Saarsportler und ihre Chancen auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen

Kostenpflichtiger Inhalt: Olympische Sommerspiele in Tokio : Klein ist die große Hoffnungsträgerin

Die SZ gibt einen Überblick über die Chancen der saarländischen Sportler, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. 2. und letzter Teil.

In 183 Tagen beginnen in der japanischen Hauptstadt Tokio die Olympischen Sommerspiele. Im zweiten Teil gibt die SZ-Sportredaktion einen Überblick und analysiert, wie die Situation der saarländischen Athleten vom Olympiastützpunkt in Saarbrücken und von den anderen Saarländern ist, die nicht an der Hermann-Neuberger-Sportschule auf ihr großes Karriere-Ziel hinarbeiten.

HANDBALL

Deutschland hat vom Weltverband das Heimrecht für ein Olympia-Qualifikationsturnier zugesprochen bekommen. Vom 17. bis 19. April wird es in der Berliner Max-Schmeling-Halle in einem Vierer-Feld um zwei Tickets für Tokio gehen. Die Gegner stehen noch nicht fest. Klar ist, dass der Deutsche Handball-Bund trotz der nicht befriedigenden EM erneut auf Bundestrainer Christian Prokop setzen wird. Dass dieser in drei Monaten einen Saarländer in seinen Kader berufen wird, ist unwahrscheinlich. Yves Kunkel, der sich seit seinem Wechsel zur MT Melsungen wieder ein Stück weiterentwickelt hat, gehörte schon vor der EM nicht zum erweiterten Aufgebot. Prokop sieht den Völklinger derzeit nicht unter den besten vier Linksaußen in Deutschland. Kurioserweise hat dagegen Jerome Müller, der im Sommer von den Eulen Ludwigshafen zum TVB Stuttgart wechseln wird, eine minimale Außenseiter-Chance. Sieben Rückraumspieler mussten für die EM verletzungsbedingt passen, gerade im rechten Rückraum sind die Alternativen rar gesät. Sollte sich die Verletzungsmisere gar verschärfen, könnte Müller zu einem Kandidaten werden. Perspektivisch ist er das ganz sicher.

Die deutschen Frauen hätten für die Teilnahme an einem Olympia-Qualifikationsturnier bei der WM mindestens Siebte werden müssen, belegten am Ende aber Platz acht und scheiterten.

LEICHTATHLETIK

Die saarländischen Leichtathletik-Fans dürfen auf drei Olympia-Fahrer hoffen: Laura Müller, Louisa Grauvogel und Richard Ringer. Der Langstreckenläufer vom Bodensee, der für den LC Rehlingen startet, hat dabei zwei Optionen – einen Start über 5000 oder über 10 000 Meter, wobei die Normzeiten über beide Strecken ambitioniert sind und in der Nähe seiner Bestzeiten liegen. Vereinskollegin Müller hat im Sprint ihre Vielseitigkeit schon unter Beweis gestellt, könnte von 100 bis 400 Meter alle Strecken inklusive der Staffeln in Angriff nehmen. Siebenkämpferin Grauvogel aus Ottweiler hofft, nach einer langwierigen Patellasehnenverletzung im Knie wieder verletzungsfrei die Norm von 6420 Punkten in Angriff nehmen zu können.

RADSPORT

Wenn sich bei der Wahl zur Saarsportlerin des Jahres jemand gegen Triathletin Anne Haug durchsetzt, ihres Zeichens erste deutsche Siegerin bei der Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii, dann hat das sicher Aussagekraft. Radsportlerin Lisa Klein aus Völklingen-Lauterbach ist dieses Kunststück im November 2019 gelungen. Wenn man über eventuelle Medaillenchancen in Tokio spricht, dann darf man realistisch gesehen neben Tischtennis-Ass Patrick Franziska nur den Namen der 23-jährigen Klein in den Mund nehmen, die sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt hat und die man mit dem Attribut „Weltklasse“ adeln muss.

