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Völklingerin Carrie Schreiner bestreitet Testfahrten in der Formel E

Motorsport : Gemeinsam mit Formel-1-Stars auf der Piste

Die Völklingerin Carrie Schreiner will Profi-Rennfahrerin werden. Am Wochenende stehen Tests in der Formel E in Saudi-Arabien an.

Besinnliche Adventszeit? Gemütlich mit Freundinnen über den Weihnachtsmarkt flanieren? Das ist nichts für Carrie Schreiner. Die 20-Jährige aus Völklingen hat gerade ganz anderes im Sinn: Rennwagen testen, Spezialtraining im Simulator absolvieren, Gespräche mit Ingenieuren führen. Kurzum: Vollgas geben.

Und Carrie Schreiner muss eine wichtige Entscheidung treffen. Denn mit Blick auf die neue Saison hat sie die Qual der Wahl. Angebote für die Rennen in der GT3-Serie, der Königsklasse für Gran-Turismo-Fahrzeuge, die durch den Automobil-Weltverband Fia auf ein Leistungsniveau angeglichen sind, liegen ihr von Lamborghini, Audi, Mercedes und Porsche vor. Für welche Marke sie ins Lenkrad greifen wird? Vermutlich Lamborghini oder Audi. „Eine Woche vor Weihnachten will ich mich entschieden haben. Das ist dann mein schönstes Geschenk unterm Weihnachtsbaum“, sagt Schreiner.

Aber es ist nicht so, als würde die 20-Jährige bis dahin in ihrem Zimmer sitzen und endlos grübeln. Ein Termin jagt den nächsten. Und das hat auch mit einem überraschenden Anruf von HWA Mercedes zu tun. Weil die Nachwuchs-Rennfahrerin Sophia Flörsch (17) aus München am 18. November bei ihrem Horrorunfall im Weltfinale der Formel 3 in Macau eine Wirbelsäulenfraktur erlitten hat (inklusive elfstündiger Operation), war HWA auf der Suche nach einem Ersatz für Testfahrten in der Formel E – und wählte Schreiner dafür aus.

Am heutigen Donnerstag startet der Flieger Richtung Saudi-Arabien. In der Hauptstadt Riad stehen am Samstag und Sonntag die Fahrten an – und Schreiner ist in prominenter Gesellschaft. Die ehemaligen Formel-1-Piloten Felipe Massa, Nelson Piquet Junior, Jean-Eric Vergne und André Lotterer sind mit Schreiner auf der Piste. Für HWA Mercedes werden auch der Belgier Stoffel Vandoorne, vergangene Saison noch als Formel-1-Pilot in Diensten von McLaren, und ebenfalls als Formel-E-Neuling Gary Paffett, DTM-Meister der Jahre 2005 und 2018, am Start sein. Die Elektro-Rennserie der Formel-Autos geht im April in ihre fünfte Saison.

Aber einsteigen und losfahren – so einfach ist das nicht. Deswegen musste Schreiner vergangene Woche nach Affalterbach zur Sitzprobe. Der Sitz musste ausgeschäumt werden, und es gab eine Einweisung in das Energie-Management des Autos, kurz, wie man ein Elektro-Auto bewegt. Am vergangenen Wochenende war sie dann kurz zuhause, am Sonntag ging es mit dem Flieger nach Barcelona, wo Montag und Dienstag Formel-3-Testfahrten anstanden. Am Mittwoch flog sie von Barcelona weiter nach Nizza und von dort nach Monte Carlo, wo Schreiner in einem Simulator ein spezielles Training für den Test in Riad absolvierte.

