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Sprint-Star Lückenkemper berichtet von Heulattacken ohne Anlass

Leichtathletik : Sprint-Star berichtet von Heulattacken ohne Anlass

Gina Lückenkemper startet beim Hallen-Meeting in Berlin ins neue Jahr – und gibt Einblicke in ihr Seelenleben.

Bei der Heim-EM in Berlin war Gina Lückenkemper mit Silber und Bronze einer der großen Stars, doch Deutschlands Top-Sprinterin kennt auch die Schattenseiten des Sportler-Lebens. Marode Trainingshallen, unsichere Zukunftsplanungen, großer Erwartungsdruck: Vor ihrem Start ins Jahr 2019 beim Hallen-Istaf in Berlin am heutigen Freitag gab die 22-Jährige einen offenen Einblick hinter die Kulissen.

„Natürlich wollten wir vor heimischer Kulisse performen, aber es ist natürlich nicht so einfach, mit solchen Erwartungshaltungen umzugehen. Ich glaube, ich habe noch lange nicht ausgelernt, was solche Dinge betrifft. Da werde ich auch noch ein paar Jahre brauchen“, sagt Lückenkemper: „Mental bin ich schon relativ stark, kann Wettkampf- und Reisestress schon ganz gut wegstecken. Aber nach wie vor habe ich während der Saison mal einen mentalen Tiefpunkt. Da fühle ich mich total ausgelaugt, und mir ist einfach nur noch zum Heulen zumute, obwohl es dafür keinen wirklichen Anlass gibt.“

Lückenkemper berichtet vom vergangenen Jahr. „Da bin ich mit einer Saisonbestleistung von einem Wettkampf gekommen. Meine Heimreise verlief wie am Schnürchen. Und dann habe ich drei Tage zuhause gesessen und ständig geweint – und ich wusste nicht warum.“ Helfen würden ihr Gespräche mit der Familie und nahestehenden Personen: „Mir tut es gut, auch in der Öffentlichkeit darüber zu reden und es nicht totzuschweigen. Früher habe ich das Ganze in mich reingefressen, das hat mich verunsichert.“

Leistungssport sei, so führt sie weiter aus, eben nicht nur Training und Wettkampf. Dazu gehöre noch viel mehr – auch Büroarbeit und Studium: „Das geht an die Substanz. Gerade das vergangene Jahr war da schon eine Wucht.“ Dort lief sie sich bei der Heim-EM in die Herzen der deutschen Sportfans, begeisterte nicht nur mit ihrer Leistung, sondern auch mit ihrer offenen Art. Doch vor allem die mentalen Anforderungen an Sportler würden häufig unterschätzt.

Eine weitere Herausforderung war der Wechsel von Bayer Leverkusen zum SCC Berlin, der Lückenkemper in ihrer Trainingspause beschäftigte. Ihr ehemaliger Club wechselte den Ausrüster, Lückenkemper musste sich letztendlich einen neuen Verein suchen. „Das hat viel Substanz geraubt, zumal ich von der Saison ziemlich platt war“, betont sie. Offen lässt sie deshalb auch, ob sie nach dem Heimspiel in der Hauptstadt weitere Hallenstarts in Angriff nimmt: „Ich möchte mich nicht stressen müssen. Diese Freiheit wollte ich mir nehmen, um mich nicht zu überfordern.“

Großes Ziel ist ohnehin die WM in Doha/Katar von 27. September bis 6. Oktober – auch wenn diese noch weit weg ist. „Erstmal verletzungsfrei bleiben, dann kann man über alles reden“, sagt Lückenkemper, die sich auch Gedanken über die generelle Situation der Sportler macht. Förderung und Trainingsbedingungen seien häufig alles andere als optimal. „Es müsste früher gefördert werden, schon in der Jugend. Jetzt nicht unbedingt nur auf das Finanzielle bezogen“, sagt sie.

Schon ein Blick auf die Sportstätten genüge: „Ich trainiere in so vielen Leichtathletik-Hallen in Deutschland, in denen es reinregnet. Wir möchten Athleten formen, die in die Spitze kommen – und dann sieht man sich die Trainingsbedingungen an und denkt, man ist eher in einer Tropfsteinhöhle als in einer Leichtathletik-Halle.“