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Fußball-Bundesliga
„Auch Mainz 05 muss investieren“

Feiern erlaubt: In der ersten Runde des DFB-Pokals setzte sich Mainz 05 souverän mit 3:1 bei Erzgebirge Aue durch. Die Profis jubelten anschließend mit den mitgereisten Fans.
Feiern erlaubt: In der ersten Runde des DFB-Pokals setzte sich Mainz 05 souverän mit 3:1 bei Erzgebirge Aue durch. Die Profis jubelten anschließend mit den mitgereisten Fans. FOTO: dpa / Robert Michael
Mainz. Der Sportvorstand des Fußball-Bundesligisten spricht vor dem Saisonauftakt unter anderem über den wilden Transfermarkt. Von Frank Hellmann

Rouven Schröder (42) ist seit Mai 2016 Sportdirektor, seit Juli 2017 Sportvorstand beim Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05. Vor dem Saisonstart spricht er im SZ-Interview über seine Frankreich-Vorliebe bei der Spielersuche, millionenschwere Transfers und seine Beteiligung an der WM-Analyse.


Herr Schröder, der Saisonauftakt der Fußball-Bundesliga ist gleichzeitig ein Stelldichein vieler neuer Gesichter. Sind Ihnen denn alle Neuzugänge der Konkurrenz geläufig, die beispielsweise am ersten Spieltag in der Startelf auftauchen?

ROUVEN SCHRÖDER Wenn ein Spieler mir nicht bekannt ist, bilde ich mich relativ schnell fort, um ihn kennenzulernen. Grundsätzlich sind einem durch den Markt die meisten Akteure bekannt, mit denen man sich teilweise selbst beschäftigt hat. Ich finde es sogar spannend zu verstehen, warum gewisse Vereine gewisse Spieler verpflichten.



Lässt sich beziffern, mit wie vielen Spielerprofilen Sie sich im Sommer auseinandergesetzt haben?

SCHRÖDER So etwas wird gerne als Schlagzeile genommen. Nein, das zähle ich nicht, aber es wird eher mehr als weniger, weil in dem Markt mehr Geld unterwegs ist. Dabei ist immer mehr Vorsicht geboten.

Es fällt auf, dass sich die Märkte verschoben haben. Frankreich scheint ein Eldorado als Einkaufsland geworden zu sein, Spanien ist im Kommen, während Südamerika oder Afrika für die Bundesliga an Faszination eingebüßt haben. Stimmt der Eindruck?

SCHRÖDER Da sollte man von Verein zu Verein differenzieren. Wir verschließen uns generell keinem Markt, aber es stimmt: Mainz 05 hat sich auch vor meiner Zeit nicht unbedingt auf dem brasilianischen Markt bedient. Unser Anspruch ist zunächst, einen Spieler aus Deutschland zu verpflichten, aber das wird immer schwieriger, weil wir im direkten Vergleich mit wirtschaftlich stärkeren Clubs dann selbst bei Top-Zweitligaspielern finanziell nicht mithalten können.

Und deshalb kaufen Sie lieber in Frankreich ein?

SCHRÖDER Wir sind von gewissen Märkten – und da gehört Frankreich dazu – einfach überzeugt. Wir haben da ein sehr gutes Gefühl, dasselbe gilt für Spanien, weil es sehr gut ausgebildete Spieler gibt, die zum einen bei uns den Weg für eine Weiterentwicklung sehen, aber zum anderen sich auch sagen: Ich hätte woanders vielleicht mehr verdient, fühle mich da aber wohler.

Mit Jean-Philippe Mateta und Moussa Niakhaté kommen zwei Ihrer Toptransfers aus der Weltmeister-Liga, mit dem nach Dortmund verkauften Abdou Diallo und dem umworbenen Jean-Philippe Gbamin haben sie prima Erfahrungen gemacht.

SCHRÖDER Für mich war dieser Markt schon seit Längerem interessant, weil die Spielertypen gefallen. Die Franzosen haben sich auf die Hinterbeine gestellt, als sie nur die Fersen von vielen Nationen gesehen haben. Sie haben den breiten Zufluss durch die Kolonialstaaten in ihrer Jugend genutzt, um ganz konzentriert in den Stützpunkten zu arbeiten. In allen U-Nationalmannschaften Frankreichs steckt enorme Qualität. Dazu kommt eine natürliche Stärke durch ihre Athletik und Robustheit. Das gilt selbst für die Reservisten mancher Erstligisten.

Deutsche Talente sind hingegen rarer geworden?

SCHRÖDER Teilweise. Und diejenigen, die uns weiterhelfen würden, sind für uns zu teuer. Das muss man klipp und klar so sagen. Von der Ablöse könnten wir es theoretisch sogar stemmen, aber das Gehalt ist das Problem. Da zerbricht man schnell das eigene Gehaltsgefüge.

Bereitet Ihnen die rasante Verteuerung auf dem Transfermarkt Bauchschmerzen? Da werden sieben und acht Millionen Euro Ablöse für 21-Jährige aufgerufen – und Sie bekommen nicht mal gestandene Nationalspieler für das Geld.

SCHRÖDER Das ist der Markt. Und wenn wir in der Bundesliga spielen wollen, müssen wir in diesem Markt mitspielen. Dabei haben sich die Schwellen verschoben: Spieler, die vor zwei, drei Jahren zweieinhalb Millionen gekostet haben, kosten jetzt fünf Millionen. Und bei dem für fünf Millionen werden heute acht aufgerufen. Die Spirale dreht sich nach oben. Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen wir auch investieren, was wir – wie im Sommer bewiesen – getan haben. Wir setzen auf Profis, die noch einiges an Potenzial mitbringen, und sind uns darüber bewusst, dass die Entwicklung bei dem einen oder anderen Spieler auch mal nicht wie geplant funktionieren kann. Philipp Mwene (ablösefrei gekommen vom 1. FC Kaiserslautern, Anm. der Red.) war mit 24 Jahren unser ältester Neuzugang, die anderen stammen aus den Jahrgängen 1995, 1996 und 1997. Trotzdem fühlen wir uns mit der Gesamtstruktur des Kaders nach der Vorbereitung und dem Pokal sehr wohl. Wir werden uns auch von verfrühten Bewertungen nicht unter Druck setzen lassen.

