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Fußball-WM
Warum liefen die Russen auf einmal so viel?

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Soll man die Leistungsexplosion des Gastgebers überraschend finden – oder verdächtig? Von Stefan Regel
Stefan Regel

Einer der Gründe, warum diese WM uns bisher noch nicht so begeistert hat, mag sein, dass sie in einer Autokratie stattfindet. Dass im Riesenreich des Wladimir Putin dann auch noch ausgerechnet Gastgeber Russland bisher so auftrumpft, kommt uns spanisch vor. Vor der WM verloren die Russen nahezu alle Testspiele, als Nummer 70 der Weltrangliste war das Team die nominell schlechteste Mannschaft des Turniers. Und dann eine solche Leistungsexplosion! Mit einem Team der eher Namenlosen.


Manche Menschen sagen ja, Doping würde im Fußball nichts bringen. Vielleicht hilft es nicht, besser zu flanken oder alleine vor dem Torwart die Nerven zu behalten. Aber Fußball ist ein Laufspiel. Und Doping hilft, schneller und länger zu laufen. Und länger schneller. Auffällig: Gegen Saudi-Arabien rannten die Russen 12,61 Kilometer mehr als der Gegner, das entspricht grob gerechnet einem zusätzlichen Feldspieler. Auch gegen Ägypten war der Gastgeber (+5,61) in dieser entscheidenden Statistik klar besser. Gut, es waren zwei schwache Gegner, dazu geben die heimischen Fans Energie. Und beim ersten Stresstest gegen Uruguay erlebten die Russen gestern gleich mal eine 0:3-Niederlage.

Aber trotz des nicht bestandenen Lackmus-Tests: Russland steht das erste Mal nach dem Zerfall der Sowjetunion im WM-Achtelfinale. Klar, dass da die Dopingdiskussion wieder aufflammt. Zumal im Land des Staatsdopings, des vom Staat organisierten Sportbetrugs wie bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi. Eine Urinprobe von Nationalspieler Ruslan Kambolow, der aus dem WM-Kader geflogen war, soll 2015 ausgetauscht worden sein, behauptet der in die USA geflüchtete Ex-Leiter des Moskauer Doping-Kontrolllabors, Grigori Rodschenkow. Seltsam auch, dass der Weltverband Fifa sich in Sachen Doping bei der WM quasi selbst kontrolliert. Skepsis ist wohl angebracht, auch wenn nach jedem Spiel zwei Spieler der Sbornaja zur Dopingprobe mussten. Aber wahrscheinlich endet der russische Zauber im Achtelfinale – und damit wohl auch alle Doping-Diskussionen.