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Vom Schützenhaus auf den WM-Thron?

Kontiolahti. Simon Schempp geht als größte deutsche Medaillenhoffnung in die Biathlon-WM in Kontiolahti. Der Gesamtweltcup-Zweite wird zum Start mit der Mixedstaffel am heutigen Donnerstag allerdings nur zuschauen. sid

Simon Schempps Aufstieg zur Nummer eins der deutschen Biathleten begann äußerst unorthodox. "Wir haben ganz mittelalterlich in unserem Schützenhaus mit dem Schießtraining angefangen. Dann sind wir auf abgelegenen Straßen und Radwegen Skiroller gefahren", erzählt der 26-Jährige. Im heimischen Uhingen, unweit von Stuttgart, liegt "vielleicht drei Tage im Jahr Schnee". Schempp wollte trotzdem Biathlet werden.

Mehr als 13 Jahre nach den spartanischen Anfängen ist Schempp der heißeste Medaillenkandidat der DSV-Skijäger bei der WM im finnischen Kontiolahti . Zum Auftakt mit der Mixedstaffel (heute, 17.15 Uhr/ZDF ) darf sich Schempp aber überraschend noch schonen. Bundestrainer Mark Kirchner nominierte Daniel Böhm (Buntenbock) und Benedikt Doll (Breitnau) statt des Überfliegers. Damit kann sich der Gesamtweltcup-Zweite voll auf die Vorbereitung für den Sprint am Samstag konzentrieren und sich endlich den Traum von seiner ersten WM-Einzelmedaille erfüllen.

Wie es sich anfühlt, Weltmeister zu sein, weiß der Schwabe. 2010 holte er mit der Mixedstaffel in Russland Gold. Im Schatten von Magdalena Neuner trug er seinen Teil zum Sieg bei, spätestens jetzt steht Schempp aber ganz alleine im Rampenlicht. Doch Schempp bleibt sich auch nach seiner beeindruckenden Erfolgsserie treu und geht bescheiden in den Saison-Höhepunkt. "Ich will einfach weiter meine Bestleistung abrufen", sagt der Mann, der in Kontiolahti auch eine Staffel-Medaille gewinnen will. Als Schlussläufer des Silberteams aus Sotschi ist der Perfektionist natürlich gesetzt.

In Ruhpolding und Antholz hat er im Januar drei Rennen in Folge gewonnen und dabei im Zielsprint endlich den Killer-Instinkt gezeigt, der ihm lange fehlte. "Ich bin mit meinen Aufgaben gewachsen", sagt Schempp nicht ohne Stolz: "Man merkt ganz klar, dass jetzt die Aufmerksamkeit wächst." Hier ein Autogramm, dort ein Foto - Schempp ist ein gefragter Mann. Schließlich war er in den vergangenen Wochen der einzige, der Martin Fourcade (Frankreich) so richtig ärgern konnte. "Ich rechne auch bei der WM mit ihm", sagt Fourcade über seinen ärgsten Widersacher.

Schempp hat weiter an seinem Schießen gefeilt und daran gearbeitet, seine starke Form in der Loipe zu konservieren. "Ich habe nur Biathlon im Kopf", sagt der ehrgeizige Zollbeamte. Ablenkungen lässt er nicht zu, er wirkt wild entschlossen. Das war nicht immer so, 2010 drohte sogar das Karriereende. Damals musste er die Saison abbrechen. Sein Körper rebellierte gegen die hohen Belastungen. "Das vergisst man nicht und lernt daraus", sagt Schempp. Er kämpfte sich verbissen zurück - und könnte zum Star dieser WM werden.