Kleins großes Plus: Sie ist ungeheuer vielseitig. Auf der Straße zählt sie zu den besten Zeitfahrerinnen, wurde 2019 sogar Vizeweltmeisterin in der neu eingeführten Mixedstaffel und Fünfte im Einzelzeitfahren. Dass sie sich im großen Feld durchsetzen kann, beweist ihr EM-Bronze im Straßenrennen. Und auch auf der Bahn fühlt sich Klein zuhause – Platz drei bei der WM 2019 in der Einerverfolgung spricht eine klare Sprache. Die Frage wird also nicht sein, ob Lisa Klein in Tokio startet, sondern in welchen Disziplinen.

RUDERN

Der einst so ruhmreiche Bundesstützpunkt Rudern in Saarbrücken, der Olympiafahrer en masse produzierte und auch für WM- und Olympia-Medaillen sorgte, ist nahezu verwaist – zumindest was die absolute Spitze angeht. Mit Anja Noske hat im vergangenen Jahr die letzte hochdekorierte Ruderin eines saarländischen Vereins ihre Karriere beendet. Der Neuaufbau an der Saar benötigt Zeit – und viel Geduld. Dementsprechend wird in Tokio mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Saarsportler rudern. Für die talentierte Ella Reim, 2019 als 19-Jährige bereits Vize-Europameisterin in der Altersklasse U23 im Einer und zu Saarlands Nachwuchssportlerin des Jahres gewählt, dürfte Tokio noch zu früh kommen. Sie könnte 2024 in Paris ein Thema sein.

TISCHTENNIS

Als Patrick Franziska nach den letzten Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro vom 1. FC Saarbrücken als Neuzugang verpflichtet wurde, da hatten die Verantwortlichen zwar die Hoffnung, aber dennoch konnten sie kaum ahnen, welchen Höhenflug der damals 24-Jährige nehmen würde. „Kaiser Franz“, wie er mittlerweile dank seiner Topleistungen genannt wird, hat sich in Saarbrücken zum absoluten Weltklassespieler entwickelt. In der Weltrangliste liegt Franziska konstant unter den besten 20, im Doppel war er schon Europameister, und auch Mixed kann er spielen. Das bewies er zuletzt eindrucksvoll bei den European Games im Juni 2019 im weißrussischen Minsk, wo er sich an der Seite der ehemaligen Saarlouiserin Petrissa Solja den Titel sicherte – und damit seine persönliche Startberechtigung für Tokio. Da die deutschen Männer um Franziska, Timo Boll und Dimitri Ovtcharov auch den Mannschafts-Titel in Minsk gewannen, ist das Team ebenfalls in Tokio dabei. Während andere also bis Juni um ihre Qualifikation zittern müssen, hat „Kaiser Franz“, der in Rio 2016 Ersatzspieler war, schon lange Planungssicherheit.

TURNEN

Aus saarländischer Sicht lautet im Turnen die spannendste Frage: Schafft es Pauline Schäfer noch auf den Olympia-Zug? Die 23-Jährige aus Bierbach, die 2017 als Weltmeisterin am Schwebebalken deutsche Turngeschichte geschrieben hatte, quälte sich in den beiden Jahren danach mit kleineren Wehwehchen und ernsthafteren Verletzungen herum. Bei der Heim-WM in Stuttgart qualifizierte sich das deutsche Frauen-Quintett mit Platz neun für Tokio, aber in Japan können nur vier Turnerinnen an den Start gehen. Schäfer muss sich also intern mit Deutschlands Vorzeigeturnerin Elisabeth Seitz, der deutschen Mehrkampf-Meisterin Sarah Voss, Sophie Scheder, Kim Bui und Emelie Petz um einen der vier Plätze streiten. Keine einfache Aufgabe, zumal Schäfer schon in Stuttgart offiziell nur Ersatz war. Für Schäfer wären die Spiele in Tokio ihre zweiten – in Rio de Janeiro 2016 wurde sie Sechste mit dem Team, Zwölfte am Boden und 15. am Schwebebalken.

