Saarländischer Fußball-Verband unter Druck wegen Atacke auf Schiris

Kostenpflichtiger Inhalt: Nach Übergriff auf Unparteiischen in Merzig : Schiedsrichter im Saarland drohen mit Boykott von Spielen

Schiris zeigen der Spitze des Saarländischen Fußball-Verbands (SFV) die gelbe Karte. Streikaufruf per Rundmail.

Die Wut vieler Schiedsrichter ist riesig und droht sich nun in einer weitreichenden Aktion Luft zu machen. Das würde Fußball-Partien – sowohl Sportler und Betreuer auf der einen Seite sowie Fans auf der anderen – auf Kreisebene und im Jugendbereich bis ins Mark treffen. Denn die ehrenamtlichen Unparteiischen drohen damit, ein Wochenende lang nicht zu pfeifen. Damit wäre ein regulärer Spielbetrieb so gut wie unmöglich, massenweise Ausfälle landauf landab vorprogrammiert.

Weiskircher Kollege niedergeschlagen

Auslöser für diese drastische Ankündigung: Viele Schiedsrichter fühlen sich von ihrem Saarländischen Fußball-Verband (SFV) im Stich gelassen, wenn es um Gewalt gegen sie geht. Insbesondere Vertreter des Schiedsrichterkreises Westsaar (Merzig, Dillingen, Saarlouis) sind außer sich vor Wut, nachdem einer ihrer Kollegen aus Weiskirchen am vergangenen Samstag (24. August) krankenhausreif geschlagen worden war.

Ärger über Verbandsgeschäftsführer

Das Fass zum Überlaufen brachte die Äußerung des SFV-Geschäftsführers Andreas Schwinn. Er hatte in der Saarbrücker Zeitung den aktuellen Fall als „absolute Ausnahme“ bezeichnet. Weiter sagte er, dass ihm solch eine Aggression seit Beginn seiner Verbandsarbeit 2001 nur ein einziges weiteres Mal untergekommen sei. „Das ist eine Frechheit. Wir fühlen uns in den Arsch getreten“, reagierte darauf Oliver Thome. Der 49 Jahre alte Waderner habe einige Beispiele der vergangenen Jahre parat, bei denen Schiris angegriffen und verletzt worden seien. Er selbst habe das am eigenen Leib zu spüren bekommen. So habe ihn im Februar 2017 ein Spieler in Besseringen bei einer Partie in der Kreisliga A noch auf dem Spielfeld von hinten mit der Faust in die Nieren geboxt. Die Polizei habe einschreiten müssen. Thome war zwei Wochen krank zu Hause. Der Kicker wurde 20 Monate gesperrt.

Weitere Fälle von Prügel-Attacken

Ähnlich sei es seinem Kollegen Axel Schneider (51), ebenfalls aus Wadern, ergangen: Seine schmerzhafte Begegnung liegt weniger lang zurück, wie er schildert. Im April 2018 habe ein Torwart, ebenfalls während einer Kreisliga-A-Begegnung in Schmelz 16 Meter Anlauf genommen, Schneider zuerst mit dem Ellbogen in die Rippen gestoßen, ihn dann in den Schwitzkasten genommen und gewürgt. Es folgten für den Angegriffenen sieben Tage Krankenschein wegen Prellungen und eines Hals-Wirbel-Schleudertraumas. Der brutale Spieler bekam 16 Monate Platzverbot. 2004 hatte ein anderer Fußballer Schneider mit der Faust ins Gesicht geboxt. Damals sei das Opfer ebenfalls eine Woche arbeitsunfähig gewesen.

Unparteiischer: Feindseligkeit steigt

Er und Thome schildern übereinstimmend, dass die Feindseligkeit zugenommen habe. Thome: „Besonders in der Kreisliga A ist es extrem.“ Zu Polizeieinsätzen komme es regelmäßig. Darum wirft er dem SFV-Geschäftsführer vor, die angespannte und gefährliche Lage „unter den Teppich zu kehren“.

