| 21:09 Uhr

Stefan Kuntz im Interview
„Wichtig ist die Glaubwürdigkeit“

Der Neunkircher Stefan Kuntz (Mitte) fungiert bei der Fußball-WM für die ARD zusammen mit Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger (links) und Trainer Hannes Wolf als TV-Experte. Der Saarländer betritt damit Neuland.
Der Neunkircher Stefan Kuntz (Mitte) fungiert bei der Fußball-WM für die ARD zusammen mit Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger (links) und Trainer Hannes Wolf als TV-Experte. Der Saarländer betritt damit Neuland. FOTO: dpa / Christian Charisius
Der Saarländer Stefan Kuntz analysiert in der ARD als TV-Experte die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft. Von Stefan Regel
Stefan Regel

Der Neunkircher Stefan Kuntz ist bei dieser WM erstmals als TV-Experte in der ARD zu sehen. Die SZ hat mit dem 55-jährigen Trainer der deutschen U21  über seinen neuen Job, das erste Spiel der Nationalmannschaft und die bisherigen WM-Partien gesprochen.


Herr Kuntz, am Mittwochabend waren Sie noch bei der WM in Russland als TV-Experte zu sehen und am Donnerstag in Furpach beim Bäcker. Wie geht das so schnell?

Stefan Kuntz (schmunzelt): Was viele nicht wissen: ARD und ZDF haben erstmals ein gemeinsames Sendezentrum. Und das ist erstmals auch nicht im Ausrichterland, sondern in Baden-Baden.



Wie verläuft denn so ein Arbeitstag als TV-Experte?

Kuntz: Am Mittwoch war ich beim Spiel Iran gegen Spanien im Einsatz. Ich bin am Dienstag nach Baden-Baden gefahren, habe dort im Hotel übernachtet und war Mittwoch den ganzen Tag im Sendezentrum. Dort schaue ich dann auch die anderen beiden Spiele zuvor, nehme an der Redaktionsbesprechung teil, ehe ich abends selbst dran bin.

Ihre Kollegen als ARD-Experten sind Hannes Wolf, früher Trainer des VfB Stuttgart, und Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger.

Kuntz: Ja, das Ganze geht unheimlich kollegial und familiär vonstatten. Auch mit den Moderatoren Matthias Opdenhövel und Alexander Bommes sprechen wir viel. Wir frühstücken zusammen, sitzen auch abends nach den Spielen noch zusammen, das macht es sehr positiv. Die beiden strahlen auch ganz viel Sicherheit aus, es ist insgesamt eine tolle Erfahrung.

Für Sie ist es ja eine neue Rolle. Wie kam es eigentlich zum Kontakt?

Kuntz: ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky hat mich angerufen, ob ich mir vorstellen kann, das zu machen. Ich dachte zuerst, das klappt nicht, weil ich schon die U21-Nationalmannschaft trainiere und bei der WM auch als Scout für den DFB arbeite. Sportdirektor Oliver Bierhoff und der Sportliche Leiter Joti Chatzialexiou haben mir dann gesagt: Mach das doch. Ich kommentiere wegen meinen Funktionen aber keine deutschen Spiele, da würde sonst die Glaubwürdigkeit leiden.

Es ist ja das erste Mal, dass Sie redaktionell tätig sind. Wie gestaltet sich Ihre Arbeit in der WM-Redaktion?

Kuntz: Es ist total interessant, mal hinter die Kulissen zu schauen, wie viele Leute da arbeiten, welcher Aufwand das ist. Und wie minutiös das Ganze geplant ist. Trotzdem haben wir als Experten viel Freiraum und können entscheiden, was wir analysieren. Wobei es zum Beispiel ja Quatsch wäre, auf die Abwehr zu schauen, wenn man in einem Spiel zur Pause mit 4:0 führt. Ich stehe dann vor einer virtuellen Wand mit animierten Spielszenen und erkläre. Da kann man zum Beispiel schön zeigen, wenn es in einer Zone auf dem Spielfeld nicht stimmt oder wo eine Fehlerkette beginnt. Im Analyseteam sind zehn Leute, insgesamt sind an einer Sendung 60 bis 70 Menschen beteiligt.

Was prädestiniert Sie als TV-Experte, außer dass Sie dort quasi noch ein unverbrauchtes Gesicht sind?

Kuntz: Ich profitiere natürlich von meinen bisherigen Berufen, als Spieler, als Vorstandsvorsitzender beim 1. FC Kaiserslautern und als Trainer. Wegen meiner engen Verbindung zur Mannschaft kann man auch mal interne Hintergrund-Infos erzählen oder aus dem Nähkästchen plaudern. Davor, zu viel auszuplaudern, habe ich wegen meiner Erfahrung keine Angst. Wichtig ist, dass man authentisch ist. Meine Frau sagt, zuhause kommentiere ich vor dem Fernseher als Trainer. Aber man darf den normalen Fußballfan nicht mit zu viel Fachspezifischem langweilen. Schön ist es, wenn man dann zum Beispiel den Effekt beim Zuschauer vor dem Fernsehen hat, dass der sagt: So habe ich das noch gar nicht gesehen.