Ein strammes Programm, aber auch ein Programm, das stolz macht – Carrie selbst und ihren Vater Frank Schreiner. „Ohne den Unfall von Sophia Flörsch hätte Carrie wohl nie die Chance bekommen“, bekennt er: „Doch was wir als Fake news aufgefasst haben, dann aber per Mail bestätigt wurde, wird jetzt Wirklichkeit.“ Der 58-Jährige ist der Chef der Donic Sportartikel Vertriebs-GmbH in Völklingen und vertreibt „alles, was mit Tischtennis zu tun hat“, weltweit in 81 Länder. „Ich unterstütze meine Tochter, wo und wie es geht“, sagt der ehemalige Hobby-Rennfahrer, der seine Rolle nicht als Manager, sondern eher als „Koordinator“ beschreibt und seine Tochter zum Rennsport gebracht hat.

„Ich wohne in Völklingen“, sagt Carrie und ergänzt fast energisch: „Aber aufgewachsen bin ich auf den Rennstrecken dieser Welt, denn mein Papa hat mich, so oft es ging, zu seinen Rennen mitgenommen. Und da habe ich die Fahrerlager und viele Rennfahrer kennen gelernt.“ Manchmal muss die Tochter den Papa (aus)bremsen, wenn der in Erzähllaune ist. So berichtet er ganz stolz von einer Begegnung seiner Tochter mit einem ihrer Kollegen aus der Kartszene. „Also“, setzt Frank Schreiner an, „da hab ich zufällig mitbekommen, wie der Bursche sagte: Carrie, ich hab jetzt länger mit dir geredet, du bist ein ganz liebes Mädchen, bist nett und sympathisch. Aber eins muss ich dir sagen: Auf der Strecke bist du eine richtige Pistensau.“

Begonnen hat „Pistensau“ Schreiner ihre Motorsport-Karriere, wie eigentlich üblich, in einem Kart. Das war 2009, als sie zehn Jahre alt war. „Da habe ich in den kleinen Meisterschaften angefangen, bin aber immer weiter nach oben gefahren und konnte verschiedene Meisterschaften in verschiedenen Klassen gewinnen“, erinnert sie sich an die Anfänge. 2012 gewann sie die stärkste nationale Kartserie, das ADAC Kart Masters. Nach zwei weiteren Jahren im Kartsport erfolgte 2015 der Aufstieg in die neu gegründete deutsche Formel-4-Meisterschaft. „Hier habe ich mir auch Duelle mit Mick Schumacher geliefert und mich auch schon gegen ihn durchgesetzt“, erzählt Schreiner.

2016 fuhr sie im US Racing Team von Ralf Schumacher und startete parallel in der britischen Formel 4-Meisterschaft. „Mit über 40 Startern habe ich mich anfangs schwer getan. Diese Serie ist knüppelhart, aber ich hab nie aufgegeben und in den zwei Jahren viel gelernt“, sagt Schreiner: „Danach aber wollte ich mal ein Dach überm Kopf haben.“

Dieser Wunsch wurde 2017 erfüllt, als sie in die GT-Serie (Gran Turismo) wechselte. Dort bestritt sie für Lamborghini die Super Trofeo Serien im Mittleren Osten und in Asien sowie einige Gaststarts in Europa. Im Lamborghini bändigte die 1,53 Meter kleine, gerade mal um die 50 Kilo leichte Rennfahrerin immerhin ein 620 PS-Monster. Ganz nebenbei sorgte sie mit diesem Monster des Squadra Corse Teams für einen Paukenschlag: Als jüngste Starterin und einzige Rennamazone fuhr Schreiner in sechs Rennen fünf Mal aufs Podium und wurde Vize-Champion. Es war ein Durchbruch, dem 2018 als Höhepunkt Platz eins im Porsche Super Sports Cup folgte. Mit den Testfahrten in der Formel E geht ein aufregendes Jahr für die Großhandelskauffrau zu Ende.

Angestellt ist Carrie Schreiner übrigens in der Firma ihres Vaters. „Sie ist aktuell aber freigestellt“, sagt Frank Schreiner. Verständlich, Tochter Carrie hat zurzeit auf und neben den Rennstrecken dieser Welt genug zu tun. Sie will Profi-Rennfahrerin werden. Und da ist manchmal für besinnliche Stimmung im Advent einfach keine Zeit. Carrie Schreiner gibt stattdessen Vollgas.