Schiedsrichter-Obmann Volkmar Fischer erklärt den Streik am Wochenende

Kostenpflichtiger Inhalt: Schiedsrichter-Streik im Saarland : Wenn die rote Linie überschritten wird

Volkmar Fischer, der Obmann des Verbands-Schiedsrichter-Ausschusses im Saarländischen Fußball-Verband, erklärt die Beweggründe zur Absage aller Schiedsrichter-Einsätze am Wochenende.

An diesem Wochenende ruht der Spielbetrieb auf den saarländischen Fußballplätzen. Die Schiedsrichter treten in ihren angekündigten Streik – von der Saarlandliga bis in die Kreisligen A und zu den Jugendspielen. Doch der Ausstand der Unparteiischen scheint die gewünschte appellative Wirkung bereits zu verfehlen, bevor er begonnen hat. Am vergangenen Wochenende war es erneut zu Übergriffen auf Schiedsrichter gekommen (wir berichteten).

„Erst einmal ist es kein Streik. Wir sind ja keine Arbeitnehmer. Es ist eine Spieltagabsage“, sagt Dr. Volkmar Fischer, der Vorsitzende des Verbands-Schiedsrichter-Ausschusses (VSA) und damit der höchste Unparteiische im Land, „sie ist ein symbolischer Akt, um zu sensibilisieren bezüglich Gewalthandlungen auf und neben dem Spielfeld. Wir haben eine Fürsorgepflicht gegenüber unseren Schiedsrichtern.“

In den letzten beiden Jahren habe es laut Fischer insgesamt 35 Attacken auf Schiedsrichter gegeben, „was auf die Anzahl der Spiele ein verschwindender Prozentsatz ist“. Die schwere Verletzung eines Spielleiters in Brotdorf hat die aktuelle Diskussion allerdings richtig losgetreten. „Das war ein Schlag ins Kontor“, sagt Fischer. Zwar habe man auch vorher Vorfälle nicht totgeschwiegen, es sei aber eine rote Linie überschritten worden.

Und diese rote Linie will man konsequenter schützen. „Wir brauchen Strategien, wie wir solche Übergriffe verhindern können. Dazu gibt es eine Agenda. Es wird ein Treffen mit der Sportgerichtsbarkeit geben. Wir haben eine Strafordnung. Ich persönlich halte nichts von einer Verschärfung des Strafenkatalogs, aber wir müssen die bestehenden Möglichkeiten mehr ausschöpfen. Wir müssen das Prinzip der Null-Toleranz-Politik verfolgen“, sagt Fischer und will damit vor allem Wiederholungstäter länger oder endgültig von den Plätzen verbannt wissen. Schiedsrichter sollen vor der Spruchkammer des Saarländischen Fußball-Verbandes künftig besser unterstützt werden.

Aber auch bei diversen „Problem-Clubs“ will Fischer den Hebel ansetzen: „Wir müssen zu den Vereinen hin, brauchen dort den persönlichen Kontakt. Wenn die Botschaft der Spieltagabsage nicht ankommt, muss man reden.“ Dass einige Vereine den jetzigen „Streik“ als das falsche Mittel ansehen, versteht der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter sogar. „Man mag darüber diskutieren, aber wir müssen Flagge zeigen. Ich habe selbst mit Vereinen telefoniert, die finanziellen Schaden nehmen. Dessen sind wir uns bewusst, und ich habe mich entschuldigt. Aber wir brauchen die Vereine, und die Vereine brauchen uns. Sonst wird es nur Verlierer geben.“ Die in Schiedsrichterkreisen diskutierten „wilden Streiks“ lehnt Fischer ab. „Das ist Aktionismus aus der Emotion heraus. Dabei gibt es nur Verlierer. Die Kluft zwischen Vereinen und Schiedsrichtern wird noch größer.“

Die unterschiedlichen Meinungen zum Streikthema sind aber nur einer der Risse, die das saarländische Schiedsrichterwesen beschäftigen. Nicht erst seit einer von Verbands-Schiedsrichterlehrwart Thomas Knoll getroffenen Fehlentscheidung beim Hallenmasters-Finale (wir berichteten) rumort es auch intern. Medien wurden anonyme Briefe zugespielt, in denen sich unter anderem über die Besetzung von Spielen und die Einteilung von Beobachtern beschwert wird. Beides kann den Aufstieg eines Schiedsrichters in höhere Spielklassen erleichtern oder behindern. Beide Ansetzungen laufen über den Schreibtisch von Knoll.

„Der Vorwurf der Manipulation ist haltlos. Es wird immer unzufriedene Schiedsrichter geben, aber wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Jeder will nach oben, aber nicht alle können da hin. Personalentscheidungen sind die schwierigsten und Qualifikation besteht nicht nur aus Noten.“, sagt Fischer, „der jetzige VSA hat in den letzten beiden Jahren gute Arbeit geleistet.“

Die Aufgaben und deren Lösungen sind jedoch nicht einfacher geworden. „Wir stehen im Fokus des medialen Interesses, damit müssen wir umgehen“, sagt Fischer, „das ist gewollt, und dessen sind wir uns bewusst. Wir müssen uns der Problematik stellen, da haben wir eine moralische Verpflichtung, und am Ende des Jahres sehen wir, ob und wieviel es gebracht hat.“

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