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Fußball-Bundesliga
Schwarz-gelb setzt auf den Tüftler

Trainer Lucien Favre soll Borussia Dortmund wieder zu attraktivem Fußball bringen. Der Schweizer gilt als akribisch und detailversessen.
Trainer Lucien Favre soll Borussia Dortmund wieder zu attraktivem Fußball bringen. Der Schweizer gilt als akribisch und detailversessen. FOTO: dpa / David Inderlied
Dortmund. Lucien Favre gilt als Trainer mit Liebe zum Detail. Das merken nun die Spieler von Borussia Dortmund.

Zur Saisonvorbereitung von Berufs-Fußballern gehören selbstverständlich Rituale. Zum Beispiel der gut einwöchige Aufenthalt in einer Luxusherberge mit angeschlossenem Trainingsbetrieb. Trainingslager nennen die Fußballer das. Es klingt aber nur nach Mehrstockbetten, Gemeinschaftsduschen mit kaltem Wasser und Tee aus Blechkannen. Zum guten Ton gehört, den Trainingsplatz, die Bedingungen, die Testspielgegner, das Wetter und (vor allem) den Trainer ausdauernd zu preisen.


Die Lobeshymnen auf den Trainer greifen besonders dann, wenn es sich um einen neuen Trainer handelt. Bei Borussia Dortmund kennen sie dieses Ritual sehr gut, denn nach einem halben Jahrhundert Jürgen Klopp gibt es nun den vierten führenden Übungsleiter seit 2015. Lucien Favre (60) soll dem BVB wieder eine fußballerische Identität geben und die Spieler besser machen.

Dass ihm das gelingen wird, ist Überzeugung im Club. Nationalspieler Marco Reus findet den neuen Mann an der Linie „einfach überragend“. Das ist in diesem Fall kein rituelles Bekenntnis eines der wichtigsten Spieler im Dortmunder Kader, sondern ein Satz aus Erfahrung. Favre war es schließlich, der aus dem hibbeligen Spargeltarzan Reus bei Borussia Mönchengladbach einen Fußballer mit internationalem Format machte.



Das kam so. Borussia Dortmund war der zartgliedrige Stürmer körperlich zu schwach für die furchterregenden Begegnungen mit brachialen Ballermännern in der Bundesliga-Verteidigung. Der BVB schob Reus zu Rot-Weiss Ahlen ab. Die kleine Borussia vom Niederrhein hatte mehr Vertrauen in die Anlagen von Marco Reus, sie hatte auch nicht die Ambitionen des BVB. Als sich Gladbach Anfang 2011 mit Reus auf geradem Weg in die 2. Liga befand, wurde Favre verpflichtet. Ihm gelang das Kunststück, den Club aus aussichtsloser Lage zum Klassenverbleib zu führen. Noch bemerkenswerter war, dass er die Liga weder mit Mauerkunst noch mit erhöhter Grätschbereitschaft hielt, sondern mit fußballerischen Mitteln.

Mit einer beispielhaften Besessenheit in Detailfragen verbesserte er das Zusammenspiel, die Haltung zum Ball, das Zweikampfverhalten und das Verteidigungsspiel. Seine Auffassung vom Fußball orientiert sich an der alten Schule des unvergleichlichen Johan Cruyff. Der legendäre Holländer prägte nicht nur Ajax Amsterdam und die holländische Nationalmannschaft der 1970er Jahre, sondern auch den FC Barcelona mit einem Fußballstil, der möglichst alle Spieler an allen Aktionen teilhaben lassen will. Favres Augen bekommen zuverlässig einen fast träumerischen Glanz, wenn er über Cruyff spricht.

Wie sein Lehrmeister ist der Schweizer überzeugt davon, dass das große Ganze nur gelingt, wenn alle Kleinigkeiten stimmen. Reus erlebte in Gladbach staunend, wie Favre Übungen unterbrach, Spieler an den Schultern drehte, bis sie nach seiner Auffassung richtig zum Ball standen, wie er die Fußhaltung um Zentimeter korrigierte Dass Reus 2012 Fußballer des Jahres wurde und wieder auf dem Radar der Dortmunder erschien, ist auch Favres Verdienst. Reus nennt ihn den „fachlich und menschlich besten Trainer, den ich je hatte“.

Deshalb erwartet nicht nur der Nationalspieler Reus, dass Favres Qualitäten auch den BVB wieder nach vorn bringen. In seiner Detailversessenheit ähnelt der Schweizer Trainer dem Kollegen Thomas Tuchel, der in Dortmund allerdings wegen seiner Probleme mit den Alphatieren in der Vereinsleitung scheiterte. Von Favre erwarten Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Sportdirektor Michael Zorc und Sebastian Kehl, der neue Leiter der Lizenzspielerabteilung, viel mehr Kooperation.

Es ist tatsächlich schwer vorstellbar, dass Favre in Dortmund führenden Mitarbeitern des Klubs das Betreten des Trainingsgeländes untersagen würde, wie es einst Tuchel im Fall des Chefscouts Sven Mislintat exerzierte. Und an einem Mangel an guten Manieren wird die Zusammenarbeit sicher nicht scheitern. Favre ist ein Muster an Höflichkeit.

Aber er hat auch seine komplizierte Seite. Bei Hertha BSC und in Gladbach, wo er jeweils ein zuvor abstiegsbedrohtes Team in die großen europäischen Wettbewerbe führte, konnte Favre mit regelmäßig ausbrechenden Verzweiflungsanfällen ganze Abteilungen beschäftigen. In Mönchengladbach wurde er zum ungekrönten Rekordhalter in Rücktrittsangeboten. Vor allem nach Besuchen in der Schweizer Heimat erschienen ihm die bevorstehenden Aufgaben regelmäßig als viel zu schwer. Zorc und Kehl dürfen sich auf gelegentliche Therapie-Gespräche einstellen.

Das kann anstrengend sein. Den Aufwand ist es aber wert, weil Favres Arbeit als Fußball-Pädagoge genau das ist, was der große westfälische Club nun braucht. Wenn sie ihn lassen beim BVB, dann bekommen sie Favres sehr speziellen Fußball. Der besteht im Wesentlichen aus dem Wissen, dass der Gegner entschieden weniger Gefahr entwickeln kann, wenn er den Ball nicht hat. Deshalb lässt Favre so lange Optionen für das Angriffsspiel studieren, bis aus Automatismen spielerische Freiheit wächst.

Der vermeintlich zeitgemäße Überfallfußball, wie ihn die Dortmunder Legende Jürgen Klopp praktiziert, ist nicht seine Art, ebenso wenig wie hemmungsloses Attackieren (neudeutsch: Gegenpressing) ohne stimmige Absicherung. Favres Fußball fordert Kopf und Beine. Das behaupten übrigens die meisten Trainer von sich – und die meisten Funktionäre von ihren Übungsleitern. Favres Vorteil: Er kann das alles sehr genau erklären.