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Schwimmer trotz Nachtschichten bestens gelaunt

Das Aquatics Stadium im Olympiapark in Rio ist gerichtet für die Schwimm-Wettbewerbe, die in der ersten Olympia-Woche im Mittelpunkt stehen werden. Foto: Kappeler/dpa
Das Aquatics Stadium im Olympiapark in Rio ist gerichtet für die Schwimm-Wettbewerbe, die in der ersten Olympia-Woche im Mittelpunkt stehen werden. Foto: Kappeler/dpa FOTO: Kappeler/dpa
Rio de Janeiro. Der Weltmeister hat in Rio Historisches im Blick. Marco Koch könnte den ersten Olympiasieg eines deutschen Schwimmers seit Michael Groß 1988 holen. Dafür wird er wohl den Weltrekord brechen müssen. dpa-Mitarbeiter Marc Zeilhofer

Geht es nach guter Laune, dann wird es für die deutschen Schwimmer kein weiteres Debakel geben. Paul Biedermann etwa geht seine Spiele mit der Gelassenheit des Alters an. Anders als 2012. Nur eine Olympiamedaille fehlt dem Weltrekordler über 200 Meter Freistil in seiner Laufbahn noch. Doch Biedermann lächelt alle Fragen dazu elegant weg. "Davon hängt nicht mein Seelenheil ab, es schwimmt nicht Wehmut mit. Ich freue mich einfach auf den Abschluss und das Leben danach", sagt Biedermann.


An seinem 30. Geburtstag an diesem Sonntag stehen Vorlauf (ab 18.30 Uhr unserer Zeit) und Halbfinale (ab 3.30 Uhr) über die Paradestrecke an. Sein Karriereende in Rio will er zu allererst genießen und fühlt nicht den Druck von vor vier Jahren. "In London war es eine andere Erwartungshaltung an mich. Das habe ich jetzt hier nicht. Ich kann einfach schwimmen und zeigen, was ich kann", sagt er. 2012 waren die deutschen Beckenschwimmer erstmals seit 80 Jahren ohne Olympiamedaille geblieben.

Auch über die ungewohnten Wettkampfzeiten mit dem Vorläufen ab 13 Uhr Ortszeit und Halbfinals und Endläufen bis nach Mitternacht regt sich keiner mehr auf. Es ist ein Geschenk des Internationalen Olympischen Komitees an den US-Fernsehsender NBC, den wichtigsten Rechte-Inhaber und damit Geldgeber der Olympischen Spiele. Superstar Michael Phelps und Co. sollen in den schwimmsport-verrückten USA zur besten Sendezeit über den Bildschirm flimmern.



"Es ist schon merkwürdig. Wir kommen nachts um zwölf vom Training und das Olympische Dorf ist wie leer gefegt", hat Franziska Hentke beobachtet, die neben Paul Biedermann und Weltmeister Marco Koch eine der deutschen Hoffnungen ist und mit den beiden für zwei bis drei Medaillen im olympischen Becken sorgen soll.

So einiges hat die Teamleitung getan, damit die 27 deutschen Schwimmer in den ungewohnten Bio-Rhythmus finden - mit Abendessen um zwei Uhr nachts und Mittagessen um 18 Uhr. Eine eigene Etage mit abgeklebten Fenstern soll das nötige Ausschlafen garantieren, spezielle Tageslichtlampen die Sportler auch nach dem frühen Sonnenuntergang des brasilianischen Winters noch lange munter halten. "Es wurde alles für uns getan", beteuert Hentke, und auch Biedermann prognostiziert: "Daran wird es nicht liegen."

Die Dauerdiskussion um Doping blendet er aus. "Ich versuche, mich nicht damit zu beschäftigen. Das hilft mir nicht, schnell zu schwimmen. Natürlich ist die Entwicklung schade und traurig für den olympischen Sport", sagt er. Er habe seine Konkurrenten Sun Yang aus China und den Südkoreaner Park Tee-Hwan gesehen und mit ihnen ein paar Worte gewechselt. Doch dabei ging es nicht um deren abgelaufenen Dopingsperren. "Es ist immer dasselbe: Jeder sagt, er sei gut drauf", erzählt Biedermann.

