Tod der Traditionsvereine

Homburg. Der Patient hängt am Tropf. Ohne lebenserhaltende Maßnahmen droht über kurz oder lang der Exitus. Dieser Vergleich drängt sich beim Gespräch mit Peter Müller (Foto: SZ), seit Juni Vorstandschef beim Fußball-Regionalligisten FC Homburg, über den momentanen Zustand der drei Fußball-Regionalliga-Staffeln Nord, Süd und West unwillkürlich auf

Homburg. Der Patient hängt am Tropf. Ohne lebenserhaltende Maßnahmen droht über kurz oder lang der Exitus. Dieser Vergleich drängt sich beim Gespräch mit Peter Müller (Foto: SZ), seit Juni Vorstandschef beim Fußball-Regionalligisten FC Homburg, über den momentanen Zustand der drei Fußball-Regionalliga-Staffeln Nord, Süd und West unwillkürlich auf. "Die zweiten Mannschaften sind wirtschaftlich gesehen der Tod der Traditionsvereine", sagt der 50-Jährige mit Blick auf die zahlreichen Reserveteams höherklassiger Vereine in der vierthöchsten deutschen Liga.

Wirkt der Vergleich auf den ersten Blick auch etwas morbide, so zeigt sich am Beispiel der vor der Saison wegen Finanzproblemen aus der Regionalliga zwangsabgestiegenen Waldhof Mannheim, Rot-Weiß Essen, Tennis Borussia Berlin oder auch des SSV Reutlingen (letztere beide gingen in die Insolvenz), dass zahlreiche Traditionsclubs mit Profi-Historie tatsächlich vom Aussterben bedroht sind. Bezeichnend ist, dass in der vergangenen Saison kein Verein der Staffel West sportlich abgestiegen ist.

Einen Grund für die Pleiten sieht Müller in den geringen Zuschauereinnahmen der Vereine bei Spielen gegen besagte zweite Mannschaften, die regelmäßig nur ein paar Hundert Fans anlocken. "Bei uns in der Weststaffel spielen zehn zweite Mannschaften", verweist der liberale Kommunalpolitiker auf das in der West-Staffel besonders präsente Problem - auch des eigenen Vereins. Sein Vorschlag wäre, alle zweiten Mannschaften in Deutschland in einer eigenen Hierarchie zu organisieren, innerhalb derer die Teams von der Regionalliga abwärts eine eigene Ligen-Struktur bilden. "3+1", lautet die Formel des Homburgers, mit der auch der manchmal wettbewerbsverzerrende Einsatz von Spielern aus den jeweiligen Profiteams aus der Diskussion wäre. "Wir brauchen eine Nord-Ost, eine Nord- und eine Südstaffel", wirbt der Homburger für eine dreigleisige Liga, die nur mit den jeweiligen Top-Teams der Vereine bestückt ist.

Dass Müllers Vorschlag es wohl nicht in den DFB-Bundestag am 22. Oktober schaffen wird, liegt daran, dass er nicht der Delegation des saarländischen Fußballverbands angehört. "Da gab es noch keinen Kontakt", sagt Müller. Den Vorstoß des bayerischen Landesverbands, der die Regionalliga zugunsten mehrerer Oberligen ("Spitzen-Amateurligen") abschaffen will, lehnt der FCH-Chef schlicht ab. Das von anderen Landesverbänden geforderte "2+1-Modell" (siehe Hintergrund) ist wegen der höheren Fahrtkosten für Müller die "1b-Lösung".

Dass die Deutsche Fußball-Liga (DFL) bereits ihr Veto gegen eine Ausgliederung der Profi-Reserven angekündigt hat, kontert der Homburger mit Nachdruck: "Es kann nicht sein, dass die Proficlubs bestimmen, wo es langgeht. Den Amateurbereich sollte man nicht provozieren. Wenn es eine Amateur-Bewegung gibt, wird das auch zum Problem der Deutschen Fußball-Liga".

Meinung

Eine Reform,

die nicht kommt

Von SZ-Redakteur

Michael Kipp

Eine Regionalliga-Reform muss her. Sie wird aber nicht kommen. Her muss sie aus folgenden Gründen: 25 von 54 Regionalligisten sind derzeit zweite Mannschaften. Sie ziehen keine Zuschauer und bieten Langeweile pur. Und: Nur drei der 54 Mannschaften steigen auf. Das sind zu wenige. Dadurch sehen viele Vereine nur durch Investitionen in teure Spieler die Möglichkeit, nach oben zu kommen. Das geht aber zu oft schief. Und: Die Fernsehgelder von rund 90 000 Euro pro Verein sind auch in Anbetracht der vom DFB geforderten Investitionen in die Infrastrukturen der Clubs Peanuts. Folge des Ganzen: Traditionsvereine sterben. Ein Dutzend Vereine musste seit Einführung der dreigeteilten Liga in der Saison 2008/09 Insolvenz anmelden. Tendenz steigend.

Die Tendenz könnte der DFB-Bundestag durch eine Reform stoppen. Wird er aber nicht. Denn die Vertreter der Erst-, Zweit- und Drittligavereine werden größtenteils dagegen stimmen. Und damit wäre die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit futsch. Sie wollen ihre zweiten Mannschaften im "harten" Wettbewerb wachsen sehen, sagen sie. Anscheinend wollen sie aber vor allem eines: Unter sich sein.

Hintergrund

Vertreter von 24 Regionalligavereinen haben sich in Darmstadt getroffen, um sich auf einen gemeinsamen Vorschlag zur Reform der Regionalligen zu einigen und diesen beim DFB-Bundestag vorzubringen. Demnach soll eine Regionalliga mit zwei Staffeln (Nord/Süd) installiert werden. Alle U23-Mannschaften werden in eine eigene, dritte Staffel versetzt. Die Meister der Nord- und Südstaffel sowie einer der beiden Tabellenzweiten (Relegationsspiel) steigen in die 3. Liga auf. Aus der 3. Liga steigen die letzten drei Teams ab. Aus der U23-Liga steigt das beste Team auf. Unabhängig vom Tabellenplatz steigt das schlechteste U23-Team in der 3. Liga in die U23-Liga ab. So wird auch sichergestellt, dass nicht mehr als vier U23-Teams in der 3. Liga sind. red