Aber noch mal zur Preistreiberei: Sie haben also keine Möglichkeit, grundsätzlich aus dem Pokerspiel auszusteigen?

SCHRÖDER Ich glaube, dass wir für eine gewisse Qualität einfach bezahlen müssen. Und die abgebenden Vereine gehen nicht ans Telefon und sagen: Die armen Mainzer, denen kommen wir mal entgegen. Wer zehn Jahre Bundesliga am Stück spielt, wird auf dem Markt als vollwertiges Mitglied angesehen. Das wollen wir übrigens auch. Dann ist es ein ganz normaler Prozess, dass wir nach gewissen Ablösen gefragt werden – ohne, dass wir deswegen alles mitmachen.

Aber wenn vor zwei Jahren der Präsident des FC Metz für seinen 22 Jahre alten Innenverteidiger am Telefon acht Millionen Euro verlangt hätte, hätten Sie doch sofort wieder aufgelegt.

SCHRÖDER Ja, weil wir das Budget einhalten müssen. In diesem Sommer hatten wir eine besondere Situation durch den Verkauf von Abdou Diallo für 28 Millionen zu Borussia Dortmund. Daher konnten wir auch mehr ausgeben.

Und Sie konnten beim noch höher taxierten Mega-Angebot für Gbamin sogar Nein sagen.

SCHRÖDER Das war ein Kompliment für den Gesamtverein, bei solch einem Angebot den Spieler nicht gehen zu lassen. Das war ein Statement und auch ein Signal für Mainz 05: Wir hätten einen gut integrierten, ganz wichtigen Spieler auf der Sechser-Position verloren. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass wir mit dem Geld für Gbamin nicht glück­lich geworden wären.

Wer aus der Vogelperspektive draufschaut, könnte den Eindruck gewinnen, dass Heribert Bruchhagen Recht behält mit seiner These, dass die Flut alle Boote hebt?

SCHRÖDER Ja, trotz allem sollte man immer einen Anker im Boot haben! Was ich sagen will: Wir können uns mit nach oben entwickeln, müssen aber bodenständig bleiben. Gerade hier in Mainz.

Ihr nächster Rekordtransfer könnte 2019 folgen mit dem von Espanyol Barcelona ausgeliehenen Linksverteidiger Aaron Martín Caricol, bei dem eine Kaufoption vereinbart ist. Sie sehen in ihm einen kommenden spanischen A-Nationalspieler. Wieso verirrt so einer sich nach Mainz?

SCHRÖDER Seine Verpflichtung war ein begleitender Prozess von mehreren Monaten. Man sieht bei ihm runde Abläufe, gute Technik, schnelle Passfolgen – aber er muss körperlich zulegen. Wir haben ihn zum richtigen Zeitpunkt an die Strippe bekommen, und Spieler und Management sind stabil geblieben, als es andere Angebote gab. Bei ihm muss der erste Schritt ins Ausland sitzen, um seine Karriere jetzt anzuschieben. Er kann sich bei uns in aller Ruhe integrieren und muss keine Angst haben, dass wir Stoppschilder aufstellen, wenn er sich entsprechend weiterentwickelt.

Haben Sie in den Verhandlungen registriert, dass das Ansehen der Bundesliga durch die WM gelitten hat?

SCHRÖDER Nein.

Klare Aussage.

SCHRÖDER Die Bundesliga hat durch die WM nicht an Attraktivität verloren. Das ist meine Erfahrung aus den Gesprächen, aber auch mein eigenes Gefühl.

Endzeit-Szenarien wie sie zuletzt etwa Stefan Effenberg entwirft, sind also fehl am Platze?

SCHRÖDER Das sind plakative Aussagen, die jetzt erst einmal im Raum stehen. Und sicherlich werden die Sinne geschärft. Nochmal: Wir haben ein gutes Niveau und Jahr für Jahr gute Spieler, die in unsere Liga kommen. Natürlich wissen wir, dass die Primera División eine herausragende Arbeit macht und aus meiner Sicht zu unrecht im Schatten der Premier League steht. Vielleicht kam dieser Schuss vor den Bug zur rechten Zeit, weil uns klar wird, dass wir nicht der Nabel der Welt sind.

Haben Sie sich eigentlich in die WM-Aufarbeitung auch in irgendeiner Form eingebracht? Zehn Clubmanager waren immerhin am Dienstag dabei, als Bundestrainer Joachim Löw zum Gipfeltreffen in die DFL-Zentrale kam.

SCHRÖDER Ich habe genügend Aufgaben vor Ort zu erledigen und volles Vertrauen in die Verantwortlichen. Es wird wieder bessere Momente bei der Nationalmannschaft geben, wir werden zu alter Stärke zurückfinden. Hunger und Gier müssen wiederkommen. Ich bin wie jeder Fan enttäuscht gewesen, aber das gehört zum Sport eben auch dazu. Um alles komplett zu hinterfragen – von der Vorbereitung bis zur Nachbereitung –, war es sicherlich gar nicht verkehrt, dass wir nach der Vorrunde Letzter waren. Aber ich bin nicht so gestrickt, dass ich da jetzt öffentliche Ratschläge erteile.

Die Fragen stellte Frank Hellmann.