Unerwartet deutliche Kritik

Unerwartet deutliche Kritik

Die Kritik der Bundesliga-Trainer Ralf Kellermann und Colin Bell sorgt vor dem letzten WM-Auftritt der Frauen-Nationalmannschaft gegen England für Unruhe und Diskussionen. Unberechtigt scheint sie nicht.

Wie bei der Heim-WM 2011 findet auch das WM-Finale 2015 im Frauenfußball ohne deutsche Beteiligung statt, nachdem die DFB-Auswahl zuvor zwei Turniere (2003 und 2007) gewann. Diesmal kann es allenfalls noch der dritte Platz werden, wenn an diesem Samstag gegen England (22 Uhr/ARD ) im Commonwealth Stadium in Edmonton gewonnen wird. Die Stimmung sei gut, heißt es, man wolle sich mit Bronze belohnen - auch wenn die angeschlagenen Dzsenifer Marozsan (Sehnenreizung in Folge ihrer Bänderdehnung im linken Sprunggelenk) und Lena Lotzen (Überlastungssyndroms mit Sehnenreizung an der rechten Hüfte) ausfallen.

Aber taugt das zur Versöhnung? Extern steht das Urteil namhafter Kritiker: Der Europameister ist klar unter seinen Möglichkeiten geblieben. Seit die Bundesliga-Trainer Ralf Kellermann (VfL Wolfsburg ) und Colin Bell (1. FFC Frankfurt) spielerische Einfältigkeit und mangelnde taktische Flexibilität beklagt haben, herrscht bei der deutschen Delegation Unverständnis vor. Torhüterin Nadine Angerer hat vor ihrem letzten Länderspiel die Vorwürfe scharf gekontert: "Das macht mich richtig sauer, weil es immer leicht ist, Sachen von außen zu beurteilen." Dabei blendet sie jedoch aus, dass Kellermann 14 WM-Spiele vor Ort verfolgt hat, Bell bei Achtelfinale bis Halbfinale im Stadion war.

Die aktuelle Generation ist eng mit der nun seit fast zehn Jahren tätigen Bundestrainerin Silvia Neid verwoben, die , bisweilen stur sein kann. Eingeständnisse zu Fehlern aller Art sind selten. Als der 51-Jährigen in schärferer Form die Wechselfehler beim Viertelfinal-Aus vor vier Jahren angelastet wurden, gab sie auch mit einem Tag Abstand keine eigenen Versäumnisse zu. Das wollen führende Köpfe aus dem deutschen Frauenfußball nicht mehr dulden. Die fundierte Kritik stammt vom Welttrainer des Jahres (Kellermann) und dem Coach des aktuellen Champions-League-Siegers (Bell).

Der gebürtige Engländer hat nie davor zurückgeschreckt, intern gegenüber Neid seine Position zu vertreten. Nicht nur einmal soll es dabei auch gekracht haben. Seinen öffentlichen Vorstoß - von der Richtung fast inhaltsgleich mit Kellermann - hatte er mit FFC-Manager Siegfried Dietrich abgesprochen. Der sitzt in der DFB-Kommission Frauen-Bundesliga, die sich mit der Fortentwicklung des Frauenfußballs beschäftigt.

Vor allem darum geht es: Ein Weiter-so dürfe es auf keinen Fall geben. Denn ein verlorenes Jahr im Hinblick auf Olympia 2016 wäre auch deshalb so schädlich, weil das Frauen-Nationalteam noch viel mehr als das männliche Pendant als das prägende Aushängeschild dient.

Niemand wolle an der Position der Bundestrainerin rütteln, heißt es - zumal Nachfolgerin Steffi Jones auch kaum sofort zur Verfügung stände. Aber eine gemeinsame Aufarbeitung wäre erforderlich. Allein deshalb, weil Neid ja ab September 2016 als Leiterin einer neuen Scoutingabteilung Frauen- und Mädchenfußball arbeiten soll. Und in dieser Rolle müsste sie jene Trends aufspüren, die gerade die USA und Japan vorgeben, die nicht zufällig nach 2011 in Frankfurt nun auch 2015 in Vancouver den WM-Titel im direkten Duell ausspielen.

Der DFB erteilte dreflexartig Rückendeckung für die vertraglich bis 2016 gebundene Bundestrainerin. "Silvia Neid genießt weiter unser totales Vertrauen", teilte DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock mit. Deutschland könne die beste europäische Nation werden, die Kritik sei nicht gerechtfertigt. Sandrock: "Ich bin schon sehr verwundert darüber, wie sich jetzt der eine oder andere Trainer aus der Bundesliga in der Öffentlichkeit geäußert hat." Die Dämonen von Frankfurt haben die US-Fußballerinnen vier Jahre lang verfolgt. Nichts hat Abby Wambach und Co. in dieser Zeit mehr angetrieben als das Final-Drama bei der WM 2011 gegen Japan. 1449 Tage später haben die US-Girls das, was sie wollten. "Es gibt nichts, was ich mehr will, als das in Ordnung zu bringen", sagte Kapitän Carli Lloyd.

Im WM-Endspiel in der Nacht zu Montag (1 Uhr/ZDF und Eurosport) soll im BC Place von Vancouver die seit dem 17. Juli 2011 offene Rechnung beglichen werden, als der amerikanische Traum vom dritten Titel nach 1991 und 1999 kurz vor der Erfüllung platzte. Bis zur 81. Minute lagen die USA beim Stand von 2:1 auf Gold-Kurs, als Aya Miyama den Außenseiter in die Verlängerung rettete. Die Nadeshiko gewann 3:1 im Elfmeterschießen und gab ihrer von der Tsunami-Katastrophe gebeutelten Nation ein Stück Lebensfreude zurück.

Die stolze Frauenfußball-Nation USA hat das nie verwunden. Der Halbfinal-Sieg gegen Deutschland (2:0) war daher nur eine Zwischenstation in Kanada, wo die mitgereisten Fans im Nachbarland jede Begegnung zum Heimspiel machen. Zum dritten Mal in Folge treffen die Power-Fußballerinnen, die seit 513 Minuten ohne WM-Gegentor sind, im Endspiel eines Großereignisses auf die versierten Japanerinnen - bei Olympia 2012 in London war den USA bereits eine Revanche gelungen. Wie besessen trainierte die Auswahl in den letzten Monaten auf das erhoffte märchenhafte Ende dieser WM hin. 14 Spielerinnen aus dem 2011er-Kader sind an Bord, um die Erlösung zu suchen.

Dabei ist es vor allem für Wambach, die unumstrittene emotionale Anführerin, auch eine ganz persönliche Mission. Die frühere Weltfußballerin und Weltrekordtorjägerin (183 Länderspieltore) hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt - doch ohne den WM-Titel würde sie als Unvollendete in die Geschichte eingehen.

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