| 20:41 Uhr

Formel 1
Vettel startet als Verschleierungs-Künstler

 In den Trainingseinheiten am Freitag war Ferrari-Pilot Sebastian Vettel überraschend und erstaunlich weit von der Spitze entfernt. Beim Auftaktrennen am Sonntag soll das natürlich nicht so sein.
In den Trainingseinheiten am Freitag war Ferrari-Pilot Sebastian Vettel überraschend und erstaunlich weit von der Spitze entfernt. Beim Auftaktrennen am Sonntag soll das natürlich nicht so sein. FOTO: dpa / Julian Smith
Melbourne. Alles nur ein Bluff? Vor dem Start in die neue Formel-1-Saison gibt die Form von Ferrari Rätsel auf. Mercedes scheint auf Kurs zu sein. dpa

Sebastian Vettel zog die rote Kappe tief in sein Gesicht und stapfte hinter seinem neuen Boss in die Garage. Die schwarze Mappe unter dem Arm von Ferrari-Teamchef Mattia Binotto deutete an, dass es einiges zu bereden gab nach dem ersten Trainingstag beim Formel-1-Saisonauftakt in Melbourne. Mit erstaunlichem Rückstand auf Titelverteidiger Lewis Hamilton hatte Vettel die Übungseinheiten am Freitag beendet. Im Fahrerlager kreiste prompt die Frage: Hat Ferrari nur geblufft? „Ich mache mich nicht verrückt“, sagte Vettel.


Mit großen Erwartungen waren der Hesse und sein Team nach Australien gereist. Im fünften gemeinsamen Jahr soll endlich der Titel her. Dafür haben sie in Maranello personell auf allen Ebenen umgebaut, die Anstrengungen und den Druck noch einmal erhöht. Vettels Bestzeit bei den Tests in Barcelona bestärkte die Hoffnung. Auch deshalb wirkten die neun Zehntelsekunden, die dem 31-Jährigen nun in Melbourne auf Hamilton fehlten, wie eine kalte Dusche. Auch Ferrari-Neuzugang Charles Leclerc (21) war als Neunter weit zurück. Beobachter indes wollten beim Blick auf die Zeitentabelle erkannt haben, dass Ferrari mit vollen Tanks sein wahres Leistungsvermögen verschleierte.

Von der Favoritenrolle, in der sich die Scuderia zuletzt wiederfand, wollte Teamchef Binotto ohnehin nichts wissen. „Wintertests sind nicht dasselbe wie eine Qualifikation oder eine Rennsituation. Erst hier in Melbourne beginnen wir, das Auto richtig zu verstehen“, sagte der 49-Jährige. Seine Mannschaft schaue vorerst nur auf sich. „Wir wollen uns Schritt für Schritt verbessern“, sagte Binotto.



Schon wieder in Spitzenform scheint indes Champion Hamilton zu sein. „Das Auto hat mir ein gutes Gefühl vermittelt – genau deshalb macht es mir so viel Spaß“, sagte der Brite. Noch vor wenigen Tagen hatte der 34-Jährige von bis zu einer halben Sekunde Rückstand auf Ferrari und dem wohl schwersten Titelkampf bislang gesprochen. Nun flogen die Silberpfeile wieder allen davon. Hamiltons finnischer Teamkollege Valtteri Bottas belegte in der Endabrechnung Rang zwei.

„Sie waren in einer eigenen Liga“, versicherte Vettel und machte sich über den „ganzen Quatsch“ lustig, der zuletzt zum erwarteten Kräfteverhältnis diskutiert worden sei. „Keiner hat wirklich verstanden, was Mercedes beim Testen gemacht hat, vielleicht sie selbst auch nicht“, ätzte Vettel. Das Pokerspiel im Titelkampf hat offenbar diesmal besonders früh begonnen. Ob er denn selbst noch ein Ass für das Wochenende im Ärmel habe, wurde der viermalige Weltmeister kurz vor dem Feierabend noch gefragt. „Ich hab ein kurzes T-Shirt an, da würde man ein Ass ja sofort sehen“, entgegnete Vettel schlagfertig.

Für schlechte Laune gab es an diesem windigen Nachmittag im Albert Park, der nur einen kurzen Fußweg vom Strand in St. Kilda entfernt ist, definitiv noch keinen Grund. Auf das Auftaktrennen in Australien an diesem Sonntag (6.10 Uhr/RTL und Sky) folgen noch 20 weitere Grand Prix. Vorbei ist die Saison erst am 1. Dezember in Abu Dhabi.

2017 und 2018 hatte Vettel das Rennen in Melbourne gewonnen. Weltmeister wurde am Ende aber jeweils Hamilton. Diesmal will Vettel nicht wieder einem anderen zum Titel gratulieren müssen. Im fünften Jahr hatte damals auch Michael Schumacher seinen einmaligen Triumphzug mit der Scuderia gestartet. Dieser Blick in die rote Geschichte gibt den Tifosi Zuversicht. „Ferrari hat einen Vorteil uns gegenüber: Nach elf Jahren ohne Titel haben sie einen riesigen Hunger. Wenn sie den richtig kanalisieren, kann sie das zum Titel tragen“, sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff.