Saarsportler und ihre Chancen auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen

Kostenpflichtiger Inhalt: Saarsportler hoffen auf Teilnahme bei Olympischen Sommerspielen : Der Weg nach Tokio ist für viele noch weit

Die SZ gibt einen Überblick über die Chancen der saarländischen Sportlerinnen und Sportler, an den Olympischen Spielen teilzunehmen.

In exakt 184 Tagen beginnen in der japanischen Hauptstadt Tokio die Olympischen Sommerspiele. Die Zehn-Millionen-Metropole im Osten der japanischen Hauptinsel Honshu ist zum zweiten Mal nach 1964 Gastgeber. Für viele Sportlerinnen und Sportler soll die 23. Ausgabe der Spiele nicht nur der Jahres-, sondern auch der Karrierehöhepunkt werden. Doch erst einmal gilt es, sich zu qualifizieren. Einige haben ihre Fahrkarte schon gelöst und einen Platz sicher, andere müssen noch kämpfen oder haben gar keine Chance mehr, Die SZ-Sportredaktion gibt einen Überblick über alle betroffenen Sportarten und analysiert, wie die Situation der saarländischen Athleten vom Olympiastützpunkt in Saarbrücken und von anderen Saarländern ist, die nicht an der Hermann-Neuberger-Sportschule trainieren.

BADMINTON

Die Olympia-Qualifikation für die deutschen Topspieler, die am Olympiastützpunkt in Saarbrücken trainieren, läuft seit 1. Mai 2019. Die Platzierungen in der Weltrangliste, die am 30. April dieses Jahres erscheint, sind dann entscheidend, ob es deutsche Badmintonspieler nach Tokio geschafft haben oder nicht. Grundsätzlich berechtigt Platz 16 aufwärts in der Weltrangliste in den Doppeldisziplinen und Platz 38 aufwärts im Einzel zur Olympia-Teilnahme, wobei es um die sogenannte „bereinigte“ Weltrangliste geht. Um Athleten aus möglichst vielen Ländern in Tokio dabeizuhaben, können sich maximal zwei Sportler oder Doppel aus einem Land qualifizieren. Beispiel: Im Herrendoppel stehen derzeit zwei indonesische Duos auf Platz eins und zwei, die fünftplatzierten Indonesier fallen aus der Rangliste heraus.

Der Bischmisheimer Badminton-Nationalspieler Marvin Seidel (links) und sein Doppelpartner Mark Lamsfuß haben gute Olympia-Chancen. Foto: Sven Heise

Dieses System kommt den Deutschen zugute. Im Herrendoppel etwa liegen Marvin Seidel vom 1. BC Saarbrücken-Bischmisheim und sein Partner Mark Lamsfuß (BC Wipperfeld) aktuell auf Platz 17 – das würde nicht reichen. In der bereinigten Rangliste springt aber Rang 12 heraus. Für Lamsfuß und Seidel, der aktuell wegen Hüftproblemen bis Mitte Februar pausieren muss, gilt es also, diesen Platz zu verteidigen. Im Mixed kann Seidels Vereinskollegin Isabel Herttrich ihre Tokio-Fahrkarte fast schon buchen – mit Lamsfuß rangiert sie ebenfalls auf Platz 12. Schwerer wird es für sie im Damendoppel an der Seite von Linda Efler (Union Lüdinghausen), wo Platz 23 zu Buche steht. Yvonne Li (Lüdinghausen), die am Bundesstützpunkt in Mülheim an der Ruhr trainiert, könnte den Sprung ebenfalls schaffen, bei den Herren ist niemand der Deutschen auch nur ansatzweise in der Reichweite der Qualiplätze. Nationalspieler Fabian Roth vom BCB, auf dem lange die Hoffnungen ruhten, ist nach fast zweijähriger Leidens- und Verletzungszeit erst vor wenigen Wochen auf das Feld zurückgekehrt und tastet sich erst wieder an die Spitze heran.

VOLLEYBALL

Die deutschen Volleyball-Herren kämpften im Januar eine Woche lang verbissen um ihre Teilnahme bei den Olympischen Sommerspielen. Am Ende fehlte nur ein Sieg – im Endspiel gegen Frankreich zog das Team von Bundestrainer Andrea Giani mit 0:3 den Kürzeren. Der Lebacher Moritz Reichert, der seit Jahren zum Stamm der Nationalmannschaft gehört, muss also vorerst auf seine erste Olympiateilnahme warten. Mit seinen erst 24 Jahren bekommt der Kapitän des deutschen Meisters Berlin Volleys aber sicher noch mindestens eine weitere Chance – in gut vier Jahren in Paris hätte er auf jeden Fall eine kurze Anreise.

Volleyball-Nationalspieler Moritz Reichert muss auf seine erste Olympia-Teilnahme warten – Deutschland scheiterte knapp in der Qualifikation. Foto: dpa/Andreas Gora

FUSSBALL FRAUEN

2016, beim Finale des Olympiaturniers von Rio, wurde eine Saarländerin zur gefeierten Heldin. Dzsenifer Marozsan erzielte beim 2:1-Sieg der deutschen Frauen gegen Schweden das erste Tor mit einem direkten Freistoß aus 18 Metern selbst und bereitete das zweite vor. Vier Jahre später wird Marozsan (Olympique Lyon) zuschauen müssen – Olympia in Tokio geht ohne die deutschen Kickerinnen über die Bühne. Grund dafür war die 1:2-Niederlage der DFB-Auswahl gegen Schweden im Viertelfinale der WM 2019 in Frankreich. Bitter: Deutschland hatte seit 1995 gegen Schweden bei Europa- und Weltmeisterschaften sowie Olympischen Spielen keine Partie mehr verloren. Neben Stammspielerin Marozsan schaut so nun auch Lena Lattwein (TSG Hoffenheim) im Sommer 2020 nur zu. Die 21-Jährige aus Hüttigweiler hat es mittlerweile schon auf fünf Länderspiele gebracht und hätte sich gute Chancen ausrechnen können, zum Aufgebot dazuzugehören.

