Skispringer Karl Geiger geht als Mitfavorit in die 67. Vierschanzentournee

Skispringen : Reifeprüfung vor der Haustür

Skispringer Karl Geiger aus Oberstdorf gehört plötzlich zu den Mitfavoriten bei der Vierschanzentournee.

Karl Geiger kennt in Oberstdorf jede Gasse, jede Kapelle und jede Bäckerei. „Hier bin ich geboren, hier bin ich zu Hause“, sagt der 25-Jährige, der im Schatten der Skisprungschanze aufgewachsen ist. Genau dort, am legendären Schattenberg, startet Geiger am Wochenende als deutscher Hoffnungsträger Nummer eins in die 67. Vierschanzentournee. Für den Aufsteiger wird das Heimspiel gleich zur Reifeprüfung.

„Es werden viele Leute an der Schanze sein, die ich seit der Kindheit kenne. Die sind alle da“, sagt Geiger, der bei der Tournee-Generalprobe in Engelberg den ersten Weltcupsieg seiner Karriere feierte und plötzlich im Rampenlicht steht. Eine ungewohnte Rolle für den eher ruhigen Allgäuer, den alle nur „Karle“ nennen. Dennoch geht er in die Offensive: „Wenn ich gut springe, kann ich auf dem Podest landen.“

Für Geiger kommt es vor allem darauf an, den Kopf frei zu kriegen. „Auch bei Karl wird über Weihnachten das Gedankenkino angegangen sein. Er wird angefangen haben zu träumen“, sagt Sven Hannawald, der 2001/2002 als bislang letzter Deutscher die Tournee gewann. Sollte Geiger den Oberstdorf-Rummel unbeschadet überstehen, so Hannawald, sei viel möglich: „Er ist im Gesamtklassement auf jeden Fall ein Mann fürs Podium.“

Dabei stand Geiger bis vor wenigen Monaten eher in der zweiten, wenn nicht dritten Reihe des Skispringens. Schritt für Schritt arbeitete er sich nach vorne, bei Olympia 2018 in Pyeongchang gehörte er zum deutschen Silber-Team, in Engelberg gelang ihm dann vor zwei Wochen der große Coup. „Ich hoffe, dass es nicht der einzige Sieg bleibt. Es wird ein hartes Stück Arbeit, den zweiten zu machen“, sagt Bundestrainer Werner Schuster.

Vielleicht gelingt dieser ja schon in Oberstdorf. Bislang kam Geiger auf seiner Heimschanze allerdings nie über Rang 17 hinaus, zweimal erlebte er eine ganz bittere Stunde: 2012 verpasste er in der Qualifikation den Wettkampf um 0,5 Punkte, ein Jahr später um 0,7. „Dieses Jahr kann ich Oberstdorf entspannter angehen. Niemand erwartet, dass ich gleich zum Seriensieger werde. Ich muss nicht die Welt zerreißen“, sagt Geiger nun.

Die Erwartungen sind dennoch da, ob Geiger will oder nicht. „Bei Karl hat es Klick gemacht. Wenn einer den Japaner Ryoyu Kobayashi schlagen kann, dann Karl“, sagte der ehemalige Tourneesieger Dieter Thoma. Unterschätzen sollte jedenfalls niemand den stillen Geiger, der lieber Taten sprechen lässt. In Wettkämpfen sei er inzwischen ein „Drecksack“, sagt er: „Da hau ich drauf, bin rigoros, hopp oder topp.“

Und vielleicht gelingt ja sogar der große Coup. So wie dem Österreicher Thomas Diethart, der 2013/2014 ohne Weltcupsieg zur Tournee reiste und sensationell triumphierte. „Diese besonderen Geschichten gibt es immer wieder. Wer hätte gedacht, dass Diethart so stabil ist?“, sagt Bundestrainer Schuster: „Da wartet man jahrelang auf einen Tourneesieg, bei Freitag, bei Wellinger, bei Freund – und dann macht es ein ganz anderer.“

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