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„Tiefe Dankbarkeit“ vor dem Abschied

Mönchengladbach. Bastian Schweinsteiger verlässt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit einem Schuss Wehmut. Dem Fußball an sich wird er nicht den Rücken kehren. Ein Wechsel im Winter in die USA ist weiterhin Thema. sid-Mitarbeiter Holger Schmidt

Bastian Schweinsteiger lachte herzlich, sein Scherz auf eigene Kosten war gelungen. Wer ihn auf dem Platz begleiten solle in seinem Abschiedsspiel mit der Nationalmannschaft? "Da habe ich keinen Wunsch", sagte Schweinsteiger: "Hauptsache, ich habe starke Läufer neben mir." Das war passend.


Auch, weil sein Körper nicht mehr mitspielt, weil er in sich "nicht mehr so die Leidenschaft wie 2014 gefunden" hat, beendet der Kapitän seine große Länderspiel-Karriere nach 120 Einsätzen. Es hätten seit seinem Debüt 175 sein können. Schweinsteiger, der jahrelang seine Teilnahme an Testspielen abgesagt hat, weiß, dass er mit riesigem Vorsprung als Rekordnationalspieler von Bord hätte gehen können. "Es ist schade, dass ich diese Zahl nicht erreicht habe", sagte er, ohne traurig zu wirken: "Aber man muss dem Körper die Zeit geben, sich zu erholen."

Sein Körper hat immer lauter nach diesen Pausen gerufen, auch deshalb verspürt Schweinsteiger vor seinem Abschiedsspiel heute in Mönchengladbach gegen Finnland (20.45 Uhr/ZDF) nur einen Schuss Wehmut: "Ich verspüre eine sehr tiefe Dankbarkeit für wunderbare Jahre, für Erlebnisse, von denen ich als Kind geträumt habe. Das macht mich stolz und glücklich." Frisch rasiert und im grünen T-Shirt absolvierte er zum letzten Mal als Nationalspieler eine dieser Pressekonferenzen, die ihm immer zuwider gewesen waren. Dafür war er aufgeräumt, fast befreit. Seine Augen leuchteten im Schein der Lampen in einem Autohaus.



Sämtliche Hymnen auf ihn sind gesungen, sämtliche Elogen geschrieben worden, seit der 32-Jährige nach der EM seinen Abschied angekündigt hat. Gestern ging es eher um die kleinen Momente einer großen Karriere: Schweinsteiger sprach über sein erstes Länderspiel ("Ich kann mich genau erinnern"), die WM in Brasilien und unvergessliche Erlebnisse dazwischen: "Bei der wunderbaren WM 2006 bin ich zu Lukas Podolski ins Zimmer gekommen, er lag da wie ein toter Hund, das Handy war ihm aus der Hand gefallen. Das war lustig. Es war eine schöne Zeit."

Sie neigt sich dem Ende entgegen. Bundestrainer Joachim Löw hat - versteckt zwischen Lob und Anerkennung - zu verstehen gegeben, dass Schweinsteiger ohnehin keine Zukunft mehr im Kader gehabt hätte. "Er hat einen sehr, sehr guten Zeitpunkt gewählt", sagte Löw.

Nun also der Abschied, auf den sich Schweinsteiger trotz aller Turbulenzen "sehr freut". Er hat Freunde und Familie eingeladen. Seine Ehefrau Ana Ivanovic spielte gestern in New York Tennis. Sie schied bei den US Open in Runde eins aus. Weder dies noch der schwache Zuschauerzuspruch oder Differenzen mit Clubtrainer José Mourinho bei Manchester United trüben seine Laune.

Wenn es schlecht läuft, ist es Schweinsteigers letzter Auftritt auf einer großen Bühne. Bei United ist der Weltmeister aussortiert, was er mit Größe trägt. "Wir müssen abwarten, was ist und was sein wird", sagte er und nannte ein Engagement ab der Winterpause in den USA "eine Option". Es sei jedoch sein "absoluter Traum, Manchester United zu helfen". So oder so: "Ich werde sicher nicht aufhören, Fußball zu spielen."

Zum Thema:

Auf einen Blick Voraussichtliche Aufstellungen: Deutschland: Neuer (Bayern München/30 Jahre/71 Länderspiele) - Kimmich (Bayern München/21/5), Süle (Hoffenheim/20/0), Hummels (Bayern München/27/50), Hector (1. FC Köln/26/20) - Schweinsteiger (Manchester United /32/120), Weigl (Borussia Dortmund/20/1) - Müller (Bayern München/26/77), Meyer (Schalke 04/20/1), Brandt (Bayer Leverkusen/20/1) - Volland (Bayer Leverkusen/24/6). Finnland: Hradecky (Eintracht Frankfurt/26/29) - Raitala (Sogndal IL/27/31), Arajuuri (Lech Posen/28/15), Moisander (Werder Bremen/30/51), Uronen (KRC Genk/22/19) - Ring (1. FC Kaiserslautern/25/37), Halsti (FC Midtjylland/32/28), Eremenko (ZSKA Moskau/29/72), Lod (Panathinaikos Athen/23/7) - Hämälainen (Legia Warschau/30/52) - Pukki (Bröndby IF/26/49). sid