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Vom Fieber ist nicht viel gebliebenARD-Tour-Chef Demuth hofft auf steigendes Interesse

Vom Fieber ist nicht viel gebliebenARD-Tour-Chef Demuth hofft auf steigendes Interesse

Saarbrücken. Was waren das für Sportnachmittage: Gebannt fieberten Millionen Menschen in Deutschland vor dem Fernseher mit, als Rad-Profi Jan Ulrich am 15. Juli 1997 als triumphaler Etappensieger nach Andorra-Arcalis einfuhr und das Gelbe Trikot überstreifte. Er sollte es bis Paris nicht mehr abgeben und als erster Deutscher die Tour de France gewinnen

Saarbrücken. Was waren das für Sportnachmittage: Gebannt fieberten Millionen Menschen in Deutschland vor dem Fernseher mit, als Rad-Profi Jan Ulrich am 15. Juli 1997 als triumphaler Etappensieger nach Andorra-Arcalis einfuhr und das Gelbe Trikot überstreifte. Er sollte es bis Paris nicht mehr abgeben und als erster Deutscher die Tour de France gewinnen. Der sympathische und bodenständige Ullrich begründete ein wahres Radsport-Fieber in Deutschland, wie einst Boris Becker im Tennis und Michael Schumacher in der Formel 1. Bei der Tour 2003 saßen in der Spitze fast neun Millionen deutsche Zuschauer beim entscheidenden Einzelzeitfahren vor den Bildschirmen, die ARD erreichte einen Marktanteil von 58,6 Prozent.

Was ist von diesem Radsport-Fieber in Deutschland übrig geblieben? Nicht viel. 2009 kamen die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bei der Tour gerade einmal auf einen Spitzenwert von 1,33 Millionen Zuschauern. Eine nicht enden wollende Liste an Doping-Fällen hat die Glaubwürdigkeit des Radsports in den vergangenen Jahren erschüttert. Höhepunkt war der Skandal um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes, in den auch Ullrich verwickelt war. Das deutsche Rad-Idol wurde 2006 von der Tour ausgeschlossen, ein halbes Jahr später beendete er seine Karriere. Und die Reihe der Dopingfälle riss nicht ab: Ob Erik Zabel, Bjarne Riis, Alexander Winokurow oder Floyd Landis - sie alle und viele mehr wurden als Betrüger entlarvt.

Bei vielen Radsportfans in Deutschland entstand der Eindruck, dass leistungssteigernde Medikamente ein fester Bestandteil des Radsports sind, dass derjenige, der nicht betrügt, chancenlos ist. Aussagen von Rennfahrern wie dem österreichische Ex-Gerolsteiner-Profi Bernhard Kohl bestätigen diesen Eindruck: "Ich habe freiwillig gedopt - in einem System, in dem du ohne Doping nicht gewinnen kannst." Eine Bankrotterklärung des Radsports. Kohl war nach der Tour 2008 überführt worden, die er als Dritter abschloss.

Die Folgen eines solchen Images sind für den deutschen Profi-Radsport verheerend: Die Einschaltquoten bei der Tour bewegen sich seit dem Fuentes-Skandal auf konstant niedrigem Niveau. Großsponsoren zogen sich zurück, weil sie ihre Namen nicht mehr hergeben wollten. 2007 stieg die Deutsche Telekom aus dem Radsport aus: "Wir haben uns zu diesem Schritt entschlossen, um uns von den jüngsten Doping-Erkenntnissen im Sport und speziell im Radsport zu distanzieren", begründete Telekom-Vorstand Hamid Akhavan damals den Rückzug - zehn Jahre nach Ullrichs Tour-Triumph im Telekom-Trikot. Ein Jahr später löste sich auch das Gerolsteiner-Team auf. Nach dem Rückzug des Getränke-Herstellers fand sich kein neuer Sponsor. So ist als letztes deutsches Profi-Team nur noch Milram übrig - das für nächstes Jahr ebenfalls fieberhaft nach einem neuen Sponsor sucht.

Auch die Deutschland Tour fiel dem Doping-Sumpf zum Opfer: "Aufgrund der aktuellen Entwicklungen im Profiradsport sehen wir uns nicht in der Lage, die Veranstaltung erfolgreich zu vermarkten und damit zu finanzieren", heißt es in einer Erklärung des Veranstalters. Die Deutschland Tour 2008 war damit die vorerst letzte Austragung des Rennens.

ARD und ZDF haben ihre Live-Berichterstattung von der Tour de France inzwischen deutlich zurückgefahren. 2007 hatten die Sender ihre Live-Übertragung nach dem positiven Doping-Test des deutschen Radprofis Patrik Sinkewitz sogar abgebrochen. 2009 zeigten sie nur 30 Minuten Live-Bilder pro Tag. In diesem Jahr wollen ARD und ZDF ihre Live-Sendezeit wieder leicht aufstocken.

Betrüger sollen es schwer haben bei der diesjährigen Tour. Laut Nachrichtenagentur dpa wird sich ein Dreigestirn aus Doping-Jägern bei der Tour etablieren und versuchen, die Problembranche aus den Schlagzeilen zu bringen. Der Internationale Weltverband UCI leitet die Kontrollen, die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA überwacht die Tests als übergeordnetes Gremium und die Französische Anti-Doping-Agentur AFLD hilft mit wertvollen Tipps aus Kreisen "der Polizei und des Zolls". Es ist nicht der erste Versuch, den Radsport endlich aus dem Doping-Sumpf zu ziehen.Wie kommt es, dass in diesem Jahr wieder mehr Tour de France übertragen wird?

Steffen Demuth: Mit einer Stunde Live-Berichterstattung befinden wir uns im Rahmen unserer vertraglichen Regelungen, im vergangenen Jahr war die reduzierte Berichterstattung der besonderen Situation geschuldet. Die Struktur der Berichterstattung wird sich nicht grundlegend ändern.

Wie beurteilen Sie die öffentliche Wahrnehmung der Tour in Deutschland?

Demuth: Die Tour de France ist ein Weltsportereignis, das Millionen Menschen in seinen Bann zieht, und wir hoffen natürlich darauf, dass auch in Deutschland das Interesse wieder steigt.

Wie kann der Radsport jemals das Vertrauen der Zuschauer zurückgewinnen?

Demuth: Indem er viel kontrolliert, das Kontrollsystem transparent macht und Schlupflöcher schließt.

Wieso sind die Deutschen bei der Aufarbeitung der Doping-Problematik kritischer als andere Länder?

Demuth: Es ist wichtig, dass man auf diese Problematik kritisch reagiert. Vielleicht ist Deutschland den anderen Ländern da nur ein Stück voraus.

Glauben Sie an eine saubere Tour 2010?

Demuth: Ich glaube an eine Tour, bei der viel unternommen wird um Betrug - und das ist Doping - zu unterbinden. "Ich habe freiwillig gedopt - in einem System, in dem du ohne Doping nicht gewinnen kannst."

Bernhard Kohl,

Dritter der Tour 2008