Russland-Urteil wird zur Hängepartie

Russland-Urteil wird zur Hängepartie

Nach dem McLaren-Bericht hat das Internationale Olympische Komitee noch nicht über einen Olympia-Auschluss Russlands entschieden. Das IOC will erst das CAS-Urteil über die russischen Leichtathleten abwarten.

Kein direkter Olympia-Ausschluss Russlands, die Hängepartie ist eröffnet: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wird frühestens morgen ein Urteil über die mögliche Verbannung Russlands von den Olympischen Spielen in Rio (05. bis 21. August) fällen. Das teilte das IOC nach einer mehrstündigen Telefonkonferenz des Exekutiv-Komitees unter Leitung von Präsident Thomas Bach gestern mit.

Spätestens am Donnerstag urteilt der Internationale Sportgerichtshof CAS über 68 russische Leichtathleten , die nach der Sperre durch den Weltverband (IAAF) ihre Teilnahme in Rio vor der letzten Instanz der Sportgerichtsbarkeit erzwingen wollen. Dieser Entscheidung will das IOC nicht vorgreifen. Es werde "die CAS-Entscheidung am Donnerstag ebenso in Betracht ziehen wie den Welt-Anti-Doping-Code und die Olympische Charta". Laut IAAF dürfen nur jene Leichtathleten aus dem größten Land der Welt in Rio starten, die nachweislich nicht dem russischen Doping-Kontrollsystem unterstanden.

Zudem setzte das IOC eine fünfköpfige Disziplinar-Kommission unter Leitung des Franzosen Guy Canivet, stellvertretender Vorsitzender der IOC-Ethikkommission, ein, die sich mit den russischen Verfehlungen befasst. Zusätzlich verabschiedete das IOC einige Sofortmaßnahmen. Unter anderem werden vorerst keine IOC-Sportveranstaltungen in Russland mehr organisiert. Auch die Planungen bezüglich möglicher Europaspiele 2019 in Russland wurden auf Eis gelegt. Zudem wird kein Mitglied des russischen Sportministeriums eine Akkreditierung für die Olympischen Spiele in Rio erhalten. Überdies wird es Nachtests aller russischer Dopingproben der Winterspiele in Sotschi geben.

In der Frage des Komplett-Ausschlusses will sich das IOC offenbar Zeit nehmen. Der von Richard McLaren veröffentlichte Bericht hatte festgestellt, dass es in Russland "mindestens von Ende 2011 bis August 2015" ein staatlich gelenktes Doping-System gegeben habe.

"In Hinblick auf die Beteiligung der russischen Athleten bei den Spielen 2016 in Rio wird das IOC sorgfältig den WADA-Bericht bewerten. Es wird die rechtlichen Möglichkeiten mit Blick auf ein kollektives Verbot aller russischen Athleten für die Olympischen Spiele 2016 gegenüber dem Recht auf individuelle Gerechtigkeit abwägen", hieß es in der Mitteilung. DOSB-Präsident Alfons Hörmann lobte das behutsame Vorgehen. "Ich denke, es ist eine kluge Entscheidung, abzuwarten, wie die Dinge am Donnerstag vor dem CAS dargestellt werden", sagte Hörmann: "Es geht nicht um eine schnelle Entscheidung, sondern eine bestmögliche. Es geht nicht nur um Rio, sondern um einen Meilenstein im Anti-Doping-Kampf."

Für den russischen Sport könnte es bald sogar noch schlimmer kommen. Nun scheint selbst die Austragung der Fußball-WM in zwei Jahren nicht mehr zweifelsfrei sicher. Die Fifa kündigte Ermittlungen an, zumal Russlands Sportminister Witali Mutko auch Organisationschef der Fußball-WM ist. Unter Mutko kam das russische Doping-Programm mit 643 vertuschten Proben im Zeitraum von 2012 bis 2015 zur Anwendung. Russlands umstrittener Sportminister darf aber vorerst im Amt bleiben. "Mutko wurde im WADA-Report nicht als Hintermann hinter den Verfehlungen erwähnt, er wird dessen nicht wie andere Personen verdächtigt", sagte Kreml-Sprecher Dimitri Peskow gestern.

Sollte es zu einer Suspendierung des gesamten russischen Teams kommen, können sich deutsche Athleten und Teams Hoffnungen auf Nachrücker-Plätze für Rio machen.

Zum Thema:

Auf einen Blick Pressestimmen zum Wada-Bericht über Staatsdoping in Russland: Sport-Express (Russland): "Die Möglichkeit eines traurigen Endes ist leider sehr real." Rossijskaja Gaseta (Russland): "Der Wada-Bericht enthält keine konkreten Beweise, die Dopingverstöße während Olympia in Sotschi belegen. Alles stützt sich auf Aussagen des Ex-Chefs des Moskauer Anti-Dopinglabors, Grigori Rodschenkow. Angesichts seines zweifelhaften Rufs kann man seinen Erklärungen kaum vertrauen." The Guardian (England): "Russland in Rio auszuschließen ist zwingend notwendig, um die Glaubwürdigkeit der Olympischen Spiele zu retten." Pravo (Tschechien): "Die Lektüre des Wada-Berichts gibt keinen Grund zur Freude." De Telegraaf (Niederlande): "Russland hat den Sport als Vehikel seines Machtdenkens missbraucht und jedes Mittel war recht, um Medaillen zu holen. Das ist eine Strategie, die an die Hoch-Zeiten der DDR erinnert." dpa