 2006 in Spanien noch kein Doping-Gesetz gab, sind Fuentes und Co. nur wegen "Gefährdung der öffentlichen Gesundheit" angeklagt. Ihnen drohen zwei Jahre Haft und/oder ein Berufsverbot. Der Prozess ist angesetzt bis zum 21. März, nach einer wahrscheinlichen Revision könnte erst Mitte 2014 eine Entscheidung fallen. Und obwohl in dem Prozess ein eingeschränktes Aussageverweigerungsrecht bestehen soll, glaubt Jaksche nicht, dass Erkenntnisse zu erwarten sind. "Zur Not", sagte er, "können sich die Leute halt nicht erinnern." sid

Hintergrund

Chronologie der "Operación Puerto" und des Falles Fuentes:

17. September 2005: Der Radprofi Roberto Heras wird bei der Spanien-Rundfahrt, die er gewann, positiv auf Epo getestet. Dieser Vorfall gilt als zentraler Ausgangspunkt der Ermittlungen der Guardia Civil.

23. Mai 2006: Im Zuge von Razzien werden in Madrid und Saragossa insgesamt fünf Personen, darunter der Frauenarzt Eufemiano Fuentes, festgenommen.

25. Mai 2006: Jan Ullrich gerät in Verdacht, Kunde von Fuentes gewesen zu sein. Sein T-Mobile-Team bestreitet dies.

30. Juni 2006: Am Tag des Starts der Tour de France werden auf Druck des Veranstalters ASO insgesamt neun verdächtige Radsportler ausgeschlossen. Vom Team T-Mobile sind Jan Ullrich und Oscar Sevilla betroffen.

20. Juli 2006: Rechtswissenschaftlerin Britta Bannenberg erstattet Anzeige gegen Jan Ullrich wegen Betruges, Molekularbiologe Werner Franke schließt sich an. Im August nimmt die Bonner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen auf.

9. Oktober 2006: Die Staatsanwaltschaft Madrid verfügt, dass kein Radsportverband belastendes Material aus der "Operación Puerto" für eigene Verfahren benutzen darf. Das Verfahren müsse zunächst beendet werden.

24. November 2006: Spanische Medien berichten, dass in acht von 90 in Fuentes' Wohnungen gefundenen Blutbeuteln Epo nachgewiesen wurde. Doping ist in Spanien kein krimineller Tatbestand. Fuentes droht jedoch eine Anklage wegen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit.

8. Dezember 2006: Die französische Tageszeitung Le Monde interviewt Fuentes und schreibt dann über Verstrickungen mehrerer spanischer Fußball-Clubs, darunter Real Madrid und der FC Barcelona. Fuentes dementiert seine Aussagen öffentlich, bestätigt sie aber angeblich intern. Real und Barca verklagen Le Monde auf je drei Millionen Euro Schadenersatz, Le Monde muss je 15 000 Euro zahlen.

26. Februar 2007: Jan Ullrich kündigt während einer Pressekonferenz in Hamburg sein Karriereende an.

9. Juli 2007: Jan Ullrichs langjähriger Betreuer Rudy Pevenage bestätigt Kontakte zu Fuentes.

12. März 2007: Die spanische Justiz beendet die "Operación Puerto". Gut ein Jahr später werden erneut Ermittlungen aufgenommen und im Oktober 2008 wieder abgebrochen.

14. April 2008: Die Staatsanwaltschaft Bonn stellt das Ullrich-Verfahren gegen eine Zahlung in sechsstelliger Höhe an eine gemeinnützige Einrichtung und die Staatskasse ein.

15. März 2011: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Fuentes, dessen Schwester Yolanda, den ehemaligen Radsport-Manager Manolo Saiz und zwei weitere Fuentes-Komplizen wegen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit.

28. Januar 2013: Erster Verhandlungstag. sid