1. Sport
  2. Saar-Sport

Stefansson und der Wunsch nach Perfektion

Stefansson und der Wunsch nach Perfektion

Mannheim. Die Halle tobte, brüllte, johlte, als BM Ciudad Real am 31. Mai gegen den THW Kiel ein verloren geglaubtes Spiel bog und doch noch die Champions League gewann. Olafur Stefansson johlte nicht mit. Der 36-jährige Isländer, mit acht Toren der beste Spieler des Tages, schämte sich nach dem Abpfiff seiner Tränen nicht

Mannheim. Die Halle tobte, brüllte, johlte, als BM Ciudad Real am 31. Mai gegen den THW Kiel ein verloren geglaubtes Spiel bog und doch noch die Champions League gewann. Olafur Stefansson johlte nicht mit. Der 36-jährige Isländer, mit acht Toren der beste Spieler des Tages, schämte sich nach dem Abpfiff seiner Tränen nicht. "Das waren so schöne Jahre hier", schluchzte Stefansson, und er rührte alle Augenzeugen mit seiner Traurigkeit. Sein Trainer Talant Dushebajew nahm ihn dann still in den Arm und tröstete ihn.

Das ist typisch Stefansson: Während die Welt um ihn herum feiert, sinniert er vor sich hin. Stefansson gilt als Philosoph unter den Handballprofis, die oft Körper haben wie Schränke. Schon in den Monaten zuvor hatte der Linkshänder entschieden, nach sechs Jahren die zentralspanische Provinz La Mancha zu verlassen und in die Bundesliga zurückzukehren -zu den Rhein-Neckar Löwen nach Mannheim.

Stefansson wusste also, was an diesem 31. Mai auf ihn zukam. "Ohne das Saure wäre das Süße nicht als süß zu erkennen. Das ist das Paradoxon des Glücks", hatte er mal gesagt. Nun saß er da und weinte - wie nach dem gewonnenen Halbfinale des olympischen Handballturniers von Peking.

Damals brach er in Tränen aus, als er gefragt wurde, was dieser Sieg gegen Spanien für Island bedeute. Dann erzählte er, dass er sich beim Einlaufen vorgestellt habe, dass alle Landsleute auf den Tribünen säßen und ihm zujubelten. Alle 320 000 Isländer. Alle, sagte er, während er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte. Dass Island danach das Finale gegen Frankreich verlor, das war nicht mehr so wichtig. Sie hatten ja diese Medaille, nach der er sich über Jahre gesehnt hatte.

"Ola", wie er nur gerufen wird, ist auf Island eine Berühmtheit, ein Star wie sonst nur Eidur Gudjohnsen, der beim FC Chelsea und beim FC Barcelona Fußball spielte. Als die Mannschaft 2008 nach der olympischen Silbermedaille zurückkehrte nach Reykjavik, wurde tagelang gefeiert, und alle bekamen das Ritterkreuz verliehen. Stefansson, der Dirigent des Teams, wurde das Großritterkreuz an das Revers geheftet.

Insofern folgt bei den Löwen eine isländische Legende einer deutschen - bekanntlich beendete Christian Schwarzer, der Weltmeister von 2007, im Juni seine lange Karriere und wurde Jugendkoordinator des Deutschen Handballbundes und des Handballverbandes Saar. In jedem Fall ist Stefansson eine Bereicherung für die Löwen - und nicht für sie. "Davon wird mit Sicherheit die ganze Liga profitieren", glaubt Stefan Lövgren, der im Sommer seine Laufbahn beim THW Kiel beendet.

Stefansson setzt höchste Maßstäbe an. "Mein Anspruch ist Perfektion", sagt er. Diese Einstellung hat ihm unglaublich viele Titel und Rekorde beschert. Es gibt nicht viele Handballer wie Stefansson, die schon vier Mal die Champions League gewonnen haben (drei Mal mit Ciudad Real, 2002 mit dem SC Magdeburg), und die fünf Mal nationaler Meister (vier Mal in Spanien und einmal in Deutschland) geworden sind.

Wie groß Stefanssons Anteil an diesen Erfolgen war, dokumentieren auch nackte Zahlen: Mit seinen acht Toren gegen Kiel rückte er zum erfolgreichsten Schützen in der Geschichte der Champions-League-Finals auf (68 Treffer). In diesen Spielen wächst über sich hinaus. "Ich hoffe, Stefansson wird nicht immer 60 Minuten durchspielen", sagt augenzwinkernd Heiner Brand, der sich auch Einsatzzeiten von Nationalspieler Michael Müller im Rückraum der Löwen erhofft. Aber in den entscheidenden Partien dieser Saison wird Stefansson, sein Alter vergessend, ganz sicher wieder das Zepter in die Hand nahmen und das Spielfeld regieren.

Auf einen Blick

Die Personalplanung der Rhein-Neckar-Löwen:

Zugänge: Alexandros Alvanos (VfL Gummersbach), Gabor Ancsin (Dunaferr SE), Michael Müller (Großwallstadt), Bjarte Myrhol (Nordhorn), Carlos Prieto (BM Valladolid), Olafur Stefánsson (BM Ciudad Real), Alexander Becker, Maximilian Bender, Niklas Ruß (alle eigene Jugend).

Abgänge: Matthias Baur (Pfadi Winterthur), Daniel Buday (Ziel unbekannt), Jan Filip (Schaffhausen), Sergiy Shelmenko (Medwedi Tschechow), Mariusz Jurasik (Kielce), Jackson Richardson, Christian Schwarzer (beide Karriere-Ende).

Erstes Saisonspiel: Samstag (19 Uhr, SAP-Arena in Mannheim) gegen TuS N-Lübbecke. red