| 00:00 Uhr

„Spannung noch mal erhöhen“

Kaiserslautern. Beim wilden 2:2 gegen Australien sieht Bundestrainer Joachim Löw viele Dinge, die ihm nicht gefallen, gerade defensiv. „Eine Schippe drauflegen“, lautet die klare Botschaft. Auch bei Saarländer Jonas Hector. Michael Kipp

Als Startelf-Debütant Jonas Hector zu den Journalisten in die Mixed-Zone des Kaiserslauterer Fritz-Walter-Stadions kam, erklärte Bundestrainer Joachim Löw im Raum nebenan weiteren Journalisten gerade die Fußballwelt. Die sei nicht schwarz. Und auch nicht weiß. Die ist eher in Grau gekleidet. Wie Löw auf dem Podium. Dort erzählte er, dass das eben geschehene 2:2 gegen Australien , jetzt nicht überzubewerten sei. Die Schwarzmaler sollten auch die Grautöne sehen.

Das Unentschieden sei kein Beinbruch, auch nicht auf dem Qualifikations-Weg zur Europameisterschaft in Frankreich 2016. Auch, dass die Mannschaft seit dem Gewinn des WM-Titels im Juni 2014 von sieben Spielen nur drei gewinnen konnte - immer schön locker bleiben. "Wir sind ein bisschen im Hintertreffen. Das müssen wir wettmachen, aber das werden wir auch, weil die Mannschaft diese Qualität und diese Einstellung hat", versprach Löw auch mit Blick auf das EM-Quali-Spiel am Sonntag (18 Uhr/RTL) in Georgien .

Mit Blick auf Tabellenplatz drei in der Quali-Gruppe D ist ein Sieg dort nahezu Pflicht. Daher werde Löws Mannschaft die "Spannung noch mal erhöhen".

Und sie wird ein anderes Gesicht haben. In Lautern saßen Bastian Schweinsteiger , Thomas Müller , Jérome Boateng, Mats Hummels und Toni Kroos 90 Minuten auf der Bank. Schonung. Auch der angeschlagene Torwart Manuel Neuer durfte sich auskurieren. Dafür spielte Ron-Robert Zieler (schlecht). Der 55-jährige Löw experimentierte mit Hector sowie den beiden Rückkehrern Holger Badstuber und Ilkay Gündogan. Zudem erprobte Löw ein weiteres Mal die Variante mit einer Dreier-Abwehrreihe, die "natürlich nicht auf Knopfdruck" funktionstüchtig sein könne. "Ich bin bereit, das Risiko auch mal einzugehen in solchen Spielen", sagte Löw nach einem Test, bei dem defensive Schwächen ohne Grautöne aufgetreten waren.

Hector spielte links, auf der rechten Seite sollte Karim Bellarabi im Bedarfsfall dichtmachen. In der Mitte verteidigten Badstuber, Benedikt Höwedes und Shkodran Mustafi . "Mit der Dreierkette kommen wir schon klar. Aber: Mit dem Personal konnten wir sie nicht vorbereiten, da klappt nicht immer alles. Aber das gehört dazu", meinte Hector. Beispiel: Nach dem 1:0 von Marco Reus (17.) traf James Troisi (40.) zum Ausgleich. Die Flanke kam von links, Bellarabi konnte sie nicht verhindern, und Hector kam zu spät ins Kopfballduell gegen Troisi. "Das war eine gute Flanke, ich war einen Tick zu spät. Das haben ja alle gesehen", erklärte der 24-jährige Auersmacher trocken. Dabei hatte der Profi des 1. FC Köln in der Kette noch die wenigsten Probleme, hatte gar Zeit, zwei Mal aufs Tor zu schießen. Jeweils weit vorbei. "Daran muss ich noch arbeiten", sagte er und grinste.

Das wissen wohl auch Hectors Familie und Freunde, die auf der Tribüne saßen, was Hector "natürlich sehr freute". Ob er nun gegen Georgien wieder von Beginn an ran darf? "Darüber sollen andere urteilen", sagte er. Seine Chancen stehen nicht schlecht, auch nicht in einer Viererkette, die Löw in Halbzeit zwei spielen ließ. Dennoch traf Mile Jedinak (50.) zum 2:1. Und hätte Lukas Podolski nicht mit seinem 48. Länderspieltor den Ausgleich besorgt, ja, dann hätten die Schwarzmaler an diesem Spiel großen Spaß gehabt.



Meinung:

Jetzt systematisch punkten

Von SZ-RedakteurMichael Kipp

Das war kein schönes Spiel gegen Australien . Und kein Einzelfall: Nach dem WM-Sieg gab es aus sieben Spielen läppische drei Siege für die Deutschen. Rücktritte, Spannungsabfälle, Verletzungen - es gibt viele Gründe für die Nach-WM-Wehen des deutschen Fußballs.

Einer davon ist sicher auch Löws Gehirn. Darin scheinen sich derzeit gerade Visionen zusammenzubrauen. Dreierkette? Viererkette? Mischmasch? Als Weltmeister fühlt sich Löw gerade dazu bemüßigt, eine zukunftsweisende Spielweise, eine revolutionäre Fußballidee zu entwickeln. Eine, wie sie die Spanier vor Jahren hatten und ihnen lange Zeit Dominanz einbrachte. Ein hehres Ziel für einen Trainer. Doch Löw sollte nicht aus den Augen verlieren, dass neben einer Spielidee auch Siege zu Punkten führen. Und die sind nötig, um systematisch an Irland und Schottland in der EM-Quali vorbeizuziehen.