Ungeklärte Fragen eines Skandals

Ungeklärte Fragen eines Skandals

Frankfurt. Das Sommermärchen im Jahr 2006 wird den Fußball-Fans als einzigartige Party in Erinnerung bleiben. Doch die Schatten um den Vergabe-Skandal sind lang. Auch genau ein Jahr nach den ersten Berichten über Ungereimtheiten sind längst nicht alle Fragen geklärt.

6,7 Millionen Euro: Wo endeten die Geldflüsse von Kitzbühel nach Katar?

Es ist die entscheidende Frage des WM-Skandals. Warum mussten die deutschen Organisatoren 6,7 Millionen Euro an eine Firma in Katar überweisen, auf ein Konto des Skandalfunktionärs Mohammed bin Hammam? Der Freshfields-Bericht des DFB machte im März klar, wie die Geldflüsse liefen - über ein Konto von Franz Beckenbauer in die Schweiz und von dort an den Golf. Der Kaiser bekam das Geld zurück durch einen Kredit des ehemaligen Adidas-Chefs Robert Louis Dreyfus, der das Geld dann wieder haben wollte - weshalb die Legende von einer Vorschusszahlung durch den Weltverband Fifa für eine WM-Gala gestrickt wurde. Bin Hammam schweigt. Zwei Varianten gelten als möglich. Mit den Millionen wurden asiatische Fifa-Wahlmänner nachträglich bezahlt. Aus DFB-Kreisen verlautet, dass es wahrscheinlicher sei, dass schwarze Wahlkampfkassen für Fifa-Chef Joseph Blatter gefüllt worden seien. Der Schweizer dementiert das.

Viele Erinnerungslücken: Was wussten Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger wann?

Es gehört zur Eigendynamik eines jeden Skandals, dass sich die Protagonisten immer nur an die Verfehlungen erinnern können, die ihnen gerade bewiesen wurden. Auch die Sommermärchen-Macher haben zehn Jahre nach dem Turnier große Erinnerungslücken, wenn es um ihr Handeln im Vorlauf der WM geht. Niersbach beharrt darauf, erst im Sommer 2015 Kenntnisse von den dubiosen Geldflüssen gehabt zu haben. Eine handschriftliche Notiz auf einem Schriftstück aus dem Jahr 2004 liefert ein starkes Indiz, dass dies nicht stimmt. Ehemalige Kollegen wie Theo Zwanziger behaupten, dass Niersbach sehr wohl zum Mitwisserkreis gehörte. Doch auch der frühere DFB-Präsident Zwanziger musste einen Zeitpunkt über die Abwicklung der Rückzahlung des Kredits revidieren.

Oddset-Millionen für den Kaiser: Hatte Franz Beckenbauer ein Ehrenamt?

"Selbstverständlich mache ich das ehrenamtlich." Dieser Satz von Franz Beckenbauer aus den WM-Zeiten klingt im Lichte der jüngsten Erkenntnisse geradezu dreist. Wieder wird durch Medienberichte publik, dass der Kaiser sehr wohl entlohnt wurde für seinen enormen Einsatz für die Heim-WM - und zwar fürstlich. 5,5 Millionen Euro aus dem Topf von Sponsor Oddset kassierte er via DFB und WM-OK. Der Geldfluss macht die Argumentation aus dem Beckenbauer-Lager schwierig, dass es sich um eine Entlohnung für ohnehin vereinbarte Werbeauftritte für Oddset gehandelt habe. Warum wurde dann nicht direkt von der Lotteriegesellschaft überwiesen? Zudem wirft Fragen auf, warum der DFB die anfallenden Steuern erst 2010 bezahlte. Die Ironie: Im WM-Taumel hätte es gegen die Millionenzahlung an den Kaiser wohl kaum Protest gegeben.

Die Justiz: Wo wird gegen wen ermittelt?

Moralisch scheinen die Urteile gefällt. Die deutschen Funktionäre bewegten sich in ihren Bemühungen um die WM in einer schwierigen Grauzone - juristische Verfehlungen möglicherweise inklusive. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen Steuerhinterziehung gegen Niersbach, Zwanziger und Horst R. Schmidt. Hintergrund ist die möglicherweise falsche Deklarierung in der DFB-Steuererklärung von 2006, in der die Rückzahlung der 6,7 Millionen Euro als Aufwand benannt wurde, den es so nicht gegeben hatte. Die Schweizer Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen des Verdachts der Untreue und des Betrugs gegen Beckenbauer, Niersbach, Zwanziger und Schmidt. Alle Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe. In der Sportjustiz laufen Ermittlungen gegen Beckenbauer, Schmidt, Zwanziger und den Bliesener Ex-DFB-Vize-Generalsekretär Stefan Hans durch die Fifa-Ethikkommission. Niersbach wurde wegen seiner mangelhaften Kooperation bei der Aufklärung für ein Jahr von allen Ämtern suspendiert. Ex-DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock wurde zu einer Strafe von 50 000 Schweizer Franken verurteilt.