Streikaufruf per Rundmail

Grund genug für den leidgeprüften Unparteiischen, als Konsequenz nach der neuerlichen Attacke von Merzig mit einer der SZ vorliegenden Rundmail im Schiedsrichterkreis Westsaar die Kollegen aufzufordern: „Lasst uns alle Solidarität zeigen (...) und den Vereinen und dem Verband zeigen, wer den längeren Atem hat und geben alle Spiele für die nächsten zwei Spieltage zurück und gehen nicht pfeifen.“ Nicht nur Thome habe den Eindruck. dass sie alleingelassen werden. In dem Schreiben heißt es wörtlich: „Wir werden weder vom Verband noch von den Vereinen geschützt.“ Das soll sich durch die Protestaktion ändern. Thome in der E-Mail: „Das Maß ist endgültig voll. Da keiner für uns zuständig ist, schlage ich vor, dass wir uns erstmals selbst schützen.“

Erste Absagen von Kollegen

Einige sollen bereits dem Aufruf gefolgt sein, wie der Schiedsrichter-Obman Alfons Fries (67) aus Losheim bestätigt. Allerdings halte er nichts von diesem Protest, da dieser seiner Ansicht nach nicht bei der Verbandsspitze in Saarbrücken ankomme. „Dadurch wird sich nichts verbessern.“ Vielmehr setze er darauf, dass der Kreisschiedsrichter-Ausschuss in den kommenden anderthalb Wochen einen Vorschlag erarbeitet, wie der SFV für mehr Schutz der Unparteiischen sorgen kann. Fries: „Schnellschüsse und Einzelgänge führen zu nichts“, wenngleich er sich ebenso solidarisch hinter den verletzten Kollegen stellt, der sich zuhause zurzeit kuriere. Fries spricht bei solchen Taten von Ausnahmen, die er „in der Art noch nie erlebt habe“.

Opfer weiterhin arbeitsunfähig

Nach einer C-Junioren-Begegnung am Samstag im Merziger Stadtteil Brotdorf hatte mutmaßlich der Vater eines Spielers sein Opfer hinterrücks mit zwei Schlägen in den Nacken und auf den Kopf attackiert. Der 37-Jährige musste mehrere Tage mit Gehirnerschütterung in der Klinik der Kreisstadt bleiben. Auch Tage nach dem Angriff leidet der Weiskircher unter Kopfschmerzen, wie es am Donnerstag (29. August) aus Schiedsrichterkreisen hieß.

Kritik an Sportgerichtsbarkeit

Unterdessen kündigte der Fußballverband an, diesen Angriff sportgerichtlich prüfen zu lassen. Doch an diesem Verfahren setzt sogar verbandsintern die nächste Kritik an: So könne zwar der Beschuldigte vor der SFV-Spruchkammer mit bis zu zwei Anwälten aufschlagen, um sich zu verteidigen. Der angegriffene Schiedsrichter indes werde nur als Zeuge und nicht als Nebenkläger geladen und habe damit auch keinen Anspruch auf juristischen Beistand, berichtet ein Insider.

Insider: Verfahren schreckt ab

Und von diesem konkreten Beispiel vom 25. Mai dieses Jahres: Da soll während einer Partie der C-Junioren (Zwölf- bis 13-Jährige) zwischen Friedrichsthal und Schafbrücke ein Schiedsrichter von einem jungen Spieler beleidigt und beschimpft worden sein. Das Ganze sei vor der Spruchkammer gelandet. Der Spieler in Begleitung seiner Eltern und Anwälten, der Schiedsrichter sich selbst überlassen. Der Kicker erhielt eine Sperre für zwei Spiele. „Solche Fälle schrecken viele Schiedsrichter ab, diesen Weg zu gehen.“

Obmann: Ehrenamtler springen ab

Es sei an der Zeit, dass der Fußballverband die Schiris besser schütze, fordert der Informant, der ungenannt bleiben will. Denn es werde immer schwieriger, Ehrenamtler zu rekrutieren. Dem stimmt auch der Losheimer Obmann Fries zu. „Ich habe in den letzten drei Monaten aus meiner Liste 15 Leute gestrichen, die nicht mehr auf dem Feld stehen.“ Zurzeit könne er im Raum Merzig zwischen Perl an der luxemburgischen Grenze und Wadern-Buweiler im Osten gerade mal auf noch rund 100 Kollegen zurückgreifen. „Da kann der Verband froh sein, wenn sich noch welche zur Verfügung stellen.“

Unterstützung für Protest

Doch während er –- anders als Thome – Streik nicht als zielführend erachtet, ermutigt der Vertreter aus dem Verband seine Kollegen im Nordsaarland: „Es wird sich erst etwas ändern, wenn ein Spieltag komplett nicht besetzt ist.“ Denn der Verband sei dazu verpflichtet, seine Schiedsrichter zu schützen, „bis sie das Gelände verlassen haben“. Rund 1000 Ehrenamtler sind das landesweit.

Mehr von Saarbrücker Zeitung