Spieler verstehen den Trainer nicht

München. Sieben Spiele, neun Punkte, 13 Gegentore, Tabellenplatz elf: Jürgen Klinsmanns 100-Tage-Bilanz ist ernüchternd. Seit 31 Jahren ist der erfolgsverwöhnte FC Bayern München nicht so schlecht in eine Saison gestartet. Beim deutschen Fußball-Rekordmeister kriselt es. Doch Klinsmann lächelt die Krise weg

 Jürgen Klinsmann scheint sich zu fragen: "Was mache ich bloß falsch?". Foto: dpa

Jürgen Klinsmann scheint sich zu fragen: "Was mache ich bloß falsch?". Foto: dpa

München. Sieben Spiele, neun Punkte, 13 Gegentore, Tabellenplatz elf: Jürgen Klinsmanns 100-Tage-Bilanz ist ernüchternd. Seit 31 Jahren ist der erfolgsverwöhnte FC Bayern München nicht so schlecht in eine Saison gestartet. Beim deutschen Fußball-Rekordmeister kriselt es. Doch Klinsmann lächelt die Krise weg. "Das ist ein Prozess", beschwichtigt der Trainer, der heute 100 Tage im Amt ist.

Die Bayern-Bosse trotzen der Enttäuschung in seltener Einigkeit. Präsident Franz Beckenbauer mahnt zur Geduld. Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge spricht Klinsmann das "volle Vertrauen aus". Manager Uli Hoeneß reagiert genervt: "Die Bilanz sage ich Ihnen am 30. Juni, da ist unser Geschäftsjahr zu Ende."

Einer übt Kritik an Klinsmann Reformkurs. "Es ist nicht ungefährlich. Jeder Verein hat eine eigene Philosophie, an der man ein bisschen drehen kann, aber die man nicht völlig über den Haufen werfen kann", sagt Ex-Bayern-Kapitän Oliver Kahn. Und Mittelfeldspieler Zé Roberto hinterfragt die ständigen Personal-Rochaden in der Abwehr: "Hinten spielen immer wieder andere Partner. Im Vorjahr haben wir mit zwei festen Innenverteidigern gespielt - mit Lucio und Demichelis."

Nach dem Stotterauftakt in der Liga und den wenig glanzvollen Auftritten in der Champions League, in der die Bayern mit vier Punkten aber immerhin im Soll sind, ist für manche Fans das Maß voll. "Ami go home", forderten sie Klinsmann am vergangenen Samstag nach dem 3:3 gegen den VfL Bochum zur Rückkehr in seine kalifornische Wahlheimat auf.

Klinsmann, als Wohltäter in der schönen, neuen Bayern-Welt empfangen, steckt in der Sackgasse. Er spürt, dass ihm ein stürmischer Herbst bevorsteht. Aber er geht offen damit um: "Letztendlich muss der Trainer seinen Kopf hinhalten, wenn die Dinge nicht so umgesetzt werden, wie man sie den Spielern aufgibt." Die scheinen mit der Umsetzung von Klinsmanns Fußball-Einmaleins überfordert zu sein. Der 44-Jährige will seine Visionen vom perfekten Fußball den Bayern einimpfen. Heraus kamen bittere Lektionen für den Ex-Bundestrainer, der erstmals als Vereinstrainer tätig ist.

Im Leistungszentrum, wo er seine Schützlinge mit Hilfe eines elf Mann starken Trainerstabs in Acht-Stunden-Tagen zu rundum gebildeten Menschen formen will, hat er so viel umgekrempelt, dass Rummenigge von einer "neuen Kultur in der Bundesliga" schwärmt. Aber Klinsmann baute Buddhas auf und wieder ab, experimentierte mit Spielsystemen, rotierte ohne Rücksicht auf Namen und Positionen in die Krise und schuf mit der Demontage von Kapitän Mark van Bommel einen Konflikt-Herd. "Ein Kapitän, der auf der Bank sitzt, kann nicht die Rolle ausfüllen, die er sollte. Mark ist in seiner Funktion geschwächt", sagt van Bommels Vorgänger Kahn.

Beckenbauer registriert, dass der Mythos, dass am Ende immer die Bayern gewinnen, Pause macht: "Die Liga spürt, dass wir im Moment verwundbar sind." Von ihm angesprochene Schwachpunkte wie mangelndes Zweikampfverhalten oder seine Kritik an Torwart Michael Rensing, bei dem er sich eine "ähnliche Ruhe wie bei Oliver Kahn" erhofft, sind für Klinsmann nichts Neues: "Dass es uns ärgert und wurmt, darüber brauchen wir nicht zu reden. Jetzt müssen wir damit umgehen, und ich glaube, dass es die Mannschaft ein Stück stärker machen wird."

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