Markige Sprüche wie bei Lothar Matthäus oder Mario Basler hört man also nicht von Ihnen?

Kuntz: Nein, ich war noch nie der Sprücheklopfer auf Kosten von anderen. Aber jeder muss da selbst seine Rolle finden.

Bei wie vielen Spielen sind Sie im Einsatz?

Kuntz: Drei habe ich hinter mir, zuletzt bei Iran gegen Spanien, drei sind noch geplant. Die ersten beiden, Russland gegen Saudi-Arabien als Eröffnungsspiel und Spanien gegen Portugal, waren total interessante Spiele, die man gut kommentieren und analysieren konnte. Bei den deutschen Spielen bin ich jeweils vor Ort. Ob ich ab dem Achtelfinale noch Spiele mache, ist offen. Das hängt davon ab, wenn ein Sendetag und ein Ruhetag bei mir zusammentreffen. Ab dem Achtelfinale bin ich nämlich fest vor Ort in Russland und beobachte als Scout für den DFB Spiele, um bei anderen Nationen nach Trends und Benchmarks zu schauen.

Was waren so die Themen der ersten WM-Woche?

Kuntz: Wir haben zum Beispiel viel Fußballverhinderung gesehen. Bei Saudi-Arabien hat der Scheich seine Spieler gleich nach dem 0:5 gegen Russland zum Rapport bestellt, im Iran haben Männer und Frauen nach dem 1:0 gegen Marokko auf der Straße gejubelt, getanzt und gefeiert. Spanien hat mit dem Trainerwechsel kurz vor der WM überrascht. Es gab schon interessante Geschichten. Und natürlich Ronaldo, der von den Superstars mit vier Toren bisher am besten gespielt hat.

Jedes Team hat jetzt schon mindestens einmal gespielt, was sind da die Erkenntnisse?

Kuntz: Auch, wenn es eine Floskel ist, aber es gibt keine leichten Gegner mehr für die „großen“ Länder. Auch vom körperlichen Aspekt her. Jede Nationalmannschaft kann bei der WM von Dreier- auf Vierer- oder Fünferreihe umstellen. Daher gilt es für die Großen in der Vorrunde, die Aufgabe zu lösen, wie ich gegen einen tief gestaffelten Gegner spiele.

Beim 0:1 gegen Mexiko waren Sie im Moskauer Luschniki-Stadion vor Ort, wie war Ihr Eindruck?

Kuntz: Da war schon ganz klar WM-Stimmung zu spüren. In Moskau waren viele ausländische Fans, abends sitzen die da und trinken was. Es ist eine sehr angenehme Atmosphäre. Und auch wenn es im Stadion viele Kontrollen gab, ist man schnell durchgekommen.

Woran hakte es bei der Niederlage gegen die Mexikaner sportlich?

Kuntz: Es war eines der schlechtesten Spiele in den letzten Jahren. Die Körpersprache war schon mal nicht optimal. Dazu waren Abstimmungsprobleme zu erkennen. Auch gibt es sensible Räume: Wenn man da den Ball verliert, ist es schlecht. Das ist uns leider einige Male passiert. Und es war keine Balance im Spiel. Daraus schöpfe ich aber Optimismus, dass es besser wird, wenn die auch wieder stimmt. Ich glaube, das war der Weckruf, den alle gehört haben.

Es gab danach auch mannschaftsintern Diskussionen, wie bewerten Sie das?

Kuntz: Das ist ja auch ein Zeichen, dass die Mannschaft lebt. Konflikte führen ja immer zu Verbesserungen, wenn man sie anständig aufarbeitet und diskutiert.

Das deutsche Team steht morgen gegen Schweden stark unter Druck – für Bundestrainer Joachim Löw eine ungewohnte Situation. Wie geht er damit um?

Kuntz: Das beeindruckt ihn nicht. Die haben einen Plan, und den ziehen sie durch. Schweden ist körperlich stark und kann einen guten Riegel aufbauen – so wie es Island gegen Argentinien mit beängstigender Konstanz gemacht hat. Da wäre es gut, wenn wir wieder auf unser normalerweise überragendes Passspiel zurückgreifen könnten.

Hatten Sie schon Kontakt zu den anderen Saarländern im Team, Torwart Kevin Trapp und Linksverteidiger Jonas Hector?

Kuntz: Bisher noch nicht, aber ab dem Achtelfinale habe ich ja eine Akkreditierung fürs Teamhotel und das Training. Ich kann ja einen Ring Lyoner mitbringen (lacht).

Und wer wird jetzt Weltmeister? Laut Statistiken hat Deutschland nur noch eine Chance von fünf Prozent.

Kuntz: Statistiken interessieren dich als Spieler nicht. Ich bleibe dabei, dass wir das machen. Favoriten sind natürlich auch Brasilien, Frankreich und Spanien. Belgien ist – wie bei den letzten Turnieren schon – Geheimfavorit, auch wenn sie es bisher noch nie umsetzen konnten.

Gibt es bei kommenden Turnieren ein Wiedersehen als TV-Experte?

Kuntz: Das weiß ich noch nicht, da müssen wir erstmal nach der WM ein Fazit ziehen.

Die Fragen stellte Stefan Regel.