FUSSBALL MÄNNER

Ein Saarländer hat seinen Platz in der deutschen Fußballauswahl für Tokio 2020 schon lange sicher: U21-Bundestrainer Stefan Kuntz aus Neunkirchen ist der Architekt des Erfolges in den vergangenen Jahren. Seit der U21-EM 2019 weiß Kuntz, dass er in Tokio dabei ist. Zwar verlor die U21 das Finale gegen Spanien mit 1:2, für die Fahrkarte nach Japan genügte das aber.

U 21-Bundestrainer Stefan Kuntz hat gut lachen – er erfüllt sich mit der Olympia-Teilnahme in Tokio einen sportlichen Traum. Foto: dpa/Bernd Thissen

Dass auch ein saarländischer Kicker von Kuntz im Sommer mitgenommen wird, ist eher unwahrscheinlich. Florian Müller, der saarländische Torwart des FSV Mainz 05, gehörte zum Aufgebot der EM-Mannschaft (ohne Einsatz), hat aber in dieser Saison seinen Stammplatz im Tor der Mainzer verloren. Eine Nominierung des 22-jährigen Saarlouisers ist somit eher unwahrscheinlich, zumal nur zwei Torhüter dabei sein werden. Kuntz darf nach Tokio allerdings auch drei Spieler nominieren, die nach dem 1. Januar 1997 geboren sind. Das eröffnet Spielern wie dem Uchtelfanger Patrick Herrmann (Borussia Mönchengladbach) oder dem Merziger Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt) zumindest die theoretische Möglichkeit. Sein Olympiageheimnis lüften will Kuntz erst im Juni.

RINGEN

Für Köllerbachs Vorzeigeringer Etienne Kinsinger (in Rot) wird die Qualifikation für die Olympischen Spiele eine große Herausforderung. Foto: Andreas Schlichter

Sich die Teilnahme bei Olympia zu erkämpfen, ist per se schon schwer. In der Sportart Ringen vielleicht sogar noch einen Tick schwerer als in manch anderen. Die Leistungsdichte ist immens hoch. Die Anzahl der Startplätze liest sich mit 288 (Männer und Frauen) zwar groß, relativiert sich aber aufgrund der je sieben Gewichtsklassen bei den Männern in zwei Stilarten (Freistil und griechisch-römisch) sowie sechs bei den Frauen im Freistil. Pro Gewichtsklasse stehen also nur 16 Startplätze zur Verfügung. Sechs davon sind seit der WM 2019 vergeben – es sind sogenannte Quotenplätze, die die ersten Sechs der WM für ihre Länder errungen haben. Bislang hat Deutschland fünf Quotenplätze auf der Habenseite – in den Klassen bis 67, 87 und 130 Kilogramm im griechisch-römischen Stil sowie in der Klase bis 68 und bis 76 Kilogramm bei den Frauen.

Etienne Kinsinger, der 20-jährige Greco-Spezialist des KSV Köllerbach, ist aus saarländischer Sicht derjenige, der sich am ehesten Hoffnungen machen darf, bei einem der verbleibenden Qualifikationsturniere noch ein Ticket für Tokio zu ergattern. Bei der WM 2019 konnte Kinsinger als 28. in der Klasse bis 60 Kilogramm alles andere als zufrieden sein. Die nächste Chance, es besser zu machen, gibt es vom 19. bis 22. März. Dann werden beim Turnier im ungarischen Budapest zwei Plätze für europäische Athleten ausgerungen. Eine weitere Chance bietet sich vom 30. April bis zum 3. Mai in Sofia/Bulgarien. Dieses letzte Turnier ist aber nicht auf Europa beschränkt, sondern es dürfen Ringer aus allen Kontinenten teilnehmen. Kinsinger dürfte aufgrund seiner führenden Position in seiner Gewichtsklasse recht sicher für diese Turniere infrage kommen.

Leichte Hoffnungen hegt auch Gennadji Cudinovic. Der 25-Jährige vom AC Heusweiler geht in der Klasse bis 97 Kilogramm im freien Stil auf die Matte, muss sich aber erst gegen die starke deutsche Konkurrenz durchsetzen, um für Budapest oder Sofia nominiert zu werden.

RHYTHMISCHE SPORTGYMNASTIK

Die 18-jährige Daniela Huber vom TV Rehlingen ist Kapitänin der deutschen Nationalmannschafts-Gruppe, die am Stützpunkt in Schmiden bei Stuttgart lebt und trainiert. Die erste Chance, sich für Olympia zu qualifizieren, verpassten die Deutschen bei der WM 2019 in Baku/Aserbaidschan. Platz 15 war zu wenig – Platz neun hätte es sein müssen. Die nächste und zugleich letzte Möglichkeit bietet sich bei der Europameisterschaft vom 21. bis 24. Mai in Kiew/Ukraine. Dort wird noch ein Platz vergeben. Bislang haben aus Europa Russland, Italien, Bulgarien, Weißrussland, Aserbaidschan, Israel und die Ukraine ein Tokio-Ticket. Wenn die Deutschen also bei der EM hinter diesen Nationen landen, macht das nichts. Sollte sich aber irgendeine andere Nation vor Huber und Co. platzieren, ist das Ticket futsch. > wird fortgesetzt