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Sie hat sich überwunden – und wurde belohnt

Maike Hausberger wohnt an der Saarbrücker Hermann-Neuberger-Sportschule im Athletenhaus. Die 21-Jährige startet bei den Paralympischen Spielen in Brasilien im Weitsprung und auf der 400-Meter-Strecke.
Maike Hausberger wohnt an der Saarbrücker Hermann-Neuberger-Sportschule im Athletenhaus. Die 21-Jährige startet bei den Paralympischen Spielen in Brasilien im Weitsprung und auf der 400-Meter-Strecke. FOTO: Ruppenthal
Saarbrücken. Wenn in der kommenden Woche die Paralympischen Spiele beginnen, wird auch Maike Hausberger dabei sein. Dabei hatte die in Saarbrücken lebende Leichtathletin einen Start in Rio kaum mehr für möglich gehalten. Sebastian Zenner

Sie war schon abgeschrieben und glaubte selbst nicht mehr wirklich daran. Doch Maike Hausberger schaffte auf den letzten Drücker die Teilnahme an den Paralympics in Rio de Janeiro, die am 7. September beginnen. Dort wird sie über die 400 Meter und im Weitsprung der TF 37, einer Startklasse für spastisch Gelähmte, an den Start gehen. Ihre Beeinträchtigung beruht auf einer linksseitigen Hemiparese, einer Unterfunktion ihrer linken Körperhälfte.



Die 21-Jährige kommt aus einem Dorf nahe Trier. Nachdem sie 2011 ihren Realschulabschluss absolviert hatte, kam sie für das Abitur ins Saarland. "Mein Ziel war klar: Ich wollte zu den Paralympics nach London 2012", erinnert sie sich. Weil sich Schule und Sport am Saarbrücker Rotenbühl-Gymnasium, einer Eliteschule des Sports, am besten kombinieren lassen, kam Hausberger auch auf Anraten ihrer Trainerin Evi Raubuch ins Saarland. Mittlerweile wohnt sie im Athletenhaus an der Hermann-Neuberger-Sportschule in Saarbrücken . "Was Besseres hätte mir nicht passieren können", sagt die 21-Jährige.

Hoffnungen im Weitsprung

Ihr Ziel London konnte sie sich erfüllen. Und jetzt geht es nach Rio. "Vor London war ich aufgeregter als jetzt. Ich weiß ja nun, was mich erwartet", sagt Hausberger: "Die Nervosität kommt aber auf jeden Fall. Spätestens vor dem Wettkampf. Die brauche ich aber auch." Am meisten freut sich Hausberger auf den Weitsprung . "Da habe ich große Hoffnungen", sagt sie selbstbewusst.

Dass sie überhaupt in Brasilien dabei sein kann, verdankt sie ihrem Kampfgeist. Nicht weniger als drei Jahre dauerte ihr Leidensweg, den eine Fußverletzung verursachte. Nach den Spielen in London 2012 wurde sie am Sprunggelenk des beeinträchtigten linken Fußes operiert. "2014 wurden die Schrauben entnommen, und ich war eigentlich wieder fit", berichtet Hausberger mit ernster Stimme. "Von da an ging es auf und ab. Ich habe wieder trainiert, aber es gab immer wieder Rückschläge, weil der Fuß doch noch nicht soweit war. Ich habe während der Abitur-Phase sogar überlegt, ob ich den Leistungssport nicht sein lasse", erinnert sie sich an die schlimmste Phase der Leidenszeit. "Ich hatte einfach keine Lust mehr auf dieses Alternativtraining. Jedes Mal nur Schwimmen und stundenlang alleine auf dem Ergometer zu sitzen, das war schon Überwindungssache."



Hausberger überwand sich und schaffte es im März dieses Jahres zum Trainingslager nach Dubai. Dort zog sie sich im beeinträchtigten Fuß einen Ermüdungsbruch zu. Doch statt endgültig aufzugeben, rappelte sich Hausberger nach acht Wochen Ruhigstellung des lädierten Fußes auf, biss sich wieder durch das Alternativtraining - und schaffte auf den letzten Drücker die Paralympics-Norm. Am 20. August in Hachenburg. Mit einer persönlichen Bestweite im Weitsprung (4,16 Meter). "Ich denke, in Rio ist noch mehr drin. Ich erhoffe mir auf jeden Fall die Weitsprung-Finalteilnahme. Wenn das auch über die 400 Meter klappen würde, wäre das schon ein sehr großes Geschenk", sagt die Leichtathletin, die seit Oktober 2015 an der Saarbrücker Uni Grundschulpädagogik studiert.

Wie sie es schaffte, sich nach den Rückschlägen immer wieder zurückzukämpfen, erklärt die 21-Jährige so: "Ich habe gemerkt, dass ich den Sport und bestimmte Ziele brauche. Ich kann auf keinen Fall nichts machen." Das ist ein Grund, weshalb sie eine weitere Leidenschaft für sich entdeckt hat: Triathlon. "Ich komme ja eigentlich von der Langstrecke, aber in der Leichtathletik gibt es keine passende Startklasse für mich. Und ein Marathon ist mir zu lang." Auf die Idee, das Laufen mit Radfahren und Schwimmen zu ergänzen, brachte sie übrigens das Alternativtraining nach der Fußverletzung. Bundespräsident Joachim Gauck hat das deutsche Paralympics-Team zu den Spielen nach Rio (7. bis 18. September) verabschiedet. "Ich sehe Sie als Botschafter für Deutschland", sagte Gauck gestern Abend am Frankfurter Flughafen zu den Athleten. "Ich saß bei den Paralympics 2012 in London auf der Tribüne und war dabei noch bewegter als bei den Leistungen der Olympia-Sportler." Das deutsche Team ist mit 155 Sportlern in Rio vertreten, vier mehr als 2012 in London. Die Mannschaft und die Betreuer hoben am Abend mit dem Lufthansa-Flug 506 in Richtung Brasilien ab.

Die Paralympics haben schon im Vorfeld durch den Komplett-Ausschluss Russlands für Schlagzeilen gesorgt. Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), begrüßte noch einmal den Ausschluss der Russen. "Doping ist Betrug . Betrug ist kriminell. Kriminalität wird bestraft", sagte Beucher.

Bundespräsident Joachim Gauck (Mitte) verabschiedete gestern in Frankfurt 155 deutsche Paralympics-Teilnehmer, darunter auch David Behre (l), Sebastian Dietz (r) und Mathias Mester.
Bundespräsident Joachim Gauck (Mitte) verabschiedete gestern in Frankfurt 155 deutsche Paralympics-Teilnehmer, darunter auch David Behre (l), Sebastian Dietz (r) und Mathias Mester. FOTO: dpa/Dedert