Auch die deutschen Männer sind in Tokio mit von der Partie – sie schafften es in Stuttgart auf Platz zwölf und sicherten sich den letzten Quali-Platz. Lukas Dauser, der in der Bundesliga für die TG Saar an die Geräte geht, sollte, wenn er sich nicht verletzt, einer der vier deutschen Mannschaftsturner in Tokio sein. Ab vom Teamwettbewerb hat Dauser – wie im übrigen auch Schäfer – noch die Chance, sich bei den Weltcups an einem Einzelgerät einen Startplatz zu sichern. Schäfer kann also an ihrem Spezialgerät Schwebebalken noch hoffen, Dauser gehört am Barren zur absoluten Weltelite und schrammte bei der WM in Stuttgart als Vierter nur haarscharf an einer Medaille vorbei. Auch Dausers Vereinskollegen Felix Remuta, Boden- und Sprungspezialist, sollte man auf dem Zettel haben. Er könnte überraschen.

SCHWIMMEN

Die Hoffnungen des Saarländischen Schwimmbundes (SSB) auf eine Olympia-Teilnahme ruhen derzeit einzig und allein auf den Schultern von Christoph Fildebrandt. Der 30-jährige Freistil-Spezialist sorgte bei der WM 2019 in Gwangju/Südkorea mit dafür, dass der Deutsche Schwimmverband (DSV) sich sowohl über 4x100 Meter Freistil als auch über 4x200 Meter Freistil einen Tokio-Startplatz sicherte. Seinen persönlichen Staffelplatz kann sich „Filde“ in diesem Jahr bei den deutschen Meisterschaften in Berlin (30. April bis 4. Mai) mit einem Top-Vier-Platz erkämpfen. Außerdem muss er bis zum Stichtag 3. Mai die Qualifikationsnorm von 48,50 Sekunden über 100 Meter Freistil und/oder 1:46,70 Minuten über 200 Meter Freistil unterboten haben.

Freiwasserschwimmer Andreas Waschburger, 2012 bei den Olympischen Spielen in London sensationell Achter über zehn Kilometer, befindet sich im Spätherbst seiner Leistungssport-Karriere und hat keine Chance, in Tokio zu starten. Die Plätze wurden bei der WM 2019 schon an Weltmeister Florian Well­brock und den WM-Dritten Rob Muffels vergeben. Muffels hatte Waschburger in der WM-Qualifikation um Haaresbreite ausgestochen.

TRIATHLON

Nach dem aus Triathlon-Sicht schlimmen Olympia-Jahr 2016 – kein deutscher Mann am Start – haben die Verantwortlichen der Deutschen Triathlon-Union den Neuaufbau gewagt. Stand heute lässt sich festhalten: Er ist bis dato geglückt. Schon jetzt haben zwei Sportler ihre Fahrkarte für Tokio fest in der Tasche. Die Potsdamerin Laura Lindemann und Jonas Schomburg aus Hannover qualifizierten sich beim olympischen Test-Wettkampf in Tokio im August 2019. Klar ist auch, dass eine deutsche Staffel in Tokio mit von der Partie sein wird. Lindemann und Schomburg sind in der Mixedstaffel, die olympische Premiere feiert, gesetzt – eine Frau und ein Mann können also noch auf den Olympia-Zug aufspringen. Das könnten Athleten aus Saarbrücken, neben Potsdam und Neubrandenburg einer von drei Bundesstützpunkten, sein. Die aussichtsreichsten Kandidaten sind Justus Nieschlag, Valentin Wernz und Jonas Breinlinger.

Die verletzungsanfällige Sprinterin Laura Müller (Mitte) vom LC Rehlingen hat in der Staffel größere Teilnahme-Chancen als im Einzel-Wettbewerb. Foto: dpa/Rainer Jensen
Patrick Franziska vom 1. FC Saarbrücken hat sein Ticket für die Sommerspiele in Tokio bereits sicher und kann fest planen. Foto: dpa/Jonas Ekstromer
Pauline Schäfer, 2017 sensationell Weltmeisterin am Schwebebalken, muss sich für einen Olympia-Startplatz mächtig strecken. Foto: dpa/Deniz Calagan

Der entscheidende Wettkampf wird am 28. Mai im Olympischen Trainingszentrum in Kienbaum bei Berlin stattfinden. Die Triathleten müssen 300 Meter schwimmen, 6,7 Kilometer radfahren und 1,9 Kilometer laufen. Gestartet wird im Zeitabstand von 120 Sekunden. Die Startreihenfolge wird ausgelost. Wer die schnellste Zeit hinlegt, fährt mit nach Tokio – so einfach und doch so hart kann die Qualifikation sein.