| 21:08 Uhr

Franziska holt drei Medaillen
Tischtennis: Siebter EM-Einzeltitel für Boll

Patrick Franziska (unten) vom 1. FC Saarbrücken war im EM-Halbfinale gegen Timo Boll schon auf die Siegerstraße eingebogen. Doch am Ende gewann mal wieder der unverwüstliche Boll, der mit „Franz“ befreundet ist.
Patrick Franziska (unten) vom 1. FC Saarbrücken war im EM-Halbfinale gegen Timo Boll schon auf die Siegerstraße eingebogen. Doch am Ende gewann mal wieder der unverwüstliche Boll, der mit „Franz“ befreundet ist. FOTO: dpa / Abel F. Ros
Alicante. 37-jähriger Routinier schlägt im Halbfinale den Saarbrücker Patrick Franziska, der dreimal Bronze gewinnt. Von dpa

Nach seinem Matchball verbeugte sich Timo Boll ungläubig vor dem Publikum. Der Ausnahmespieler des deutschen Tischtennis ist am Sonntagabend zum siebten Mal in seiner Karriere Europameister geworden – und das im Alter von 37 Jahren und nur drei Monate nach einer schmerzhaften Halswirbel-Verletzung.


Trotz seines Trainingsrückstands wehrte Boll bei der EM in Alicante noch einmal die Angriffe seiner immer aufmüpfiger werdenden Herausforderer ab. Am Schlusstag gewann der Weltranglisten-Vierte zunächst das deutsche Halbfinal-Duell mit seinem Freund Patrick Franziska vom 1. FC Saarbrücken in 4:3 Sätzen und am Abend auch noch das Endspiel gegen den rumänischen Außenseiter Ovidiu Ionescu vom Bundesligisten Post SV Mühlhausen mit 4:1. „Ich kann das gar nicht glauben. Ich hatte null Erwartungen vor diesem Turnier“, sagte Boll und ergänzte „Aber ich bin ein Kämpfer, ich gebe nie auf.“

Bolls insgesamt 18. EM-Gold (weitere sechs mit der Mannschaft und fünf im Doppel) trotz eines Bandscheibenvorfalls im Sommer und einer monatelangen Turnierpause war für den Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) der dritter Titel in Spanien. Nach dem ersten Mixed-Erfolg für ein DTTB-Paar seit 1978 durch Ruwen Filus/Han Ying (Fulda/Düsseldorf-Tarnobrzeg) triumphierte auch das Damen-Doppel Kristin Lang/Nina Mittelham (Kolbermoor/Berlin). 



„Wir haben der EM unseren Stempel aufgedrückt“, sagte DTTB-Sportdirektor Richard Prause zum Gesamtergebnis. Mit Hinweis auf insgesamt neun Achtelfinal-Plätze und sechs Viertelfinal-Teilnahmen im Einzel fügte der Ex-Nationalspieler hinzu: „Wir haben in allen Wettbewerben Medaillen und Titel geholt außer im Damen-Einzel, wo aber im Viertelfinale auch drei Chancen da waren. Ich sehe ich uns als Nummer eins in Europa gefestigt.“

 Und der einzige, der nie wirklich an seinen siebten EM-Titel nach 2012, 2011, 2010, 2008, 2007 und 2002 glauben wollte, war Rekord-Europameister Boll selbst. „Ich bin nach meiner langen Pause noch etwas langsam“, hatte er erst am Freitag in Alicante betont. Nach der Siegerehrung scherzte er: „Alter schützt offenbar vor Titeln nicht.“

Den Erfolg verdankte er am Ende seinen Leistungssteigerungen von Spiel zu Spiel. Und dem Umstand, dass auch andere Konkurrenten mit verschiedenen Problemen zu kämpfen hatten. Sein stärkster Rivale Dimitrij Ovtcharov schied bereits im Achtelfinale gegen den Altmeister Wladimir Samsonow aus Weißrussland aus, weil ihm nach zwei langen Verletzungspausen ebenfalls noch die Wettkampfpraxis fehlt. Den besonders hoch gehandelten Engländer Liam Pitchford räumte Boll am Samstag selbst aus dem Weg (4:2).

Blieb sein Kumpel und Nationalmannschafts-Kollege Franziska, der aktuell als Weltranglisten-16. so gut drauf ist wie noch nie in seiner Karriere. Doch der 26-Jährige vom 1. FC Saarbrücken führte im Halbfinale gegen Boll bereits mit 3:1 Sätzen und auch mit 7:3 im entscheidenden siebten Durchgang – und musste dann feststellen, dass er so eine Situation zum ersten Mal erlebt. „Natürlich steigt dann der Druck und auch etwas die Nervosität“, sagte Franziska. „Aber sachlich betrachtet weiß ich, dass das eine Super-EM für mich war.“ Der frühere Weltranglistenerste überrollte Franziska nach dem Rückstand mit acht Punkten in Folge nämlich förmlich. Sein Erfolg „nach meinem besten Spiel in diesem Turnier“ über den Freund seiner gesamten Familie war Boll besonders gegenüber Töchterchen Zoe unangenehm: „Wir alle mögen Franz. Meine Tochter hat mir vor dem Spiel noch gesagt, sie hoffe auf ein Unentschieden.“

Franziska war „natürlich enttäuscht. Eine 3:1-Führung und ein 7:3 im Entscheidungssatz bekommt man gegen Timo nicht alle Tage. Ich kann mir aber keinen Vorwurf machen“, sagte der Saarbrücker, der wie der Schwede Kristian Karlsson Bronze gewann und sich sogar mit insgesamt drei Bronzemedaillen trösten konnte. Auch im Doppel mit dem Dänen Jonathan Groth landete Franziska nach einer 3:4-Halbfinalniederlage (11:8, 11:8, 8:11, 11:8, 6:11, 13:15, 2:11) gegen die Österreicher Daniel Habesohn und Robert Gardos auf Bronzeplatz drei. Und im Mixed holte Franziska mit der Ex-Saarlouiserin Petrissa Solja Bronze.