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US-Sport
Wenn Verlieren zur besten Option wird

Dallas. Immer mehr Mannschaften aus der NBA und der MLB gehen diesen Weg – und versprechen sich dadurch eine bessere Zukunft.

Es ist erst ein paar Wochen her, als Basketball-Star Dirk Nowitzki seinem Arbeitgeber vehement widersprach. Mit „tanking“ wolle er nichts am Hut haben. Absichtlich zu verlieren – das sei mit ihm nicht zu machen, teilte er Mark Cuban mit. Der Besitzer der Dallas Mavericks hatte zuvor einige Spieler wissen lassen: „Verlieren ist unsere beste Option.“ Die NBA brummte ihm dafür eine Geldstrafe von 600 000 Dollar auf, Nowitzki beteuerte: „Dafür stehe ich nicht. So bin ich einfach nicht.“


„Tanking“ hat nichts mit der Zufuhr von Kraftstoff zu tun. Es bedeutet „baden gehen“ oder „Schiffbruch erleiden“ – also eher: den Tank leer machen. Im US-Profisport steht der Begriff für absichtliches Verlieren. Im Hinterkopf haben Teams wie die Mavericks dabei die Zukunft. Je schlechter ein Club die Saison beendet, desto früher darf er bei der folgenden Talente-Auswahl auf die besten College-Spieler und damit einen potenziellen Star von morgen zugreifen. Je schlechter die Mannschaft, desto größer die prozentuale Chance auf einen früheren Zugriff.

Die Mavericks waren erwartungsgemäß schlecht in dieser Saison, sehr schlecht. Und damit dies auch so blieb, „schonte“ Trainer Rick Carlisle schon mal den ein oder anderen guten Spieler. Der Draft der Nachwuchsspieler, an dem auch der Berliner Moritz Wagner teilnehmen dürfte, gilt in diesem Jahr als ausgesprochen gut besetzt.

Dass „tanking“ funktionieren kann, ist erwiesen. Etwa im Baseball. Die Chicago Cubs zerlegten ab 2012 ihr bis dahin mittelmäßiges Team, nahmen in Kauf, dass sie zunächst mal zum Prügelknaben wurden, sicherten sich dadurch aber viele gute Nachwuchsspieler. Sie bauten eine neue Mannschaft auf, ergänzten sie durch erfahrene Akteure, die frei auf dem Markt waren – und gewannen 2016 erstmals nach 108 Jahren wieder den Titel. Die Houston Astros nahmen den gleichen Weg – und siegten 2017.

„Ich denke nicht, dass es funktioniert“, hatte NBA-Chef Adam Silver bei seinem Amtsantritt vor fünf Jahren über „tanking“ gesagt: „Ich habe auch noch nicht gesehen, dass irgendwer in der Liga damit Erfolg hatte.“ Mittlerweile muss Silver feststellen, dass es durchaus funktionieren kann. Das Musterbeispiel sind die Philadelphia 76ers. 2012 nahm der damalige Manager Sam Hinkie den ganzen Laden auseinander. Die Anhänger beruhigte er mit dem Satz: „Trust the process.“ Vertraut unserem Weg. Nicht alles klappte so, wie Hinkie das geplant hatte, aber immer noch gut genug. 2014 und 2015 wählten die 76ers im Draft jeweils an dritter Stelle, 2016 und 2017 an erster seine Toptalente. Ein paar gute Tauschgeschäfte kamen hinzu, nachdem 2015 Hinkie durch Bryan Colangelo abgelöst worden war. Nach einer beeindruckenden Saison stehen die 76ers erstmals seit 2012 in den Playoffs – die Nachwuchsleute Joel Embiid (ausgewählt 2014) und Ben Simmons (2016) wachsen zu Superstars heran.



Weil „tanking“ klappt, ist der sportliche Wettbewerb verzerrt. In der NBA waren vor dieser Saison zahlreiche Mannschaften von Beginn an chancenlos beim Kampf um die Teilnahme an den Playoffs, die am Wochenende starten werden. In der 30 Mannschaften umfassenden Baseball-Liga MLB nahmen vor dieser Spielzeit derart viele Clubs ihre Teams auseinander, unter anderem aus Kostengründen, dass wohl nur ein Dutzend um die sechs Playoff- und vier Qualifikationsplätze spielt. Der Erfolg der Cubs und Astros ist zu verlockend. Das offensichtliche „tanking“ in der MLB ging so weit, dass die Spielergewerkschaft gegen die Oakland A’s, Miami Marlins, Tampa Bay Rays und Pittsburgh Pirates Beschwerde bei der MLB einlegte: Die vier genannten Teams würden zu wenig Geld investieren und daher auch gar nicht konkurrenzfähig sein wollen.