Schiedsrichtergruppe Saarlouis feiert 100jähriges Bestehen

Schiedsrichtergruppe : 100 Jahre Einsatz, damit gespielt werden kann

Die Schiedsrichtergruppe Saarlouis feiert ihr Jubiläum mit einem Festkommers am 22. Juni im Schwalbacher Saalbau.

Novemberrevolution, Versailler Frieden, Räterepublik: Es war eine turbulente Zeit, als 1919 die Fußball-Schiedsrichter aus Saarlouis und Umgebung die Schiedsrichtergruppe Saarlouis gründeten. Der Fußballsport steckte noch in den Kinderschuhen, Vorsitzender der Gruppe war Josef Ifkowitsch (Dillingen). Die kurz nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Gruppe ist damit eine der ältesten im Saarländischen Fußball-Verband (SFV).

„Gründungsmitglieder kann man daher schwer befragen“, meint Michael Albert schmunzelnd. Der 58-Jährige aus Bous ist seit 2014 Obmann der Gruppe, die eine von 19 Schiri-Gruppen im Saarland ist und vor drei Jahren mit der Gruppe Wadgassen fusionierte. Sein Vorgänger Günter Decker, Alberts Schwiegervater, hatte stolze 21 Jahre lang amtiert.

Die Gründe, sich freiwillig ständig einem gewissen Druck auszusetzen und als Spielleiter zu fungieren, sind ganz unterschiedlich. Bei manchen brauchte ihr Heimatverein noch jemanden, um das Schiedsrichter-Soll zu erfüllen, andere waren einfach neugierig auf die Tätigkeit. Albert selbst fing mit dem Pfeifen an, um zu beweisen, dass er es besser kann.

„Ich war Jugendtrainer in Hülz­weiler und trainierte die F-Jugend, als ein Schiedsrichter meinen Sohn für ein Foul, das keines war, vom Platz schickte. Daraufhin beschlossen mein damaliger Betreuer und ich, dass wir nicht mehr meckern, sondern Schiedsrichter werden.“ Und der heutige Obmann sollte es nicht bereuen. „Es macht riesigen Spaß, Fußballspiele zu leiten und die Regeln umzusetzen“, sagt der Bouser, der für den FV 09 Schwalbach pfeift.

Auch sein Sohn Andreas pfeift heute selbst, übernimmt in der Gruppe Verantwortung, ist für die Homepage zuständig und wurde dafür zuletzt als Landessieger der Aktion „Danke, Schiri“ ausgezeichnet. Andreas Albert ist auch für etwas verantwortlich, was die Gruppe Saarlouis quasi zur Mustergruppe des Saarlandes macht: Mit einem viel beachteten Coaching-Programm werden junge Unparteiische vom ersten Spiel an beobachtet und betreut. Auf einer extra von Andreas Albert programmierten Coaching-Plattform im Internet können die Schiris weiter an sich arbeiten oder auch bei speziellen Coaching-Abenden lernen. Bis sie dann den Sprung in die „Ziffer“ schaffen, das bedeutet, ab der Verbandsliga aufwärts pfeifen dürfen. Mit dem Coaching-System sind die Saarlouiser im Saarland absoluter Vorreiter, es ergänzt die normalen regulären Lehrabende der Gruppe, die für das Soll der Schiedsrichter wichtig sind. Auch mit der Integration von drei syrischen Schiedsrichtern samt Sprachkurs erarbeiteten sich die Saarlouiser Schiedsrichter viel Anerkennung.

Die Gruppe Saarlouis hat mit Jan Dennemärker, Niklas Kunzler, Marius Backes, Yannick Louis, Yannick Huber, Luca Schilirò (Gruppen-Lehrwart) und Thorben Rech (Kreis-Schiedsrichterlehrwart) sieben junge Schiedsrichter in der Ziffer, auch damit liegen die Saarlouiser saarlandweit an der Spitze. Schilirò und Rech pfeifen schon in der Oberliga, Dennemärker als klassenhöchster in der Regionalliga. „Ich hatte mit 14 die Wahl zwischen Zeitungen austragen und Schiedsrichter“, erinnert sich Dennemärker. Nach dem ersten Spiel war er zu schüchtern, seine Quittung im Clubheim abzugeben. Mittlerweile pfeift der 1.97 Meter große Schwarzenholzer ganz souverän.

Die sehr engagierte Gruppe hat derzeit 82 aktive Schiedsrichter, 20 Ehrenschiedsrichter und zwei passive Schiedsrichter. Tausende Spiele werden von ihr jede Spielzeit mit Unparteiischen besetzt, von der E-Jugend bis zu den Alten Herren, in der Halle und draußen. Die jüngsten sind mit 14 Jahren Anton Haar und Pascal Meunier, der älteste aktive Schiri ist Gilbert Ney (76). Dienst­ältester Schiri ist Alfred Mathieu, der dieses Jahr 69 wird. Er ist schon seit 55 Jahren aktiv, hat immer einen Spruch auf den Lippen, lernte seine Frau beim Pfeifen kennen und war auch schon mehrfach in der Saarbrücker Zeitung Mittelpunkt von Geschichten. Ein Buch könnte auch ein weiteres Mitglied schreiben, Berthold Schneider. „Berti“ pfiff schon in der 2. Bundesliga und war der Schiedsrichter, als am 4. August 1990 Oberligist FV Weinheim seine 1:0-Pokal-Sensensation gegen Bayern München feierte.

Und warum sollte man sich als junger Mensch die wohl undankbarste Aufgabe im ganzen Sport freiwillig antun? Masochismus? Zumal im Vergleich mit anderen Sportarten viel zu oft auch glasklare Entscheidungen bemault, bemeckert und bekrittelt werden, zudem viel zu oft Beleidigungen oder Anfeindungen von den Zuschauern oder bei Jugendspielen von den Eltern kommen?

„Man nimmt etwas mit fürs Leben. Man lernt, auch über sich selbst. Es schult die Persönlichkeit, Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen“, sagt Michael Albert. „Meckern kann jeder, aber sich auf dem Platz behaupten nur wenige“, weiß der Obmann. Schiri sein stärkt das Selbstvertrauen, das ist bei vielen ganz klar zu erkennen. Dazu kommen eine kleine Aufwandsentschädigung, Spesen und freier Eintritt zu allen Fußballspielen, auch in der Bundesliga.

Lehrabend im Clubheim des SV Hülzweiler: Mit dem Coaching-System sind die Saarlouiser absoluter Vorreiter im Saarland. Foto: Ruppenthal

Klar ist aber auch: Das Bewusstsein, dass ohne den 23. Mann nichts geht und auch ein Schiedsrichter wie die Spieler und Trainer Fehler machen oder einen schlechten Tag haben darf, fehlt zuweilen. Zumal man den Schiri nicht auswechseln kann. Aber noch kommen immer wieder junge Leute zur Gruppe dazu. Zu den landauf landab zu hörenden Klagen über immer weniger Schiedsrichter gibt es immerhin in Saarlouis noch keinen Anlass. Wo es noch etwas hapert, ist bei den weiblichen Schiedsrichtern. Hier hat Zeliha Sultan als Frauenbeauftragte der Gruppe eine Initiative zur Gewinnung von Frauen gestartet. Denn eins gilt heute noch wie vor 100 Jahren 1919: Ohne Schiri geht es einfach nicht.

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