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„Spielball einer Show“

„Spielball einer Show“

Gregor Schlierenzauer und Anders Bardal sorgten mit ihrem Startverzicht in Klingenthal für einen Eklat. Während die Österreicher heftige Kritik an der Jury übten, zeigt der Ski-Weltverband (FIS) wenig Verständnis.

Verliebte Paare dürfen auf dem Schanzenturm in Klingenthal heiraten, Gregor Schlierenzauer und Anders Bardal wurden in dem Glaskasten hoch über dem Vogtland zumindest dicke Freunde. "Ich setze meine Gesundheit nicht aufs Spiel. Danke, Anders", sagte Skisprung-Star Schlierenzauer, nachdem die besten Weitenjäger der Welt Seite an Seite mit dem Fahrstuhl die Rückkehr ins Tal angetreten hatten. Eindeutige Aussage: "Mit uns nicht, liebe Jury!"

"Die Verhältnisse waren irregulär. Man muss nichts Sinnloses riskieren", sagte Vierschanzentournee-Sieger Schlierenzauer über den chaotischen Auftakt der Olympia-Saison. 48 von 50 Springern waren bereits unten, als der Wind zum wiederholten Male auffrischte. Der Österreicher und auch Weltmeister Bardal aus Norwegen diskutierten, tuschelten hoch oben über Klingenthal - und nahmen nach ein paar Minuten den Lift. "Ich fühlte mich nicht sicher", sagte Bardal.

Noch deutlicher wurde Österreichs Trainer Alexander Pointner: "Es hat fast den Anschein, dass man zum Spielball einer Show wird." Besonders ärgerlich fand Pointner die Reaktion der Jury auf den Start-Verzicht: "Zur Belustigung aller Athleten hat man dann noch einen zweiten Durchgang angesetzt. Ich bin enttäuscht und muss mich schämen, was da abgeht."

Zumindest der Ski-Weltverband (FIS) hatte allerdings kein Verständnis für den eigenmächtigen Boykott. "Die Windbedingungen hätten einen Start zugelassen, das wurde von Miran Tepes geprüft und bestätigt. Alex Stöckl, Trainer von Anders Bardal, bestätigte die fehlerfreie Arbeit der Jury", sagte Pressechef Horst Nilgen. Schlierenzauer sah das anders: "Das Risiko war nicht kalkulierbar."

Auch die deutschen Springer machten sich ihre Gedanken zu dem Thema. "Wenn ich dort oben gestanden hätte, hätte ich auf eine Entscheidung der Jury oder des Bundestrainers gewartet. Aber jeder hat eine eigene Meinung", sagte Andreas Wellinger, der bei stabilen Bedingungen vom Bakken gegangen war und für einen guten Flug mit Platz zwei belohnt wurde.

Bundestrainer Werner Schuster machte keinen Hehl daraus, im Zweifel seine Schützlinge von der Schanze zu holen. "Heute musste ich nicht eingreifen. Aber wenn ich das Gefühl habe, man kann nicht mehr springen, werde ich meine Sportler auch schützen", sagte Schuster. Das sei in den vergangenen Jahren allerdings nie vorgekommen, denn "bei der Jury sind Profis am Werk, die machen sich Gedanken".

Genau das bezweifelt allerdings Schlierenzauer: "Ich bin enttäuscht von den Verantwortlichen, denn mit Sport hatte das Ganze heute recht wenig bis gar nichts zu tun." Der Protest der Austria-Adler gegen die Wertung wurde dennoch abgewiesen. Zuvor war bereits Teamkollege Andreas Kofler gestürzt, allerdings wegen eines eigenen Fehlers nach der Landung. Das Bild des ehemaligen Tournee-Gewinners, der auf der Trage aus dem Stadion gebracht wurde, dürfte den Weltcup-Rekordgewinner aber ebenfalls zum Grübeln gebracht haben.

Bardal wiederum traf seine Entscheidung zwar ohne Rücksprache mit Nationaltrainer Stöckl, dieser hatte aber Verständnis. "Die Entscheidung ist in Ordnung für mich. Ich respektiere das", sagte Stöckl. Letztlich ging es ja um die Gesundheit von Menschen.