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WM-Kolumne
Wenn der Fußball überhöht wird

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Dem Fußball wird auch eine große gesell- schaftliche Bedeutung zugesprochen. Die zunehmende Politisierung der vergangenen Wochen ist aber nicht angemessen. Auch nicht im Falle eines frühzeitigen Scheiterns bei der WM in Russland. Von Kai Klankert
Kai Klankert

Die Enttäuschung bei den 80 Millionen Bundestrainern auf der heimischen Couch ist noch nicht verdaut. Zuversicht war gestern, das Vorrunden-Aus der deutschen Nationalmannschaft scheint unvermeidlich, glaubt man Volkes Stimme.


Bei einer Niederlage am Samstag gegen Schweden könnte das Horror-Szenario für den Deutschen Fußball-Bund tatsächlich besiegelt sein. Und längst beschleicht einen das Gefühl, dass es gar nicht mehr allein um Sport geht. Die gefährliche Mischung aus dem Glauben weltmeisterlicher Unbesiegbarkeit und alkoholischen Katalysatoren vernebelt nicht wenigen Fans die Sinne. Aus dem Unverständnis für die Foto-Aktion von Ilkay Gündogan und Mesut Özil wächst plötzlich ein Hass heran, den der Fußball eigentlich besiegen will. Und unsägliche Experten wie Lothar Matthäus befeuern via Bild-Zeitung („Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot“) gerade diejenigen, die sich aufregen, wenn Nationalspieler vor dem Spiel die Hymne nicht mitsingen, die gar eine Unterwanderung der Nationalelf heraufbeschwören. Die sogar den AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland für dessen Äußerungen 2016 über Jérôme Boateng („Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben“) gefeiert haben.

Keine Frage, die Mannschaft hat gegen Mexiko eine überraschend schwache Leistung abgerufen. Wenn Özil schlecht spielt, gehört er auf die Ersatzbank – ganz klar. Aber nicht, weil er türkischstämmig ist. Dieser Stimmung müssen wir uns verwehren.



Bundestrainer Joachim Löw hat mehr Einblick ins Team als die 80 Millionen Kollegen auf der Couch. Er wird die richtigen Schlüsse ziehen. Und wenn es doch schief geht? Dann ist es immer noch Fußball. Mal gewinnt man, mal verliert man. So bitter das ist.