| 20:23 Uhr

Deutsche Turn-Liga DTL
TG Saar wirbelt sich ins kleine Finale

Emotionaler Abschied unter Freunden: Waldemar Eichorn (links) und Vereins-Chef Thorsten Michels (rechts) stehen Spalier, während Trainer Viktor Schweizer sich per Mikrofon bei den Zuschauern in Dillingen bedankt.
Emotionaler Abschied unter Freunden: Waldemar Eichorn (links) und Vereins-Chef Thorsten Michels (rechts) stehen Spalier, während Trainer Viktor Schweizer sich per Mikrofon bei den Zuschauern in Dillingen bedankt. FOTO: Ruppenthal
Dillingen. Turn-Bundesligist besiegt bei Abschied von Trainer Schweizer Meister Straubenhardt und kann am 1. Dezember DM-Bronze gewinnen. Von Roland Schmidt

In der Kreissporthalle Dillingen quellen am Samstag die Ränge über. Auch unten säumen viele Zuschauer die Wettkampf-Fläche und fiebern beim letzten Heimkampf der TG Saar mit. Rund 650 Turn-Fans applaudieren, einige klatschen sich ab. Das Bundesliga-Duell gegen die KTV Straubenhardt ist fast beendet. Mit 45:32 liegt der deutsche Vizemeister vorn. Der Heimsieg gegen den Meister ist sicher – und er ist verdient. Der Einzug ins Bronze-Finale der Deutschen Turnliga am 1. Dezember in Ludwigsburg ist perfekt, das Minimalziel (nach drei Schlappen und vier Siegen) doch noch erreicht worden.


Versöhnlicher könnte es bei der Abschiedsvorstellung des Trainers nicht laufen – oder doch? Waldemar Eichorn kann im letzten Duell einen draufsetzen – wenn er die Nerven behält. Kurz davor beugt sich Viktor Schweizer zum sportlichen Ziehsohn rüber. „Reduziere die Übung um schwere Elemente, turne auf Sicherheit“, flüstert der 66-Jährigen dem 32-Jährigen ins Ohr. Dann greift der väterliche Freund Eichorn unter die Arme und hebt ihn vor heimischem Publikum letztmals an die Reckstange. Danach wird der Cheftrainer des Saarländischen Turnerbundes in Rente gehen. Nach 25 Jahren, neun Endturnier-Teilnahmen, einem Titel und fünf Silbermedaillen. Ein dramaturgisch perfekter und emotionaler Moment für den Mann, der aus Eichorn und Eugen Spiridonov herausragende Turner formte.

Mit einem Paukenschlag war die TG Saar am Boden gestartet (8:5). Die Halle tobt, als Nikita Nagorrny zuerst einen Tsukahara gestreckt und am Ende seiner Weltklasse-Übung eine Dreifach-Schraube auf die Matte zimmert. Thorsten Michels atmet durch. Der Telefon-Stress hat sich gelohnt. „Nikita wäre eigentlich gar nicht dabei gewesen. Er ist für Petro Pakhnyuk eingesprungen, der sich am Mittwoch am Fuß verletzt hat“, erzählt der TG-Vorsitzende. Ein Duell gegen den Meister ohne Ausländer – ein Horror-Szenario. „Ich wollte dem Team beim Kampf ums Bronze-Finale helfen, also habe ich mich in den Zug gesetzt“, erzählt Nagorrny. Am Freitag reiste der russische Weltklasse-Athlet an. Aus Zürich, wo er sich auf den Swiss-Cup vorbereitete. 17 Punkte steuert der Mehrkampf-Dritte der WM am Ende zum TG-Saar-Sieg bei.



Am Pauschenpferd (12:5) bauen die Gastgeber die Führung aus. Mit seinen Thomas-Kreiseln wirbelt Eichorn alle schwindlig. Sogar Nagorrny schüttelt ungläubig den Kopf. Eugen Spiridonov sichert sich hier ebenfalls vier Punkte und an den Ringen (3:10) die einzigen Zähler. „Ich habe beim Abgang eine Schraube eingebaut – das Training hat sich gelohnt“, grinst der Altmeister. Für die Entscheidung sorgt sein Team nach der Pause (23:20). Von der „Breitseite“ am Sprung (14:0) erholt sich die KTV nicht. Nach weiteren vier Punkten am Barren (7:5) packt Nagorrny eilig die Tasche. 43:25 nach fünf Geräten – da brennt nichts mehr an. Im Auto wartet schon KTV-Star Marcel Nguyen. Gemeinsam düsen sie nach Zürich, wo sie 15 Stunden später beim Swiss-Cup erneut Gegner sind.

Straubenhardts Gegner im Titel-Finale heißt KTV Obere Lahn. Die TG Saar kämpft gegen den SC Cottbus um Rang drei. Die 35:45-Heimschlappe ist nicht vergessen. Im letzten Reck-Duell entscheidet sich nun, ob die TG den DTL-Top-Scorer in den Reihen haben wird. Vier Punkte braucht Eichorn für Rang eins. Er schafft fünf und sichert sich die Krone. „Ich habe auf Viktor gehört und die Übung abgespeckt“, sagt Eichorn und möchte ihm ein weiteres Abschiedsgeschenk machen: „Edelmetall im kleinen Finale.“ Nach Michels Laudatio und Abschieds-Grüßen von Fabian Hambüchen und Bundestrainer Andreas Hirsch von der Leinwand drückt sich der Trainerfuchs eine kleine Träne weg. Dann setzt Schweizer wieder sein Pokerface auf und gibt sich kämpferisch: „Bronze fehlt noch in unserer Sammlung. Holen wir uns das Ding.“