Chefbundestrainer Henning Lambertz will sich zum Hin und Her des Startrechts der russischen Schwimmer auch nicht mehr ausführlich äußern. "Ich bin da leidenschaftsloser geworden, weil die Meldungen sich überschlagen, dass uns das teilweise etwas verwundert. Wir hoffen, dass viele saubere Sportler dabei sind", sagt Lambertz vor seiner Olympia-Premiere und findet: "Wir wollen angreifen. Aber ich muss auch ehrlich sein. Selbst bei Topleistungen unserer besten Athleten könnten wir nur vierte Plätze erringen. Aber die einzelnen Starter werden viel besser abschneiden, und wir werden einen ganz anderen Teamgeist haben als noch in London."Marco Koch wirkt so cool wie immer. Nein, dass seit über 100 Jahren kein deutscher Brustschwimmer mehr Olympiasieger war, wusste er nicht, gibt der Weltmeister vor dem Auftakt der Sommerspiele zu und fügt schmunzelnd an: "Dann wird es ja Zeit." Der 26-Jährige weiß, dass er in Rio die größte Medaillenhoffnung der deutschen Schwimmer ist - und viele von ihm nicht weniger als Gold erwarten.

Im Finale über seine Paradestrecke 200 Meter am kommenden Mittwoch kann der Darmstädter Historisches erreichen. Doch die Aussicht, der erste deutsche Brust-Olympiasieger seit Walter Bathe 1912 zu werden, treibt ihn nicht an. "Es geht mir darum, meine Ziele zu erfüllen. Natürlich ist Olympia-Gold mein größter Traum, logisch", sagt Koch: "Aber wenn es nicht klappt, wenn ich ein Rennen mache, mit dem ich zufrieden bin, wenn ich rauskomme und habe alles versucht, aber mehr war nicht drin - dann ist es auch völlig okay."

Während die meisten deutschen Schwimmer schon in Rio ihren ersten Starts entgegen fiebern, genießt der Weltmeister noch die Ruhe und Abgeschiedenheit des Trainingslagers in Florianopolis, eineinhalb Flugstunden südlich. Erst diesen Samstag taucht er in den Olympia-Rummel ein, der ihn vor vier Jahren überwältigte.

"Das Olympische Dorf, wie alles abläuft - es ist einfach gigantisch. Etwas, das einen erschlagen kann, gerade beim ersten Mal", sagt Koch, der 2012 in London als Medaillenkandidat mit dem Halbfinal-Aus auf Platz 13 seine bislang größte Niederlage erlebte. Damals war er mit dem Team schon weit vor der Eröffnungsfeier angereist, wartete über eine Woche auf seinen Einsatz und verlor "von Tag zu Tag ein bisschen Spannung".

Aus diesen Fehlern hat er gelernt. Wie bei seinem WM-Triumph im vergangenen Jahr im russischen Kasan fliegt er möglichst spät ein - auch um dem Wirbel um seine Person aus dem Weg zu gehen. Denn ganz so cool ist Koch wenige Tage vor seinem großen Auftritt nicht mehr. "Marco ist schon angespannt", hat Bundestrainer Henning Lambertz festgestellt: "Bei ihm liegt der größte Erwartungsdruck. Fast jeder sagt: Eine Medaille ist es ja schon, wir müssen nur noch über die Farbe reden. Das setzt den kleinen Mann natürlich unter Druck."

