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Wambach und der siebte Sinn

Zürich. Abby Wambach schloss ungläubig die Augen, hauchte "Wow" und umarmte ihre Konkurrentinnen. Die Wahl zur Weltfußballerin des Jahres kam für die US-Amerikanerin überraschend

Zürich. Abby Wambach schloss ungläubig die Augen, hauchte "Wow" und umarmte ihre Konkurrentinnen. Die Wahl zur Weltfußballerin des Jahres kam für die US-Amerikanerin überraschend. "Ich habe gedacht, Hope hat einen Fehler gemacht", sagte Wambach, nachdem ihre Teamkollegin Hope Solo auf der Bühne des Kongresshauses Zürich ihren Namen vorgelesen hatte: "Ich war sicher, dass Alex gewinnt, sie hatte ein so überragendes Jahr."Die 32-Jährige hatte sich bei der prestigeträchtigen Wahl gegen ihre neun Jahre jüngere Sturmpartnerin Alex Morgan sowie gegen die Brasilianerin Marta durchgesetzt - und damit ihre bemerkenswerte Karriere gekrönt. "Ich kann beiden gar nicht genug danken", sagte Wambach: "Alex dafür, dass ich mit ihr Tag für Tag spielen kann, Marta dafür, dass sie auf der anderen Seite des Platzes mich und meine Mitspielerinnen immer wieder herausfordert. Sie ist eine der Besten der Welt."


Mit 152 Toren in 198 Länderspielen ist die 32-jährige Wambach nun nur noch sechs Treffer vom Weltrekord einer anderen US-Ikone entfernt: Mia Hamm, Weltfußballerin von 2001 und 2002, erzielte 158 Tore in 275 Einsätzen.

Ein handgemaltes Blumenmuster auf dem Briefkasten, akkurat geschnittener Rasen, eine katholische Ordensschule - Mary Abigail Wambach ist geradezu spießig aufgewachsen. An der Highschool "Our Lady Mercy", die sie in Rochester im US-Bundesstaat New York einst besuchte, werden heute noch die "sechs Säulen des Charakters" gepriesen: Respekt, Glaubwürdigkeit, Verantwortung, Fairness, Herkunft und Hilfsbereitschaft. Abby Wambach hat bereits früh einen siebten Charakterzug entwickelt: Durchsetzungsvermögen - als jüngstes von sieben Kindern ihrer Eltern Judy und Peter Wambach, im täglichen Ringen mit sechs älteren Geschwistern. "Sei hart, sei stark, sei geduldig", gibt sie jedem mit auf den Weg, der nach ihrem Lebensmotto fragt.



In Geduld musste sich die 1,80 Meter große Ausnahmespielerin mit dem Hang zu Patriotismus und Pathos selbst üben. Nach dem Olympiasieg 2004 sollte es für sie nach einer Reihe von Verletzungen acht quälend lange Jahre bis zum nächsten großen Titel dauern. Im vergangenen Sommer führte sie die USA in London mit fünf Toren als emotionale Anführerin zur olympischen Goldmedaille.

Die derzeit vereinslose Wambach, die ab dem Frühjahr in der neuen US-Liga NWSL spielen wird, ist der Prototyp einer Instinktstürmerin mit dem siebten Sinn. "Ich habe die einzigartige Gabe zu wissen, wie der Ball fliegt", sagt sie. "Und meine Kolleginnen haben die einzigartige Fähigkeit, mich zu finden."

Eines fehlt ihr aber noch: der WM-Titel. Ihre letzte Chance bietet sich 2015 in Kanada. "Ich kann ehrlich gesagt nicht zurücktreten, ohne noch einmal um den WM-Pokal zu kämpfen. Es frisst mich nicht auf, aber es motiviert mich für die harte Arbeit, mit der ich mein Geld verdiene", sagt Wambach. "Es wäre doch das perfekte Ende, oder nicht?", fragt sie, und gibt die Antwort gleich selbst: "Andererseits sind nur ein Jahr später die Olympischen Spiele." sid

Hintergrund

In den USA soll es ab Frühjahr wieder eine Profiliga der Fußballerinnen geben. Es ist nach den Pleiten der WUSA (2001 bis 2003) und WPS (2009 bis 2011) der dritte Versuch, im Land des zweifachen Olympiasiegers eine nationale Liga über diversen regionalen Spielklassen zu installieren. Um die Mannschaften wirtschaftlich zu entlasten, wird der US-Fußballverband die Gehälter von 24 Nationalspielerinnen - unter anderem von Weltfußballerin Abby Wambach - übernehmen. Ähnliche Vereinbarungen wurden mit den Verbänden aus Kanada und Mexiko getroffen. red