Singapur bei Nacht

Singapur. Wenn Sebastian Vettel erzählt, wann er in Singapur angekommen ist, gibt es meist verständnislose Blicke und erstaunte Fragen. "Was, erst am Donnerstag?" Schließlich ist es ein Überseerennen mit Zeitverschiebung und extremem Klimawechsel. Singapur ist die außergewöhnlichste Stadtrundfahrt im Formel-1-Kalender

Singapur. Wenn Sebastian Vettel erzählt, wann er in Singapur angekommen ist, gibt es meist verständnislose Blicke und erstaunte Fragen. "Was, erst am Donnerstag?" Schließlich ist es ein Überseerennen mit Zeitverschiebung und extremem Klimawechsel. Singapur ist die außergewöhnlichste Stadtrundfahrt im Formel-1-Kalender. Das Training wird teilweise bis 23 Uhr Ortszeit gefahren, das Rennen startet am Sonntag erst um 20 Uhr (14 Uhr unserer Zeit/live bei RTL).

Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Formel-1-Fahrern, die schon seit Dienstag in dem Stadtstaat am Äquator sind, hat der Weltmeister seine ganz eigene Lösung gefunden, die Herausforderung dieses Nachtrennens anzunehmen. So spät anzureisen wie möglich - das ist Vettels Geheimnis: "Dann ist es am einfachsten, im europäischen Rhythmus zu bleiben, was ja bei den sechs Stunden Zeitunterschied ziemlich genau passt." Es sei aber schon komisch, weil man dann entgegen der Tageszeit unterwegs sei, was das Aufstehen und Schlafen angehe, sagt der Weltmeister. In der Praxis heißt das: "Man geht nachts um vier oder fünf ins Bett und steht so gegen zwei Uhr nachmittags auf."

Damit man nicht doch dem natürlichen Gefühl folgt, in der Dunkelheit irgendwann müde zu werden, muss eine Beschäftigung her. "Am besten Training", sagt der Brasilianer Bruno Senna: "Nachts um zwei Uhr ins Fitnessstudio, das ist hier normal."

Die Teams kommen ihren Piloten in den Tagen vor dem Rennen in der Zeitplanung inzwischen auch entgegen. PR-Termine gegen Mittag oder am frühen Nachmittag, gerade in den ersten Jahren ein Ärgernis, gibt es fast nicht mehr. Ob es daran liegt, was Senna festgestellt hat? "Es klingt eigenartig, aber irgendwie ist dieses Rennwochenende entspannter, lockerer als die anderen. Die reinen Arbeitstage kommen einem kürzer vor."

Vor der Nacht-Premiere 2008 hatten die Betreuer noch Bedenken, ob die Fahrer in diesem "verdrehten" Rhythmus nach den Trainings überhaupt schlafen könnten. Der damalige Toyota-Arzt Roberto Ceccarelli befürchtete sogar, man müsse vielleicht mit leichten Schlafmitteln nachhelfen. Doch inzwischen sind sich die Physiotherapeuten einig: "Das ist überhaupt nicht das Problem. Man muss eher aufpassen, dass man nicht zu früh müde wird und schläft."

Nur mit dem "europäischen" Rhythmus sei die Leistungsfähigkeit im entscheidenden Moment voll abrufbar, sagt Josef Leberer, früher jahrelang Betreuer des Brasilianers Ayrton Senna, heute bei Sauber für den Japaner Kamui Kobayashi verantwortlich. Wobei er zur früheren Anreise tendiert, "weil man neben der Zeitanpassung ja auch die Klimaanpassung berücksichtigen muss. Dazu braucht der Körper normalerweise ein bisschen Zeit."

Selbst in den Abendstunden ohne Sonne ist die Hitze enorm. "Im Cockpit kann es bis zu 70 Grad haben, dazu die Luftfeuchtigkeit, das ist kein Zuckerschlecken", sagt Vettel und fügt grinsend hinzu: "Ich habe ja einen finnischen Trainer. Der hat gesagt, ich soll in der Woche vorher öfter in die Sauna gehen, damit ich mich ans Schwitzen gewöhne."

Der Stadtkurs stellt die Fahrer vor gewaltige Herausforderungen, wie Vettel sagt: "Es ist eines der schwierigsten Rennen, gerade körperlich. Man hat viele Kurven, sehr viele Bodenwellen, der Stressfaktor ist sehr hoch. Es gibt praktisch keine Zeit sich auszuruhen."

Das Fahren unter Flutlicht macht den meisten Piloten keine großen Probleme. Was aber keiner weiß: Was passiert, wenn es mal richtig regnet? "Letztes Jahr gab es ein feuchtes Training. Aber richtigen Regen hatten wir hier noch nie. Dann wird es garantiert viel schwieriger", sagt Vettel. Ausprobieren möchte er es aber lieber nicht - Singapur ist auch so schon extrem genug. dapd

"Die reinen Arbeitstage kommen einem kürzer vor."

Formel-1-Pilot Bruno Senna

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