Um sich den goldenen Traum zu erfüllen, wird Koch so schnell schwimmen müssen wie niemand vor ihm. Davon ist er ebenso überzeugt wie sein Heimtrainer. "Ich bin mir sicher, dass man 2:06 Minuten schwimmen muss, vielleicht sogar, um eine Medaille zu machen", sagt Alexander Kreisel. Der Weltrekord des Japaners Akihiro Yamaguchi steht seit 2012 bei 2:07,01 Minuten, Kochs Bestmarke bei seinem EM-Triumph 2014 bei 2:07,47. In diesem Jahr ist er schon drei Mal unter 2:08 geschwommen, nur der neue US-Star Joshua Prenot war schneller.

Für Olympia-Gold, meint Kreisel, "muss gar nicht so viel passen. Er muss nur die Dinge abrufen, die er kann, die Selbstsicherheit, das Vertrauen haben - dann könnte was Großes dabei rumkommen". Etwas Historisches, der erste Olympiasieg eines deutschen Schwimmers seit Michael Groß 1988. "Ich werde es versuchen", sagt Koch, "und alles dafür tun." Um sich sportlich weiterzuentwickeln und eine zweite Olympia-Teilnahme nach London 2012 zu schaffen, haben Christoph Fildebrandt (27) und Annika Bruhn (23) ihren Lebensmittelpunkt ins Saarland verlegt. Nun haben sie ihr Ziel erreicht und fiebern in Rio ihrem zweiten Mal bei Sommerspielen entgegen.

"Die Halle in Rio ist unfassbar beeindruckend. Mit jedem Tag steigt die Vorfreude", sagt Fildebrandt, dessen Olympia-Abenteuer mit einer Schrecksekunde begonnen hatte. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof in Saarbrücken war der 27-Jährige in einen Auffahrunfall verwickelt, erreichte aber rechtzeitig die Bahn und den Flughafen.

Seit Anfang der Woche sind Fildebrandt und Bruhn, die mit der Nationalmannschaft noch ein Trainingslager in Florianopolis bestritten, in Rio - und an diesem Wochenende wird es für sie ernst. Fildebrandt kämpft am Sonntagabend gegen 18.20 Uhr in den Vorläufen über 200 Meter Freistil um die Qualifikation fürs Halbfinale, das in der Nacht zu Montag gegen 3.30 Uhr angesetzt ist. Bruhn ist zu den selben Zeiten, nur einen Tag später, an der Reihe. Die Staffel-Auftritte - Fildebrandt über 4x200 Meter Freistil und Bruhn über 4x200 Meter Freistil sowie 4x100 Meter Lagen - folgen in den Tagen danach.

Zum Thema:

Auf einen Blick Die Wettkämpfe im Aquatics Stadium im Olympiapark zählen zu den Höhepunkten der Spiele. In der Nacht zu Sonntag stehen die 400 Meter Lagen der Männer und Frauen, die 400 Meter Freistil der Männer und die 4x100 Meter Freistil der Frauen an. In der Nacht zu Montag folgen die Finals über 100 Meter Schmetterling und 400 Meter Freistil der Frauen, 100 Meter Brust der Männer und 4x100 Meter Freistil der Männer. Die größten Stars kommen wie immer aus den USA - allen voran der erfolgreichste Olympionike aller Zeiten, Michael Phelps , der bereits 22 Medaillen , darunter 18 goldene, gewonnen hat. Phelps wird bei der Eröffnungsfeier auch die US-Fahne tragen. "Er inspiriert jeden von uns. Es gibt keinen Besseren für diese Aufgabe", sagt Schwimm-Kollegin Katie Ledecky. Mit 19 Jahren ist sie schon neunfache Weltmeisterin, eine Art künftiger weiblicher Phelps vielleicht. Zu den weiteren Topschwimmern zählen Ryan Lochte , Missy Franklin und Nathan Adrian. red

Die Saar-Schwimmer Christoph Fildebrandt (links) und Annika Bruhn sind bereit für ihren Start in Rio. Foto: Vitense/SZ
Die Saar-Schwimmer Christoph Fildebrandt (links) und Annika Bruhn sind bereit für ihren Start in Rio. Foto: Vitense/SZ FOTO: Vitense/SZ