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Speerwurf am Hügel der LeidenFußball trifft Leichtathletik

Speerwurf am Hügel der LeidenFußball trifft Leichtathletik

Wolfsburg. "Wer interessiert sich für Leichtathletik?", fragt Felix Magath gut gelaunt im feinen, dunklen Anzug im Vip-Raum. Er interessiert sich dafür, hat "vor Jahren in Rostock einen Jedermann-Zehnkampf absolviert". Seine Spieler sitzen auf weißen Stühlen in grünen, kurzen Trainingsklamotten und Badelatschen vor ihm. Im Hintergrund das leere Stadion

Wolfsburg. "Wer interessiert sich für Leichtathletik?", fragt Felix Magath gut gelaunt im feinen, dunklen Anzug im Vip-Raum. Er interessiert sich dafür, hat "vor Jahren in Rostock einen Jedermann-Zehnkampf absolviert". Seine Spieler sitzen auf weißen Stühlen in grünen, kurzen Trainingsklamotten und Badelatschen vor ihm. Im Hintergrund das leere Stadion. Sie sind so still wie eine Klasse bei der Einschulung, kleben an seinen Lippen. Denn sie wissen nicht, was kommt. Magath verrät der Mannschaft immer erst am Trainingstag, was ansteht."Mader, du doch - im Marathon", führt Magath flachsend fort. Wissend, dass Abwehrhüne Alexander Madlung mit 1,93 Meter und 93 Kilo für den 42-Kilometer-Lauf ungeeignet ist. Dann sagt der Trainer von Fußball-Bundesligist VfL Wolfsburg, was ansteht: "Wir wollen heute über den Tellerrand hinaus schauen, was andere Sportarten so machen."

Magath wird Quälix genannt, weil er auf dem Trainingsgelände den Hügel der Leiden hat bauen lassen - mit Treppen mit verschieden hohen Stufen, die die Spieler hinaufhecheln müssen. Einige wechseln denn auch die Farbe, sind fast so grün wie ihre Trainingsklamotten. Müssen sie einen Marathon laufen?

Magath spricht weiter: "Bei der WM siegte ein Deutscher. Na, Schulle?" Er schaut Michael Schulze an. Der Abwehrspieler kann beim Trainer punkten. Er weiß: "Im Speerwurf." "Und wie heißt der?" Die Spieler schauen sich fragend an. "Da in der Ecke sitzt er", sagt Magath: "Die haben das Problem, dass sie am 13. August um 8.57 Uhr Bestleistung bringen müssen. Das heißt, sie müssen sich ein Jahr auf diese Minute vorbereiten - und einen raushauen."

In der Ecke sitzt Speerwurf-Weltmeister Matthias de Zordo. Er hat beim ersten Wurf "einen rausgehauen" und so Gold geholt. Magath erklärt: "Man beeindruckt den Gegner durch starke Leistung. Fußballer verstehen nicht, dass sie mit einer Aktion den Gegenspieler beeindrucken können." Die Spieler hören mucksmäuschenstill zu.

"Die nebendran hat das ganze Jahr über alles gewonnen und am Ende geweint, weil sie Vierte wurde." Magath zeigt auf die WM-Vierte Christina Obergföll. Er fragt: "War es eine schlechte Saison?" Sei es eine schlechte Saison, wenn Bayern München Meister und Pokalsieger wird und das Finale der Champions League verliert?

Magath führt die Mannschaft in die Stadion-Katakomben. Dort wartet Speerwurf-Bundestrainer Boris Henry. Er und de Zordo arbeiten mit MH Sportmarketing zusammen. MH arbeitet mit Magath. So kam es zu der Einladung. Als im Besprechungsraum in den Katakomben alle lässig in weißen Sofas sitzen, manche legen ihre Füße auf die Tische, sagt Magath: "Ein Fußballer denkt, er braucht kein Athletik-Training. Dabei hat er den Ball im Spiel 88 Minuten nicht am Fuß."

