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Russland-Frage spaltet deutsches Rio-Team

Russland-Frage spaltet deutsches Rio-Team

Soll Russland von den Sommerspielen in Rio ausgeschlossen werden, oder nicht? Diese Frage beschäftigt derzeit auch das deutsche Olympia-Team. Einig sind sich die Sportler dabei nicht.

Ein Team, viele Meinungen: Die Russland-Frage spaltet die deutsche Olympia-Mannschaft. Während ein großer Teil nach Aufdeckung des staatlich gestützten Dopingsystems in Russland durch den McLaren-Report die Verbannung der russischen Mannschaft von den Spielen (5. bis 21. August) begrüßen würde, lehnen andere eine Pauschalbestrafung ab.

Kugelstoß-Europameister David Storl hat sich klar für einen Ausschluss aller russischen Sportler ausgesprochen. "Es ist hart gegenüber den Athleten. Aber es ist ja nun klar, dass es staatlich gelenkt ist und dass es ein System ist", sagte der 25-Jährige gestern beim Medientag des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Daher werde es "einfach mal Zeit, ein Zeichen zu setzen", betonte der Olympia-Zweite von 2012.

Seine Trainingspartnerin Christina Schwanitz bekräftigte dagegen ihre differenzierte Haltung zu einem kompletten Ausschluss. "Ich finde es unfair, dass alle über einen Kamm geschert werden und allen unterstellt wird, dass sie dopen", sagte die Medaillenhoffnung.

"Es ist schwierig, aus der Entfernung eine Antwort zu finden", sagt Springreiter Ludger Beerbaum , der in Rio seine siebten Sommerspiele erlebt. "Da es Staatsdoping ist, und selbst höchste Stellen in Putins Apparat eingeweiht waren, muss man mit der härtesten Strafe antworten. Dennoch tue ich mir schwer mit Pauschalurteilen."

Tischtennis-Star Dimitrij Ovtcharov wandte sich gegen eine Komplett-Sperre, zeigte sich aber vom Ausmaß des Betrugs betroffen: "Die Dimension ist unvorstellbar." Ovtcharov kennt die russischen Verhältnisse gut, spielt beim Top-Klub Fakel Orenburg. Dass im McLaren-Bericht ein Doping-Fall aus dem Tischtennis auftauchte, müsse untersucht werden. Zu Rio sagte der Top-Spieler: "Wer aber sauber ist, sollte fahren."

Schwimm-Bundestrainer Henning Lambertz forderte, bei den Strafen genau zu unterscheiden. "Es sollten alle Sportarten ausgeschlossen werden, wo nachgewiesen werden kann, dass sie zum staatlichen Doping dazugehört haben", sagte Lambertz. Zuvor hatte Christian Schreiber, der Vorsitzende der Athletenkommission im DOSB, klargemacht, dass der McLaren-Bericht nur eine Konsequenz zulasse: "Das kann eigentlich nur zu einem kompletten Ausschluss führen. Das ist auch das, was wir als Athletenkommission fordern. Wir schließen uns der Forderung der WADA und der IOC-Athletenkommission an."

Das Strafmaß, das das IOC bis spätestens Dienstag verkünden will, könnte stark beeinflusst werden durch die CAS-Entscheidung heute. 68 russische Leichtathleten haben gegen ihre Aussperrung von den Spielen durch ihren Weltverband geklagt. "Alles andere als eine Bestätigung der Sperre wäre von der sportpolitischen Wirkung her eine Katastrophe, weil Betrug eine Legitimierung erhalten würde", sagte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Noch ist das Urteil über das Olympia-Aus Russlands nicht gefallen, doch schon jetzt sind deutsche Athleten als Nachrücker im Gespräch. Allen voran die deutschen Volleyball-Männer, die beim Quali-Turnier Anfang des Jahres in Berlin knapp scheiterten. "Wir wissen nicht, wie unsere Chancen genau aussehen, weil der Weltverband für den Fall keine klaren Kriterien hat", sagte Generalsekretär Jörg Ziegler vom Deutschen Volleyball-Verband (DVV). Hoffnungen auf ein verspätetes Ticket sind aber nicht unbegründet: Der McLaren-Bericht hatte enthüllt, dass von den 643 manipulierten Doping-Proben in Russland acht aus dem Volleyball stammen. Das deutsche Nationalteam scheiterte beim europäischen Quali-Turnier in Berlin im Spiel um Platz drei knapp mit 2:3 an Polen. Polen und der Zweitplatzierte Frankreich lösten später bei einem weiteren Turnier ihre Rio-Tickets. Turniersieger in Berlin wurde Russland.

Der Deutsche Boxsportverband spekuliert darauf, in Rio noch eine Frau in den Ring schicken zu können. Vize-Europameisterin Sarah Scheurich (Schwerin) war beim Quali-Turnier im Halbfinale an Jaroslawa Jakuschina gescheitert und musste der Russin das Ticket überlassen. "Es wäre nur gerecht, wenn sie jetzt nach Rio fahren dürfte", sagte DBV-Sportdirektor Michael Müller . Hoffnungen auf einen Nachrücker-Platz machen sich auch der Bundesverband Deutscher Gewichtheber und der Deutsche Fechterbund.

IOC-Mitglied Dick Pound, früherer Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur, glaubt jedoch, dass das IOC sehr zurückhaltend bezüglich eines Komplett-Ausschlusse ist. "Wenn du so etwas Dramatisches machst und ein ganzes Team suspendierst, willst du sicher sein, dass du im Vorfeld nicht irgendwas übersehen hast", sagte er der BBC.