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Leichtathletik
Von Ottweiler bis nach Amerika

Louisa Grauvogel aus Ottweiler gehört zu den besten Siebenkämpferinnen in Deutschland. Seit dem vergangenen Jahr studiert die 20-Jährige an der Universität Georgia in den USA. An diesem Wochenende tritt sie bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Hürdenlauf über 100 Meter an.
Louisa Grauvogel aus Ottweiler gehört zu den besten Siebenkämpferinnen in Deutschland. Seit dem vergangenen Jahr studiert die 20-Jährige an der Universität Georgia in den USA. An diesem Wochenende tritt sie bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Hürdenlauf über 100 Meter an. FOTO: Thomas Wieck
Saarbrücken . Seit einem Jahr lebt Leichtathletin Louisa Grauvogel in den USA. Nun startet die Saarländerin bei den deutschen Meisterschaften. Von Tobias Fuchs
Tobias Fuchs

7 357 Kilometer entfernt. Das hat Louisa Grauvogel auf Instagram mal unter eines ihrer Bilder geschrieben. Als Hashtag für Heimweh. Auf Englisch. Denn das vergangene Jahr verbrachte die Leichtathletin als Studentin in Athens, Bundesstaat Georgia, USA.


Nun sitzt Grauvogel auf einer Bank neben dem Trainingsplatz der Hermann-Neuberger-Sportschule in Saarbrücken. Sie hat Ferien, besucht bis August die alte Heimat. An diesem Wochenende startet sie für die LG Saar 70 bei den deutschen Leichtathlethik-Meisterschaften in Erfurt. Doch heute ist ihr freier Tag, kein Training. Grauvogel trägt schwarze Jeans, ein geripptes grünes Top. Sie nimmt sich Zeit, um ein wenig zurückzublicken. Da ist die Sportschule ein guter Ort. Bis vor einem Jahr lebte die Athletin aus Ottweiler hier im Internat. Die Entfernung zum Anfang ihrer Karriere beträgt gefühlt: null Kilometer.

Louisa Grauvogel gehört im Siebenkampf zu den besten Sportlerinnen in Deutschland. Bei den Junioren gewann sie Bronze bei EM und WM. Seit 2015 rangiert sie in der nationalen Bestenliste beständig in den Top Zehn. Da vergisst man schnell, dass die Saarländerin erst 20 Jahre alt ist. Im vergangenen Sommer machte sie am Saarbrücker Rotenbühl-Gymnasium ihr Abitur. Dann ging sie nach Amerika.



Grauvogel hatte Angebote von mehreren Dutzend Unis. Alle über Facebook. „Ich habe nicht alle gelesen, nicht alle beantwortet, ich musste das filtern“, sagt Grauvogel. Dabei half ihr Lothar Altmeyer. Der Lehrer leitet am Rotenbühl den Sportzweig, ist außerdem Präsident des Saarländischen Leichtathletik-Bundes. „Im amerikanischen Sportsystem spielen die Universitäten eine herausragende Rolle“, sagt Altmeyer. Das wusste auch Grauvogel. Trotzdem brachten sie die Offerten zum Staunen. Mittlerweile hat das Talent gelernt: „Die Unis definieren sich über die Athleten und den Sport.“ Also auch über sie.

Ein Trainer flog extra ein, um Grauvogel zu überzeugen: Petros Kyprianou von der University of Georgia. Im Juni führte der Zypriote seine Athleten auf Platz zwei der College-Meisterschaften. Als er vor einem Jahr in Saarbrücken war, bot er Grauvogel ein Vollstipendium an. Konnte sie da Nein sagen? Sie meint: „Ich bin nicht weggegangen, weil es mir hier nicht gefällt.“ Das ist ihr wichtig, sie will nicht undankbar erscheinen. Nur: Amerika empfand das Talent auch als Belohnung.

Spricht sie jetzt über die USA, tut sie das differenziert. Grundsätzlich gilt: „Dort wird ganz anders trainiert.“ Am Anfang sei das eine wahnsinnige Umstellung gewesen. „Was ich besser finde, ist die Teamdynamik“, erzählt sie. Grauvogel trainiert in einer Gruppe mit einem Dutzend Sportlern, alle mit ähnlichem Programm.

Grauvogel schwärmt auch vom „Training mit stärkeren Leuten“. Eine ihrer Kommilitoninnen ist Kandell Williams. Sie gewann bei den College-Meisterschaften den Siebenkampf mit 6 265 Punkten, holte als Juniorin den WM-Titel über 100 Meter Hürden – eine Disziplin, in der auch Grauvogel immer stärker wird. „Gerade im Sprint und Hürdenlauf habe ich mich deutlich verbessert“, sagt sie.

Ihr kommt zugute, dass das Training anders aufgebaut ist. Kraft und Schnelligkeit stehen im Vordergrund. Ein Nachteil: Für das Feilen an der individuellen Technik bleibt weniger Raum. Das lässt sich an den Ergebnissen ablesen. Im Juni steigerte Grauvogel ihre Bestleistung über 100 Meter Hürden gleich zwei Mal. Bei den deutschen U23-Meisterschaften in Leverkusen gewann sie über diese Distanz in 13,50 Sekunden – trotz Erkältung. Aber: Den Siebenkampf bei den College-Meisterschaften brach sie ab. Im Hochsprung hatte sie die Anfangshöhe nicht gemeistert.

„Wir sagen: Wer schneller wird, ist automatisch besser im Mehrkampf, weil wir intensiv an den technischen Details arbeiten“, erläutert Altmeyer den deutschen Trainingsansatz. Dass Grauvogel sich in den USA im Hochsprung nicht gesteigert hat, ist ihm nicht entgangen. „Das ist im Moment ihre Problemdisziplin“, sagt Altmeyer.

Grauvogel plant in diesem Jahr keinen Siebenkampf mehr. Bei den Meisterschaften in Erfurt tritt sie im Hürdenlauf an. Es sind ihre ersten nationalen Titelkämpfe bei den Aktiven. „Sie hat auf jeden Fall Endlaufchancen“, sagt Altmeyer. Auch im Mehrkampf sieht er weiteres Potenzial: „Sie müsste nur den Sprung über 6 000 Punkte schaffen.“ Ab dieser Marke wäre Grauvogel nah dran an Olympia in Tokio. Im Moment liegt ihre Bestmarke noch bei 5 747 Punkten. Ein näheres Ziel: die Leichtathletik-EM 2018 in Berlin. „Wir haben zwei Top-Siebenkämpferinnen, dahinter streiten sich fünf Leute auf meinem Niveau um einen dritten Platz“, schätzt Grauvogel ihre Chancen ein. Die Wettkämpfe wären ein Grund mehr, sich auf den langen Weg nach Hause zu machen.