Deshalb spricht Henry über die Bedeutung von Athletik-Training für Körperstabilität, Leistungs-, Reaktionsfähigkeit, Kraftausdauer, Widerstandsfähigkeit des Gelenkapparats. "Der Körper des Sportlers ist sein Kapital", sagt Henry. Er ergänzt: "Meine Athleten hassen mich in der Phase des Athletik-Trainings. Aber der Erfolg gibt mir Recht." Zack, das sitzt. Die Einschulungsklasse schweigt.

Magath ergreift das Wort: "Der Inhalt des Vortrags war nicht abgesprochen. Das brauche ich aber auch nicht. Ich bin überzeugt, dass Athletik-Training wichtig ist. Für mich war wichtig zu hören, dass seine Athleten ihn in der Phase des Athletik-Trainings auch hassen." Gehasst scheint er Speerwurf zu haben. Beim Jedermann-Zehnkampf in Rostock "habe ich 10, vielleicht 16 Meter weit geworfen". Das sagt Quälix nicht vor den Spielern, denen aber dämmert: Magath lässt sie heute "einen raushauen".Wolfsburg. Nein, auf der Straße werde er nicht öfter erkannt. Auch wenn er nicht oft darauf angesprochen wird, habe er es aber schon verarbeitet. Und zwar seit er nach der Rückreise aus Südkorea den Koffer ausgepackt hat. "Da habe ich gemerkt, dass sie noch da ist, dass es kein Traum ist", erzählt Matthias de Zordo. Sie, das ist ein kleines Stück Edelmetall, das in der großen Welt des Sports alles bedeutet. "Beim Auspacken habe ich gewusst: Die holt dir keiner mehr ab", sagt "Zorro".

Der Speerwerfer von Saar 05 Saarbrücken hat vor drei Wochen mit einem 86,27-Meter-Wurf die Goldmedaille gewonnen - und danach mit dem Sieg bei der Diamond-League-Serie und einem Wurf auf persönliche Bestweite von 88,36 Meter unterstrichen, dass dies kein Zufall war. Erkannt wird er auf der Straße trotzdem kaum.

Speerwurf - eine Randsportart. Und so geht der Mann mit dem berühmten (Spitz)Namen "davon aus, dass mich die meisten nicht kennen". Der 23-Jährige meint diesmal die Spieler des VfL Wolfsburg. Ihnen will er im Training seine Randsportart zeigen - und durch das Rampenlicht des Fußballs etwas ins Scheinwerferlicht rücken. "Sonst habe ich Leichtathletik vor Schulklassen vorgestellt", sagt der Weltmeister. Er ergänzt nervös: "Ich habe schon noch das Gefühl, dass ich zu Stars hochschaue. Sie haben einen anderen Status, weil sie mehr in der Öffentlichkeit stehen." Doch sie seien auch nur Menschen wie du und ich. Und mit diesen Menschen, die ihn vorm Training in der Tat nicht kennen, hat er einiges gemeinsam. "Zorro" begann als Sechsjähriger beim TSV Langenlonsheim zu kicken. Er war Verteidiger, dann Torwart. Da er im Ort beim TV auch Leichtathletik betrieb, hat er mit elf aufgehört. Beides kam sich im Sommer in die Quere. "Zorro" suchte aber einen Ausgleich zur Leichtathletik, sagte sich: "Gehe ich mal zum Handball. Die suchen immer Linkshänder." Und so spielte er beim MTV Bad Kreuznach, bis er 18 war.

Handball und Speerwurf, das passte. "Zorro" hat ein feines Händchen. "Ich weiß nicht, wo das herkommt." Er wirft nicht geradlinig, ist kein Kraftprotz. Das Schleudern des Speers mit einer feinfühligen Hand machte ihn zum Weltbesten. Und auch wenn ihn auf der Straße kaum einer kennt - die VfL-Profis kennen ihn jetzt. mak