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Skifliegen
Suche nach dem Menschenmöglichen

Andreas Wellinger hält mit 238 Metern in Oberstdorf den Schanzenrekord. Auf anderen Schanzen geht es beim Skifliegen sogar noch weiter hinaus.
Andreas Wellinger hält mit 238 Metern in Oberstdorf den Schanzenrekord. Auf anderen Schanzen geht es beim Skifliegen sogar noch weiter hinaus. FOTO: dpa / Karl-Josef Hildenbrand
Oberstdorf. Im Skifliegen ist das Limit noch nicht erreicht. Das sorgt auch bei der WM in Oberstdorf für Diskussionen.

Flugshow ohne Grenzen oder grenzenloser Wahnsinn? Am Skifliegen scheiden sich die Geister. Jene, denen es um ein Schneller-Höher-Weiter geht, scheinen dabei die Oberhand zu gewinnen: So oft wie in diesem Winter wurde noch nie in einer Saison geflogen. Auch bei der WM in Oberstdorf werden die besten und tollkühnsten Flieger ab heute wieder in sportliche Grauzonen vordringen. Wo das Limit des Menschenmöglichen liegt, ist dabei weiter offen.


„Es gibt kein Limit“, behauptet gar der ehemalige Skiflug-Weltmeister Severin Freund, der in dieser Saison wegen eines Kreuzbandrisses passen muss, dem Trierischen Volksfreund in einem Interview: „Einst hat man gesagt, der Mensch könne nicht über 100 Meter weit springen, weil der Körper das nicht aushält. Heute wären wir Athleten die ersten, die sagen, wir fliegen 300 Meter weit, wenn es eine Schanze dafür gibt.“

Dabei gab es die bereits. 2011 hatte der auf Spektakel spezialisierte Brause-Gigant Red Bull eine riesige Naturschanze auf 3000 Metern Höhe im Nationalpark Hohe Tauern installiert, um die 300 zu knacken, die „Werksspringer“ Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern waren als Versuchskaninchen auserkoren. „300 Meter sind für einen Skiflieger möglich“, sagt Schlierenzauer.



Das Unternehmen wurde abgeblasen, weil Österreichs Skiverband seinen Topathleten aus Sicherheitsgründen die Freigabe verweigerte. Morgenstern beendete 2014 auch wegen eines schrecklichen Sturzes beim Flug-Weltcup am Kulm seine Karriere. Skifliegen ist eben nicht nur eine Sportart, die süchtig macht. „Ein Flug auf 245 Meter bringt eine Welle an Gefühlen, die durch den Körper schießen“, sagt der deutsche Topadler Andreas Wellinger. Skifliegen ist auch eine Sportart, die ihre Kinder schnell frisst.

Die Risiken, die das Abheben von den Riesenbakken mit sich bringt, hatte der Weltverband FIS bereits in den Achtzigern erkannt und der Weitenjagd Einhalt zu gebieten versucht. 1986 entschied die FIA, den Weltrekord bei 191 Metern einzufrieren. Jeder Sprung, der diese Weite übertraf, wurde fortan als 191er gewertet, Wettkampf-Ergebnisse wurden zur Farce.

Spätestens seit 2011, als in Norwegen der umgebaute Vikersundbakken in Dienst gestellt wurde, war es vorbei mit der Zurückhaltung. Den Weltrekord hält mittlerweile der Österreicher Stefan Kraft mit 253,5 Metern, geflogen wird immer weiter, immer mehr. Im Olympiawinter stehen vier der fünf derzeit betriebenen Flugschanzen im Wettkampfkalender. Die olympische Normalschanze taucht hingegen nicht mehr im Weltcup-Kalender auf.

Weiter, immer weiter – aber wohin? Physisch scheinen keine Grenzen gesetzt, das hatte der Grazer Universitätsprofessor Wolfram Müller schon in den Neunzigern theoretisch erforscht. „Beim Skifliegen nimmt der Springer ab 200 Metern einen fast konstanten Gleitwinkel ein. Vom Standpunkt der Physik und der Aerodynamik ist ein 400-Meter-Flug nicht auszuschließen“, sagte Müller.

Dass solche Dimensionen auf absehbare Zeit Science-Fiction bleiben, resultiert aus praktischen Erwägungen, die nötigen Anlagen würden finanziell und strukturell jedes vertretbare Maß sprengen. „Wir wollen keine Rekordjagd um jeden Preis“, sagt FIS-Renndirektor Walter Hofer: „Schließlich soll der Zuschauer nicht nur einen schwarzen Punkt fliegen sehen.“ Das kann er auch bei 250 Metern kaum sicherstellen.